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Rede des Oberbürgermeisters zum 75. Jahrestag der Deportation Mainzer Sinti

16. Mai 2015, Gedenktafel Altenauergasse

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mainzerinnen und Mainzer,

"1940, in der Nacht zum 16. Mai, kam die Kripo, um 12 Uhr mitternachts. Sie haben an die Tür geklopft und haben alle von uns gepackt und abgeführt. […] Zuerst haben sie uns ins Polizeipräsidium gebracht, in die Klarastraße. Dort wurden wir alle fotografiert, es wurden uns unsere Papiere und Ausweise weggenommen, und wir bekamen einen Stempel auf den Arm und einen neuen Ausweis, einen besonderen ‚Zigeuner­ausweis‘. […] Vom Polizeipräsidium aus mussten wir mit etlichen anderen Familien zum Güterbahnhof gehen, von dort sind wir in den Zug nach Asperg gekommen. Das war am hellen Tag, als wir zum Güterbahnhof mussten. […] Mit diesem Zug kamen hunderte von Sinti nach Asperg, aus Worms, aus Rheinhessen, aus der Pfalz, und unterwegs wurden immer neue Waggons an den Zug angehängt, in jedem waren wieder Sinti. In Asperg mussten wir vom Bahnhof zum Gefängnis hochgehen, die Reihe der Menschen war so lang, dass sie unten noch am Bahnhof standen, als die ersten schon oben im Gefängnishof waren. […] Wir wussten nicht, wo wir hin­kommen werden, bis wir dann im besetzten Polen waren. Wir Kinder hatten sogar noch unsere Schulranzen mitgenommen. Die haben wir nicht brauchen können in Polen. Aber wir wussten ja nicht, niemand wusste, was uns da bevorstand."

Augustine Steinbach – und von ihr stammt dieser erschütternde Bericht – war damals neun Jahre alt. Fast niemand aus ihrer großen Familie überlebte die Deportation. Und als sie nach dem Krieg schließlich nach Mainz zurückkam, besaß sie nichts mehr: keinen Besitz, keine Bleibe, ja nicht einmal ein Bild ihrer An­gehörigen.

Heute, am 75. Jahrestag der Deportation von 107 Mainzer Sinti in das damals von deutschen Truppen besetzte Polen, darunter 61 Säuglinge, Kinder und Jugendliche sowie 46 Frauen und Männer, kommen wir hier zusammen, um ihrer zu gedenken.

Und wir kommen zusammen, um ihnen eine Stimme zu geben, eine Stimme, die auch nach dem Kriegsende noch viel zu lange ungehört blieb.

Die Entrechtung der Sinti und Roma, auch das lehrt der Blick in die Vergangenheit, endete nicht – wie für viele andere Verfolgte – mit dem 8. Mai 1945, sondern sie setzte sich noch über Jahrzehnte fort.

Erst 1982 – also fast 40 Jahre nach Kriegsende! – erkannte die damalige Bundesregierung unter Helmut Schmidt den Völkermord an den über 500.000 Sinti und Roma offiziell an.

Und noch einmal 30 Jahre sollten vergehen, bis in Berlin neben dem Holocaust-Mahnmal endlich auch ein Denkmal an den "Porajmos", den Völkermord an Sinti und Roma, erinnert.

Seit mittlerweile zwei Jahren haben wir auch in Mainz zumindest einen kleinen Ort der Erinnerung: hier, in der Altenauergasse, an der Stele aus unserer Reihe "Gedenken – Mahnen – Handeln".

Diese Gedenktafel geht auf die Initiative von Hildegard Cöster zurück und ihr möchte für ihr großes bürgerschaftliches Engage­ment heute noch einmal ausdrücklich danken.

Danken möchte ich auch dem Ortsbeirat Mainz-Altstadt, der sich von Frau Cösters Idee damals hat überzeugen lassen und die Aufstellung der Tafel aktiv unterstützte.

So bekam das Gedenken an die Sinti unter unseren ehemaligen Mainzer Mitbürgerinnen und Mitbürger endlich einen sichtbaren Ort der Erinnerung in unserer Stadt, in der Heimat­stadt der damals Verfolgten.

Aber, meine Damen und Herren, es sind nicht allein Orte, die helfen, uns zu erinnern und die Erinnerung an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben.

Es sind auch und gerade die Berichte der Zeitzeugen – zum Beispiel der von Augustine Steinbach –, die uns schmerzvoll vor Augen führen, was damals in aller Öffentlichkeit geschah.

Denn der so mannigfaltiges Leid bringende nationalsozialistische "Arier-Wahn" machte auch vor der Volksgruppe der Sinti und Roma nicht halt – im Gegenteil: Die Sinti und Roma wurden im gesamten Einflussbereich der Nationalsozialisten gedemütigt, gequält und ermordet – und zwar einzig und allein aus dem Grund, dass man sie – wie auch die Juden – vollständig vernichten und auslöschen wollte.

Auch in Mainz haben Bürgerinnen und Bürger durch Wegschauen, durch Gleichgültigkeit, durch Feigheit oder Desinteresse am Schicksal ihrer Mitmenschen die Deportation und den Tod der Mainzer Sinti in Kauf genommen. Wenn sie nicht sogar daran zumindest organisatorisch beteiligt waren.

Das alles – die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma in ganz Europa ebenso wie die noch lange danach andauernde Diskriminierung der Überlebenden und ihrer Nachkommen – muss man sich bewusst machen, wenn man an einem Tag wie heute und an einem Orte wie diesem, an dem viele Mainzer Sinti einst lebten, zusammensteht.

Unser Land trägt Verantwortung für das, was geschah. Viel zu lange auch lag ein "Mäntelchen des Schweigens" über das Grauen von damals.

 

Wir tragen Verantwortung dafür, dieses Grauen nicht dem Vergessen anheim zu stellen, denn wie könnten wir uns ohne die Erinnerung an das Gestern vor den Gefahren heute und in Zukunft schützen? Heute tragen wir Verantwortung für alle, die heute bei uns in Mainz leben. Und wir tun das in der Erinnerung an das Unglück und Leid, dem so viele Menschen, darunter die Sinti, schutzlos ausgeliefert waren.

Für die wenigen überlebenden Sinti, darunter Bernhard Steinbach, endete dieses Leid nie wirklich. Mit seinen Worten möchte ich schließen:

"Die meisten meiner Verwandten sind in Auschwitz ermordet wurden: Meine Tante, mein Schwager, seine elf Kinder – alles junge Mädchen und Frauen. Sie wollten die Mutter nicht alleine lassen. Sie wurden mit ihr umgebracht. Sie haben genau gewusst, dass sie sterben müssen. Das haben wir alle gewusst. Ich habe fünfundvierzig Verwandte in Auschwitz verloren. Was wir mitgemacht haben – das kann man ja gar nicht richtig beschreiben. Das ist zu schrecklich. Was ich geschildert habe, ist nur die Oberfläche. Denn das, was wir in Auschwitz erlebt und erlitten haben, das kann man mit Worten nicht beschreiben."

Meine Damen und Herren,

wo aber die Worte fehlen, soll die Stille uns leiten: Lassen Sie uns den Opfern von damals, den Mainzer Sinti, mit einer Schweige­minute gedenken – als Ausdruck unseres Mitgefühls und unserer Achtung vor dem, was sie erleiden mussten.