Landeshauptstadt Mainz Direkt zum Inhalt
Im Südwesten von Mainz blickt die katholische Kirche St. Stephan vom gleichnamigen Berg hinab auf die Altstadt. Sie wurde 990 von Otto III. auf Anregung von Willigis, dem damaligen Erzbischof und Erzkanzler von Mainz, als „Gebetsstätte des Reiches" für den Frieden errichtet.
Die ursprüngliche Stiftskirche - eine doppelchörige Basilika im ottonisch-vorromanischen Stil - stand auf einer früheren römischen Wohnsiedlung. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichtete man auf dem vorhandenen Fundament den gotischen Neubau, eine dreischiffige Hallenkirche. Auf Grund von
Spendenregistern und Ablassbriefen ist es möglich die Bauzeit auf den Zeitraum von 1290-1340 zu datieren.
„Jeder Sonnenstrahl, der nach Mainz kommt, fällt durch eines der 21 großen Fenster in den Kirchenraum", so beschreibt Monsignore Klaus Mayer, der frühere Pfarrer von St. Stephan (1965-1991) die Transparenz des Kircheninneren. Klaus Mayer war es auch, der 1973 den Kontakt zu dem Künstler Marc Chagall (1887-1985) suchte, um ihn für die Neugestaltung der Fenster des Ostchores zu gewinnen. Chagall setzte schließlich in neun von ihm gestalteten Glasfenstern Motive der Bibel um. Am 23. September 1978 wurde das erste Chagall-Fenster eingeweiht.
Das vom Land Rheinland-Pfalz gestiftete Mittelfenster zeigt Gott in der Begegnung mit Persönlichkeiten aus dem Alten Testament. Verschiedene Szenen aus der Bibel, Abraham und die drei Engel (Gen 18,1-10), die Fürsprache Abrahams (Gen 18,20-33), das Opfer des Isaak (Gen 22,1-18), der Traum Jakobs (Gen 28,10-17) und Moses, der dem Volk das Gesetz bringt (Ex 34,27-32) vereinen die beiden Fensterhälften thematisch.
Bei der Darstellung der Rede des Moses von den beiden Wegen (Dtn 30,15-20), stellt Chagall die Architektur in seinen Dienst. Die Zweiteilung des Fensters wird an dieser Stelle genutzt, um den Inhalt der Rede - die Wahl der Menschen für oder gegen Gott - zu unterstützen. Jede der beiden Fensterhälften verjüngt sich schließlich in einem Spitzbogen. Diese werden wiederum von einem Dreipass gekrönt, in dem ein Engel Gottes mit dem siebenarmigen Leuchter - Symbol für Licht, Leben, Frieden, Freude und Heil (Ps 85,9-14) - schwebt.
Im Blick auf die Fenster faszinieren vor allem die Farben. Meditative Blautöne, ergänzt durch das Zusammenspiel von Grün-, Gelb-, und Rottönen tragen zur Lebendigkeit der Darstellungen bei. Das letzte seiner Fenster vollendete Chagall, der 1981 Ehrenbürger von Mainz wurde, jedoch nie die Stadt besuchte, kurz vor seinem Tod im 98. Lebensjahr.
Die restlichen Fenster in den Querschiffen und im Langhaus wurden nach dem Tod des Künstlers von seinem langjährigen Freund und Werkstattmeister in Reims, Charles Marq, in vielfältigen Blautönen gestaltet und runden das Gesamtbild ab. Die letzten seiner Fenster wurden im Jahr 2000 eingesetzt.
St. Stephan ist die einzige Kirche in Deutschland, in der sich Chagall verewigte. Als in Russland geborener Jude, der in Frankreich lebte, leistet der Künstler neben der Stärkung der deutsch-französischen Freundschaft auch einen Beitrag zur jüdisch-christlichen Verbundenheit. Auf diese Weise wurde die Tradition des Gotteshauses als „Friedenskirche" - ähnlich wie im Mittelalter - eindrucksvoll fortgesetzt.