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Rede des Oberbürgermeisters anlässlich der Kranzniederlegung zum 69. Jahrestag der Zerstörung von Mainz

27. Februar 2014, St. Christoph

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

heute ist ein Tag des Gedenkens. Gemeinsam gedenken wir der mehr als 1200 Menschen, die am 27. Februar vor 69 Jahren im Bombenhagel ihr Leben verloren. Wir gedenken ihrer Familien, deren Trauer uns lebendiges Mahnmal war und ist. Und wir gedenken unseres alten Mainz’, das der Zweite Weltkrieg so kurz vor seinem Ende unter sich begrub.

Gleichermaßen ist uns der heutige Tag Anlass, aller Opfer zu gedenken, die dieser Krieg in den sechs Jahren seines Tobens, auch in den vielen vorangegangenen Bombardements, in unserer Stadt forderte – denen er ihre Heimat nahm, die er verletzt, trauernd und traumatisiert zurückließ. All jenen Menschen gehören heute unsere Gedanken.

Sinnbild für die unheilbaren Wunden, die der 27. Februar 1945 in Geschichte und Architektur unserer Stadt riss, ist die Kirchenruine St. Christoph, wo wir traditionell an diesem Tag die Kranzniederlegung begehen. St. Christoph erinnert uns auch daran, dass Orte der Erinnerung ebenso wie Erinnerungen selbst lebendig gehalten werden müssen, wenn sie nicht verblassen sollen.

Dieser Aufgabe hat sich die Initiative St. Christoph angenommen, in der sich engagierte Bürgerinnen und Bürger zusammengefunden haben, um gemeinsam mit der Stadt die Kirchenruine zu sanieren und aufzuwerten.

Vieles ist schon passiert: Der Kirchenturm wurde gesichert, die neue Toranlage installiert und Hinweisstelen erläutern die historische Bedeutung von St. Christoph.

Es gibt aber noch einiges zu tun und so begehen wir, dem baulichen Zustand der Kirchenruine geschuldet, die heutige Gedenkfeier außerhalb der Mauern.

Die Kranzniederlegung im kommenden, siebzigsten Jahr nach dem Bombenangriff werden wir nach Abschluss aller Arbeiten wieder in der dann erneuerten und aufgewerteten Gedenkstätte begehen können. Bis dahin wird auch eine Dauerausstellung die Gedenkstätte bereichern und der Platz um die Kirche neu gestaltet sein. Dafür danke ich ganz besonders Herrn Stefan Schmitz, dessen großzügiges Engagement für St. Christoph uns dies ermöglicht.

Darüber hinaus möchte ich den heutigen Tag zum Anlass nehmen, allen Bürgerinnen und Bürgern zu danken, die sich für den Erhalt unserer zentralen Gedenkstätte einsetzen, die an die Opfer der Bombenangriffe auf Mainz erinnert und uns zum Frieden mahnt.

Sie alle helfen diesen historischen Ort zu erhalten und dürfen unserer – und auch meiner ganz persönlichen – Unterstützung sicher sein.

St. Christoph hilft uns, dem Vergessen etwas entgegenzusetzen. Gerade heute, wo eine Generation in der Verantwortung steht, die die Schrecken des Krieges nicht mehr miterlebt hat – eine Generation, zu der ich selbst gehöre. Gerade heute, wo eine junge Generation heranwächst, die Krieg als Videospiel betreibt, gerade heute gilt es, die Erinnerung nicht verblassen zu lassen.

Meine Damen und Herren,

die Zahlen dieses 27. Februars 1945 sind für uns unvorstellbar: Mehr als eine halbe Millionen Stabbrandbomben, 42 Leuchtbomben, 235 Sprengbomben und 484 Luftminen warfen die Bomber über Mainz ab.

Was in 2000 Jahre von unzähligen Generationen erbaut wurde, wurde in nicht einmal 20 Minuten zerstört.

Die irrationale Gewalt, die sich von deutschem Boden aus über die Welt verbreitet hatte, sie kam an diesem 27. Februar – nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal – nach Deutschland zurück. Was die Überlebenden nach dem Bombardement berichteten, lässt meine Generation, der das Geschenk des Friedens zuteil wurde, tief bewegt und fassungslos zurück. Wir können uns das unsagbare Leid, das an diesem Tag über die Menschen kam, kaum vorstellen:

Als der Alarm ertönte, blieben den Menschen nur wenige Minuten, sich in die Luftschutzkeller zu retten. Viele schafften es nicht mehr rechtzeitig. Sie waren dem Flammenmeer, schutzlos ausgeliefert, in das sich ihre Heimatstadt verwandelt hatte – vom Bismarckplatz bis St. Stephan erstreckte sich eine einzige Gluthölle. – So schildern es die Überlebenden.

Ihnen bot sich ein apokalyptisches Bild: Über der Innenstadt stieg eine riesige Rauchwolke auf – gespeist von in Flammen stehenden Häusern. Und über allem hing ein eigenartiges Rauschen: ein Gemisch aus einstürzenden Häusern, prasselndem Feuer und menschlichen Schreien.

Als die Mainzerinnen und Mainzer dann aus den Kellern krochen, erwartete sie Chaos: Tod, verletzte und verwirrte Menschen soweit das Auge reichte. Mehr als 80 Prozent der Innenstadt waren brennende Ruinen. Mainz lag in Trümmern.

Es begannen die Tage des Suchens nach Verschütteten und Vermissten; Tage des bangen Hoffens und der tiefen Trauer.

Keinen Monat später, am 22. März 1945 schließlich, morgens um 7 Uhr, marschierten die Amerikaner von der Hechtsheimer Höhe aus in die Innenstadt ein. Damit war der Zweite Weltkrieg für die Mainzerinnen und Mainzer zu Ende…… Für viele andere aber sollte er noch schreckliche sechseinhalb Wochen weitergehen.

Meine Damen und Herren,

das gemeinsame Gedenken macht uns bewusst, dass unsere Geschichte Teil unserer Identität ist und erinnert uns an unsere gesellschaftlich-politische und ganz persönliche Verantwortung für das Bestreben um Frieden in unserem Land und in der Welt.

Wir haben das große Glück in der längsten Friedensperiode zu leben, die unser Kontinent je erlebt hat. Dies war kein vorgezeichneter Weg.

Umso dankbarer sind wir, dass die Europäer nach 1945 den Weg der Versöhnung beschritten haben und so die Grundlage legten für ein Europa des Friedens und des Wohlstandes. Ein Europa, in dem auch unser Mainz neu erstehen konnte – wiederaufgebaut von einer Generation, die nicht nur Trauer und Leid überwand, sondern sich auch ganz besonders für die deutsch-französische Versöhnung einsetzte. Wenn wir also heute des 27. Februars 1945 gedenken, dann tun wir dies im Geiste der Versöhnung und in dem festen Willen, niemals wieder jenes Gedankengut zuzulassen, das unserer Stadt Zerstörung und Tod brachte.

Wir tun dies, weil es unsere Pflicht ist, das Leid und die Trauer der Opfer und ihrer Familien in unseren Herzen zu bewahren – als Mahnmal für uns und alle künftigen Generationen.

Ich wünsche mir, dass gerade junge Menschen sich dieser historischen Verantwortung noch stärker bewusst werden und am 70. Jahrestag der Zerstörung von Mainz zahlreich hier vertreten sind.

Im Gedenken an die Toten der Bombardierung von Mainz am 27. Februar 1945 legen wir heute einen Kranz an der Ruine von St. Christoph nieder.

Wir halten damit unsere Trauer lebendig und bewahren die Erinnerung an die Toten in unseren Herzen.

Anlässlich des 69. Jahrestages der Zerstörung von Mainz am 27.02.1945 legt Oberbürgermeister Ebling einen Kranz nieder. Landeshauptstadt Mainz
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