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"Wir glauben, (...) einen Ort hoher Wertigkeit geschaffen zu haben, der öffentliches Interesse und vielleicht auch Diskussion wecken wird. Ein Für und Wider wäre schon ein positives Zeichen, denn ein Haus , über das man nicht redet, ist meist nicht der Rede wert." - so die Hoffnungen und Wünsche eines der Architekten des Mainzer Rathauses,Otto Weitling, im Januar 1974.
Was in der Baudokumentation aus Anlaß der Eröffnung des Rathauses formuliert wurde, hat bis heute Bestand. Gleichgültig von welcher Seite aus der Betrachter mit dem kraftvollen Bauwerk konfrontiert wird, das Rathaus zeigt Wirkung. Von der Rheinbrücke aus kommend bildet es einen modernen Kontrapunkt zu den mächtigen Baumassen des tausendjährigen Domes im berühmten Rheinpanorama der Stadt.
Aus der Vogelperspektive besticht der ungewöhnliche dreieckige Grundriss, der nur aus dieser Perspektive erlebbar ist. Vom Einkaufszentrum "Am Brand" kommend gelangt der Spaziergänger über eine Brücke, die nur Fußgängern vorbehalten ist, verkehrsfrei auf das weite Rathausplateau, von dem ein Blick auf den Rheinstrom mit am schönsten ist.
Der ahnungslose Besucher ist ob der Modernität des Gebäudes in der zweitausendjährigen Stadt an dieser prominenten Stelle erstaunt und ist oftmals noch überraschter, wenn er erfährt, dass das Rathaus bereits fast drei Jahrzehnte alt ist. Genau diese Empfindungen belegen die Qualität der Architektur, die ohne postmodernen Schnickschnack und historisierende Zutaten nie langweilig wirkt.
Von dem weltweit renommierten dänischen Architekten und Designer Arne Jakobsen und seinem Partner Otto Weitling stammen die Planungen, die der Mainzer Stadtrat 700 Jahre nach dem Bau des ersten Mainzer Rathauses und nach einer "rathauslosen" Zeit, die fünf Jahrhunderte lang gewährt hatte, in einem europaweiten Wettbewerbs auswählte.
Es war eine mutige Entscheidung, diesen modernen Bau in den Zusammenklang von Kurfürstlichem Schloß, Staatskanzlei, Zeughaus und den alten Fassaden der Wohnhäuser des 19. Jahrhunderts zu setzen und damit eine städtebauliche Lücke zu schließen, die der Zweite Weltkrieg durch die Zerstörung der Stadthalle und des davor liegenden Halleplatzes hinterlassen hatte. Beabsichtigt war eine neue Öffnung der Stadt zum Fluss und mit dem Bau des benachbarten Einkaufszentrums eine Erweiterung der Innenstadt.
Das Rathaus zeichnet sich aus durch den Wechsel geschlossener und scheinbar offener Wände, der durch die vertikalen Stützmauern und die Sonnenschutzrastergitter vor den raumhohen Fenstern in jedem Stockwerk entsteht. Die Fassadengestaltung mit dem besonders widerstandsfähigen Naturstein "Porsgrunn" aus Norwegen in Hellgrau kontrastiert mit den dunkelbronzefarbenen Rastergittern. Die Gliederung faßt gleichzeitig zusammen, so dass die Höhe des Baus von sechs Stockwerken zurücktritt gegenüber einem einheitlichen, fast monolithischen Gesamteindruck.
Tritt man durch den im Verhältnis zum Gebäudemaß kleinen Haupteingang in das Rathaus ein, erwartet den Besucher eine hohe lichte Eingangshalle, die über alle Stockwerke offen ist und die neben den beiden röhrenförmigen Aufzügen ein umlaufendes Treppenhaus beinhaltet.Diese Halle öffnet sich zu einer runden Lobby mit zahlreichen gemauerten Nischen, die für Ausstellungen geradezu prädestiniert erscheint. Zwei Seitenlobbys, der zentrale Ratssaal, der darunter liegende Hörsaal und die verschieden großen Sitzungsräume, die die Namen von Mainzer Partnerstädten tragen, entsprechen den vielfältigen Nutzungsansprüchen, denen dieses Haus für die Bürger gerecht werden muss.
In diesen Räumen wie auch in den Fluren der Etagen, den Büroräumen, dem Kasino im fünften Obergeschoss wird der ganzheitliche Ansatz der Architekten deutlich. Kein Lichtkörper, weder die farbliche Gestaltung von Decken, Wände und Fußböden oder die fest eingebauten Schränke sind dem Zufall überlassen worden.Buchenholzfuniere für Tische, Schrankwände, Türelemente und Wandtäfelungen kontrastieren mit dem dunkelgrünen Naturschieferboden und den grau-grünen Boden und Treppenbelägen, den oliv-grünen Deckenelementen sowie den beigen, jederzeit variabel versetzbaren Wandelementen. Auch das Mobiliar der öffentlichen Räume wurde von Arne Jakobsen gestaltet und viele Stücke gelten heute als Klassiker dänischen Designs.
Am 21. Juli 1972 feierten Oberbürgermeister Jockel Fuchs und die Bauleute Richtfest, am Silvestertag 1973 wurde das Gebäude mit einer Stadtratssitzung in Betrieb genommen. Bereits am nächsten Tag eroberten die närrischen Garden den Rathausplatz und in der darauf folgenden Festwoche stürmten 50 000 Mainzerinnen und Mainzer ihr neues Rathaus. Zahlreiche Ehrengäste aus den Partnerstädten, der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Helmut Kohl, der Wiesbadener Oberbürgermeister Rudi Schmitt und als Krönung Bundespräsident Gustav Heinemann beehrten das neue Haus mit ihrem Besuch. 600 Mitarbeiter bezogen ihre Büros. Der Architekt Arne Jakobsen konnte diese Besitznahme des Gebäudes nicht miterleben. Er war bereits 1971 verstorben. Im Jahr seines 100. Geburtstags erhält das Rathaus aber immer wieder Anfragen nach Leihmobiliar aus seinen Beständen für Designausstellungen aus Anlaß des runden Geburtstags, der weltweit Beachtung findet.