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"Sie, Portier, wann geht der letzte Zug nach Bingen?" De erste ist heit morjend in alle Früh von unserm neue Bahnhof nach Binge abgange; wann de letzte Zug dohin abgeht, deß erlewe mir zwää unser Lebdag nit!" Diesen kurzen Dialog fand der frühstückende Zeitungsleser am Morgen des 16.Oktober 1884 in den Mainzer Nachrichten. Eine Nacht zuvor war der Hauptbahnhof nach zweijähriger Bauzeit eröffnet worden.
Der Mainzer Baumeister Philipp Berdellé hat das Empfangsgebäude im italienischen Renaissancestil mit barocken und klassischen Elementen geplant. Attraktion des Sandsteingebäudes stellte die "Perron-Halle" dar. Mit 300 Metern war sie die längste Europas.
Die plastische Dekoration konzentrierte Berdellé auf den zentralen Eingangsbau und verwies mit allegorischen Darstellungen auf die Funktion des Gebäudes: Auf beiden Seiten des Eingangs angebrachte Reliefs zeigen Putten, die antik gewandet, gewandet und in spielerischer Weise das Ankommen und Abreisen mit der Eisenbahn verkörpern. Auf dem Dach wurde die Bahnhofsuhr vom geflügelten Genius des Dampfes und der Elektrizität gekrönt.
Trat der Reisende 1884 aus dem Gebäude hinaus, erblickte er auf dem Bahnhofsvorplatz ein Rondell. Darauf grünten Bäume, Rasen und Blumen. Ringsherum verliefen schleifenartig die Schienen der Pferdebahn. Blickte der Neuankömmling nach links und rechts, sah er dort zahlreiche Droschken und Hotelomnibusse, die darauf warteten, ihn zu seinem Zielort zu befördern.
Durchreisende konnten sich in Wasch- und Toilettenräumen erfrischen oder in Erfrischungsräumen ausruhen. Wer von den Dampfloks noch nicht genug Qualm eingeatmet hatte, nahm im Wartezimmer für Raucher Platz. Wer nach frischer Luft verlangte, setzte sich ins Nichtraucherzimmer.
Am 8. Dezember 1934 wurde im Mainzer Anzeiger der Umbau des Mainzer Hauptbahnhofs im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsprogrammen der Reichsbahndirektion angekündigt. Wenige Wochen später, am 23. Dezember 1934 entstand ein schwerer Brand auf dem Dachstuhl des Bahnhofsgebäudes. Speicher und angrenzende Schlafräume des Personals der Bahnhofswirtschaft fielen den Flammen zum Opfer. Durch das schnelle Eingreifen der Feuerwehr konnte der Zugverkehr aufrecht erhalten und der Einsturz der Bahnsteighalle verhindert werden.
Dieser Brand, dessen Ursachen nie geklärt wurden, beschleunigte die Umbauabsichten. Eine neue Gepäck- und Schalterhalle wurde eingerichtet und die Bahnsteighalle 1939 modernisiert. Die Außenfront blieb im wesentlichen unverändert, lediglich das Bahnhofsdach verlor seine Genius-Statue und die zentral angebrachte, von Allegorien flankierte zentrale angebrachte Uhr, die beiden Abschlusshelme der Eckrisalite überdauerten bis zum Kriegsende.
Die beiden Weltkriege hinterließen deutliche Spuren: Bomben beschädigten den Bahnhofsvorplatz und das Empfangsgebäude schwer. Ämter- und Abfertigungsgebäude, Lagerhallen und die Weinhalle brannten komplett aus. 1.767 Meter Gleise, sechs Stellwerke und 198 Weichen wurden zerstört. Die Reichsbahndirektion registrierte 1945 einen Schaden von rund 180 Millionen Mark.

Erst zwei Jahre später begann die Wiederherstellung des Vorplatzes und des Empfangsgebäudes. Außenmauern und Grundkonzeption wurden beibehalten, die Grundrisse jedoch verbessert. Vor die Fassade rechts und links des Haupteinganges zog man einen eingeschossigen Glasbau. Links überdachte er die Bahnhofsgaststätte und rechts eine Ladenzeile. Auch im Inneren siedelten sich in den folgenden Jahren immer mehr Läden, Kioske und sogar ein Frisör an.
In den 1950er Jahren stellte man den kompletten Zugverkehr auf Elektroloks um. Um die Stromversorgung zu sichern, musste das gesamte Schienennetzwerk mit Hochspannungsleitungen versehen werden. Das Bahnhofsbild änderte sich für immer.
Zum Wahrzeichen des Bahnhofs wurde das große Kupferberg-Fenster in der Gleishalle. Erspähte der moderne Mainzer dieses Bild bei der Rückkehr von einer Reise wusste er: "Ich bin wieder zu Hause".
Spazierte der Reisende Richtung Hauptausgang, begrüßte ihn das Willkommen in Mainz-Fenster von (Blendax-)Zahnpasta. Ging er 1980 hinaus, stand er auf einem Vorplatz, der mit dem knapp 100 Jahre zuvor errichteten Gelände nicht mehr viele Gemeinsamkeiten aufwies. Statt des grünen Rondells fand er vor sich graue Straßenbahnhaltestellen.
Zu seiner Linken befand sich ein Parkplatz; Hotels säumten und säumen noch immer den Platz.
Heute, 2002, ist der Mainzer Bahnhof einer der modernsten Deutschlands. Erst vor kurzem wurden die letzten Umbauarbeiten abgeschlossen, die drei Jahre lang gedauert und 114 Millionen Mark gekostet haben. In einem Gleisüberbau mit Rolltreppen und Aufzügen werden die Reisenden auf die Etage des Gebäudes befördert, von der aus sie nun zu den Bahnsteigen zu gelangen. Auf drei Ebenen befinden sich verschiedene Zeitungsläden, aber auch Nahrungsmittel- und Blumengeschäfte, Bäcker, Kaffeebars und Restaurants.
Und die Züge nach Bingen? Die fahren noch immer!