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Rede des Oberbürgermeisters zur Pogromnacht-Gedenkfeier zum 9. November

9. November 2014, Synagoge

Sehr geehrte Damen und Herren,

der 9. November ist ein Tag der Erinnerung an eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Er ist ein Tag des Innehaltens, der Rückschau und nicht zuletzt der Mahnung, dass solches Unrecht nie wieder geschehen darf.

"Nie wieder!" sagen wir fest überzeugt. Aber können wir uns dessen so sicher sein?

Ich frage das bewusst heute, an diesem besonderen Jahrestag. Denn wenn wir hier in der Synagoge alljährlich zum Gedenken an die Schrecken des 9. November 1938 zusammenkommen, so darf das nicht losgelöst von den aktuellen Zeitumständen geschehen. Dazu sind wir gegenüber den Opfern von damals verpflichtet.

Wir sind verpflichtet, die unglaublichen Vorgänge, die sich in den letzten Wochen und Monaten auf deutschen und europäischen Straßen abgespielt haben, nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern auch anzuprangern: Ich spreche von den antisemitischen Ausfällen und Hassparolen, denen sich Juden – nun auch in unserem Land – plötzlich wieder ausgesetzt sehen. Das, was sich da teils offen, teils latent an Aggression, an Hetze und Gewaltbereitschaft entlud, ist ein Angriff auf unsere heutige Gesellschaft.

Ich kann daher die Worte von Dieter Graumann, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, nur unterstreichen:

"Wer uns Juden angreift", sagte Graumann auf der großen Demonstration gegen Antisemitismus im September in Berlin, "wer uns Juden angreift, greift am Ende alle an. Es ist ein General-Angriff gerade auf die Werte, auf die wir in Europa so großen Wert legen: Menschlichkeit, Menschenwürde, Liberalität und Toleranz. Unsere Freiheit ist doch auch eure Freiheit! Wer heute dazu schweigt, wenn Juden angegriffen werden, wird morgen selbst betroffen sein. Daher: Mehr tun! Und viel mehr Mut!"

Was Dieter Graumann hier sagt, sollte uns ernstlich hinhören lassen. Denn es geht in der Tat um nicht weniger als unsere ureigenen demokratischen Werte. Ich bin mir sicher: Wir alle, die wir heute hier zusammengekommen sind, hätten das Wiederaufkeimen einer solchen Gefahr bis vor kurzem kaum für möglich gehalten. Zu schrecklich hat sich in unser kollektives Bewusstsein eingebrannt, was genau hier, an dieser Stelle, sowie in ganz Deutschland vor 76 Jahren geschah: Jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden geplündert und zerstört, die Synagogen und Gebetshäuser geschändet und in Brand gesetzt, zehntausende jüdischer Bürgerinnen und Bürger bedroht, misshandelt, verhaftet und ermordet.

All diesen schrecklichen Übergriffen waren jüdische Bürgerinnen und Bürger wehrlos ausgesetzt. Und auch wenn es Menschen gab, die mit Abscheu und Entsetzen reagierten oder auch den Opfern beistanden, so gab es doch viele – allzu viele - die einfach wegsahen – oder gar mitmachten.

Wegsehen aber ist eben auch eine Form des Mitmachens! Schauen wir also genau hin, meine Damen und Herren, und fragen wir uns: Deutet sich hier eine Entwicklung an, die Antisemitismus unter dem Deckmäntelchen einer Kritik an der Politik des Staates Israel wieder salonfähig macht? Diesen Eindruck kann man bekommen angesichts der antisemitischen Tendenzen in vielen europäischen Ländern und auch in Deutschland.

Mich persönlich macht das fassungslos! Denn haben wir nicht alle gedacht – oder zumindest gehofft – unsere intensive und breite Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Schule, Medien und Gesellschaft hätte ein festes Bollwerk gegen die Hetzkampagnen von Ewiggestrigen und Extremisten erschaffen? Vielleicht wiegten wir uns zu früh in Sicherheit.

Vielleicht ist das Fundament der freiheitlich demokratischen Grundordnung und der Garantie der damit verbundenen Werte doch poröser als wir dachten. Doch was für Schlüsse müssen wir dann aus einer solchen Erkenntnis ziehen? Zwingt sie uns nicht geradezu, die Art und Weise unserer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu überdenken? Machen wir es uns nicht zu bequem, wenn wir zwar die Gedächtniskultur pflegen, sie aber in keinen Kontext zu aktuellen Bedrohungen und neuen Formen von Antisemitismus in unserer Gesellschaft stellen?

Ich denke, wir dürfen nicht wegschauen, wenn das Recht auf Meinungsfreiheit zum Schaden anderer missbraucht wird. Oder wenn internationale Konflikte aggressiv auf Plätzen in unseren Städten ausgetragen werden. Neben den Stimmen der NS-Opfer müssen wir ebenso laut die Stimmen all jener hören, die sich heute wieder an manchen Orten in unserem Land bedroht und diskriminiert fühlen müssen. Diese Menschen sind unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger, unsere Nachbarn, Freunde, Kolleginnen und Kollegen, Mitschülerinnen und Mitschüler! Und sie dürfen zu Recht auf unseren Beistand und Schutz gegenüber jeglicher Art von Volksverhetzung – sei es öffentlich durch Parolen oder Transparente, sei es hinter vorgehaltener Hand oder, fast schon Alltag, in der feigen Anonymität des Internets – zählen!

Wir alle sind Teil ein- und derselben Gesellschaft! Das muss – so denke ich – viel stärker noch in das Bewusstsein der Menschen, vor allem der jungen Menschen, eindringen. Dazu helfen Gedenkfeiern wie diese.

Oder auch die Geschichtsstunden an den Schulen. Aber sie helfen eben nicht allein. Ich sage das so provokant, wohl wissend, dass sich gerade im Rahmen dieser Gedenkveranstaltung jahrelang Schülerinnen und Schüler zu unserer großen Freude sehr aktiv in die Erinnerungsarbeit eingebracht haben. Aber Erinnerung und Wissen sind das eine. Das andere ist es, die nachgeborenen Generationen auch emotional so zu berühren, dass sie aus eigenem Antrieb die Erinnerung an den Holocaust wachhalten wollen und aus den Ereignissen der Vergangenheit, der Lebenszeit ihrer Großeltern und Urgroßeltern, Lehren für die Zukunft ziehen.

Für mich ist das ein wichtiger Auftrag an unsere Bildungseinrichtungen, an die Schulen, Parteien und Vereine: Denn die Pogromnacht vor 76 Jahren lehrt uns in beispielhafter Weise, dass das dunkelste Kapitel unserer Geschichte eben nicht losgelöst in Zeit und Raum steht, sondern eine Vor- und Nachgeschichte hat.

Die Nachgeschichte kennen wir leidvoll. Die Vorgeschichte zur Pogromnacht aber wird allzu oft ausgeblendet, dabei wirft gerade sie Fragen auf, die für mich Kern-Fragen in der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit sind: Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte von einer – dem äußeren Anschein nach – modernen Gesellschaft eine solche Welle der Gewalt ausgehen? Wie konnten aus normalen Bürgerinnen und Bürgern Mitläufer, Profiteure und Täter in solchem Ausmaß werden?

Diese Fragen sind, davon bin ich überzeugt, für junge Menschen auch heute noch fesselnd, denn an ihnen lassen sich sehr genau die Gefahren festmachen, denen eine Demokratie immer ausgesetzt sein kann. Allerdings müssen sie mehr als bisher im Kontext der aktuellen Wahrnehmung der Jugendlichen gestellt werden.

Für mich geht das weit über den Geschichtsunterricht hinaus, es berührt letztlich alle Bildungsinstitutionen, ja alle Institutionen insgesamt, die sich mit Aufbau und Aufgaben einer Demokratie befassen, mit Europa und der europäischen Union, mit multikulturellen Gesellschaften oder mit nationalen Identitäten und religiösen Konflikten in einer globalisierten Welt.

Die Welt des 21. Jahrhunderts eröffnet völlig neue Chancen. Sie birgt aber auch Gefahren, die schleichend wieder zu einer Entrechtung von Minderheiten, von Andersdenkenden, von Andersgläubigen, von jedem Einzelnen führen können.

Dabei sehe ich auch die Medien in einer besonderen Pflicht! Denn zumindest eine Situation ist heute grundlegend anders als in den 1930er Jahren: Heute gibt es bei uns keine gleichgeschalteten Zeitungen oder Rundfunksender. Wir haben nach wie vor eine stabile Demokratie mit klaren Regeln und Gesetzen und einer vierten Gewalt in Form der Medien. Diese breit aufgestellte vierte Gewalt in all ihren multimedialen Facetten nehmen gerade wir als Kommunalpolitiker sehr ernst.

Aus dieser Macht erwächst für die Medien eine besondere Verantwortung. Denn sie sind es, die die Öffentlichkeit und eben auch die Jugend viel unmittelbarer erreichen als wir Politikerinnen und Politiker. Die Medien müssen deutlich machen: Was hier heute passiert, betrifft nicht nur Randgruppen, sondern euch alle. Was hier passiert, hat Auswirkungen auf euren Alltag und auf euer Leben. Was hier passiert, stellt eine echte Gefahr für ein friedliches und tolerantes Zusammenleben dar!

Meine Damen und Herren, liebe Gemeinde,

ich habe heute viel über Gegenwart und Zukunft gesprochen und im Vergleich dazu wenig über die konkreten Ereignisse der Pogromnacht in Mainz vor 76 Jahren. Das unterscheidet meine Worte von denen in den vergangenen Jahren.
Gleichwohl soll mein letztes Wort den Opfern der Nacht des 9. November 1938 gewidmet sein. Wie müssen wir uns ihr Entsetzen vorstellen angesichts der brennenden Synagoge? Angesichts des Mobs auf der Straße? Der Plünderungen und Zerstörungen ihrer Wohnungen und Geschäfte? Was muss in den jüdischen Eltern und ihren Kindern vorgegangen sein? Welche Schutzlosigkeit, welche Todesangst müssen sie gelitten haben?

Wir heute, die wir selbst Familien und Freunde haben, können das ganze Ausmaß dieses Grauens doch nur erahnen. Dabei helfen uns die Berichte der Zeitzeugen. Sie gilt es auch für die kommenden Generationen zu bewahren, denn sie erzählen uns mehr als alle Zahlen und Fakten es könnten. Die Pogromnacht von 1938 ist bis heute eine, wenn nicht die härteste und schmerzhafteste Zäsur in der Geschichte unserer Stadt: Mit ihr ging nicht nur das jüdische Magenza unter. Sie war auch der Auftakt zum Untergang des alten Mainz – dessen Schicksal im Bombenhagel des 27. Februar 1945 dann endgültig besiegelt wurde.

Nach 1945 hat es lange gedauert, bis wieder erste Zeichen der Hoffnung in unserer Stadt sichtbar wurden.

Eines der schönsten Zeichen war sicher der Wiederaufbau dieser Synagoge!

Von Hoffnung erzählt auch das Projekt „Violins of Hope“, das uns Dr. Karl Böhmer von der Landesstiftung "Villa Musica" gleich vorstellen wird. Dessen Ursprung geht zurück auf eines dieser erschütternden Lebensschicksale, von denen auch die Mainzer Vergangenheit so viele, allzu viele kennt. An diese Menschen und ihr Leid wollen wir heute erinnern und das Gedenken mit in die Gestaltung der Zukunft nehmen.