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Rede des Oberbürgermeisters anlässlich der Kranzniederlegung zum 27. Februar 1945

27. Februar 2015, St. Christoph

Sehr geehrte Damen und Herren,

heute sind es 70 Jahre.

70 Jahre, die zwischen uns und jenem Tag im Winter des Jahres 1945 liegen, als hunderte Bomber den Himmel, unter dem wir heute gemeinsam gedenken, verdunkelten.

70 Jahre, die zwischen uns und jenem Tag liegen, als aus diesem dunklen Himmel hunderttausende Bomben brachen und die Häuser der Menschen und die Menschen mit ihnen unter sich begruben.

70 Jahre, die zwischen uns und jenem Tag liegen, als das Inferno, das Deutschland über die Welt gebracht hatte, nach Deutschland zurückkam und über unsere Stadt hinwegfegte.

70 Jahre, die zwischen uns und einem Jungen liegen, der in einem Keller in der Kaiserstraße saß, und durch das Dröhnen der Explosionen den Menschen zurief: "Ihr müsst lauter beten, damit der liebe Gott es auch hören kann".

Wir wissen nicht, ob der Junge, der diese Worte rief, jenen 27. Februar 1945 überlebt hat. Wir hoffen es und doch wissen wir: Mehr als 1200 Mainzerinnen und Mainzer haben es nicht.

"Der Krieg nimmt Menschen weg", hat der frühere Bundespräsident Horst Köhler einmal gesagt. An diesem Tag nahm er Hunderte aus unserer Stadt, wie er schon so viele zuvor weggenommen hatte und wie er noch so viele bis zu seinem Ende wegnehmen sollte. In Mainz und in der ganzen Welt.
Ihrer wollen wir heute gedenken!

Wir wollen derer gedenken, denen er die Heimat nahm, die er verletzt und traumatisiert zurückließ.
Unsere Gedanken sind bei jenen, denen er den Ehemann oder die geliebte Frau nahm, denen er den Bruder oder die Schwester nahm, denen er – trotz aller Gebete – die Kinder nahm.
Ihr Leid ist uns Mahnung. Denn wir wissen "Der Krieg nimmt Menschen weg". Und wir wissen auch, so schrecklich diese Wahrheit ist, so beschützend ist sie auch, weil sie uns vor dem Eigentlichen bewahrt, weil sie uns eines nicht sagt: wer den Krieg macht.

Und wir spüren, es muss heißen: "Der Mensch nimmt Menschen weg", weil der Mensch den Krieg macht, weil der Mensch die Bomben abwirft, weil der Mensch marschiert.
Der Mensch hat den Krieg gemacht, der am 27. Februar 1945 mit Wucht in unsere Stadt kam, schlimmer noch, wir Deutschen haben diesen Krieg gemacht.

Und wenn wir heute, 70 Jahre später, der Opfer gedenken, dann tun wir dies in dem festen Willen, nie wieder jenes Gedankengut zuzulassen, das so viel Leid über die Welt und unserer Stadt Zerstörung brachte.

Heute sind es 70 Jahre. – Was bedeutet dieser Satz? Was bedeutet es, wenn wir uns heute sieben Jahrzehnte danach hier versammeln, um zu gedenken?

70 Jahre – das bedeutet vor allem ein großes Glück, weil niemals zuvor solange Frieden war zwischen uns und unseren Nachbarn.
Ein großes, ja ein unfassbar großes Glück, weil jene Menschen, die nach den schrecklichen Jahren dieses schrecklichen Krieges ein gemeinsames Europa bauten, dieselben waren, die am 27. Februar 1945 in den Kellern von Mainz saßen.

Es waren dieselben, die am 14. November 1940 in den Schutzräumen von Coventry ausharrten oder am 29. Dezember desselben Jahres vor dem Feuersturm aus London flohen.
Es waren jene Menschen, die in der französischen Resistance oder der italienischen Resistenza oder der griechischen ELAS kämpften oder die irgendwo auf den Schlachtfeldern Europas einander als Feinde gegenüberstanden.

Ist es nicht ein unfassbares und einmaliges Glück der Geschichte, dass diese Menschen der Länder Europas den Weg der Versöhnung eingeschlagen haben nach so viel Leid und Trauer? Ein unfassbares Glück, dass sie vergeben haben?
Es war diese Generation von Europäern, die einander die Hände reichte und gemeinsam ein Europa des Friedens baute. Ein Europa, in dem auch unser Mainz aus den Trümmern neu erstehen konnte.
Heute sind es 70 Jahre – und wir sind dankbar dafür.

70 Jahre – das bedeutet aber auch, dass die Stimmen derer, die das Leid des 27. Februars 1945 in Mainz und an den vielen anderen Tagen überall auf unserem Kontinent erlebt haben, leiser in unseren Ohren klingen, wenn sie uns zum Frieden mahnen.
Umso genauer müssen wir hinhören – wir, die wir nun die Verantwortung für unser Land tragen und die wir nichts anderes als den Frieden kennen.
Umso mehr müssen wir für das Gedenken arbeiten.
Umso öfter müssen wir denen, die heute nicht hier sind, den Jüngeren, die sich fragen, "wozu das alles?", sagen: Weil wir nicht vergessen dürfen! Weil unsere Zukunft auch auf der Erinnerung gründet, gründen muss. Weil wir ohne sie unseren Platz in der Gemeinschaft der Völker nicht verantwortungsvoll einnehmen können.

70 Jahre – das ist auch eine lange Zeit zum Vergessen. Und wir erleben in diesen Tagen schmerzlich, was passiert, wenn die Menschen vergessen.
Wir erleben es, wenn wir die Zeitung aufschlagen oder die Nachrichten einschalten.
Wir erleben es gerade jetzt. Denn während wir hier stehen, während uns die Toten zum Frieden mahnen, rollen im Osten  Europas wieder Panzer, obwohl die Schlachtfelder der Vergangenheit und die Denkmäler in unseren Städten, die wir aus Ruinen wieder aufgebaut haben, uns tagtäglich daran erinnern, dass der Krieg, dass der Mensch Menschen nimmt.
Und wir erleben es, wenn Menschen sich zu einem angeblichen Volk ernennen, um gegen eine Islamisierung zu demonstrieren, die sie konstruiert haben, eines Abendlandes, das im Weltbild des Mittelalters verharrt: In diesen Tagen erleben wir, wohin uns das Vergessen führt.

Dieses Volk ist nicht das Volk von 1989, das Volk, das im Satz "Wir sind das Volk", das "Wir" betonte; dieses Volk erscheint als ein Volk aus einer anderen Zeit, ein Volk, das sich auf die Nation reduziert, das das Nationale überhöht, sich gegen das Fremde stellt und sich umzingelt sieht von Feinden.
Wir müssen diesen Menschen sagen, welch geschichtsvergessenen, ja geschichtsverachtenden Weg sie im Begriff sind einzuschlagen.

Wir müssen es auch jenen sagen, die überall in Europa Parteien wählen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als die Aussöhnung zurückzudrehen, für die Generationen von Europäern gekämpft haben, und die unserem Kontinent eine Blüte verliehen hat, die er nie zuvor kannte.
Ihnen müssen wir sagen, das größte Glück, das unserem Land, ja unserem Kontinent je zuteilwurde, ist das Glück der Versöhnung und der Freundschaft.

Wir können über den richtigen Weg streiten. Aber wer Deutschland gegen Europa stellt, wer glaubt, es gäbe deutsche Interessen, die nicht das Interesse an einem einigen, friedlichen und solidarischen Europa sind, auch dem müssen wir sagen, welch geschichtsvergessenen Weg er im Begriff ist einzuschlagen.

Wenn uns also heute oder morgen jemand sagt: "70 Jahre liegen zwischen uns und jenem Tag im Februar 1945 – wozu heute noch gedenken?", dann müssen wir ihm antworten: "Siehst du denn nicht, dass es heute wichtiger ist denn je?"
Und morgen wird es sogar noch wichtiger sein als heute.
Deswegen werden wir nächstes Jahr wiederkommen und das Jahr darauf und das Jahr darauf. Wir werden dem Vergessen etwas entgegensetzen, hier an diesem Ort, der uns zum Frieden mahnt.

Denn dieser Ort ist ein kraftvoller Ort. Wer zum ersten Mal hier in der Ruine von St. Christoph, im neu gestalteten Mahnmal, steht, der spürt diese Kraft und wir spüren sie jedes Jahr am 27. Februar aufs Neue.
Dieser Ort mahnt uns zum Innehalten, zum Gedenken, dazu, unserer eigenen Verantwortung für den Frieden in der Welt verantwortungsvoll nachzukommen – als einzelner und als Gemeinschaft.
Ich möchte deshalb gerade heute all jenen Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt danken, die sich in der Initiative St. Christoph engagieren.
Sie haben diesen Ort, der für uns als Gedenkstätte so bedeutsam ist, aufgewertet und dauerhaft gesichert.
Mit viel persönlichem Engagement haben sie den Platz um St. Christoph neu gestaltet, uns eine Ausstellung geschenkt, diesen Ort zu einem lebendigen Erinnerungsort gemacht.

Dafür danke ich Ihnen ganz herzlich – stellvertretend richte ich meinen Dank an Sie, sehr geehrter Herr Schmitz, der Sie gleich selbst noch einige Worte zu St. Christoph sagen werden – auch für den von Ihnen in Zusammenarbeit mit dem Bonewitz-Verlag herausgegebenen Kirchenführer "St. Christoph kompakt". Eine schöne Idee, die sicher dankbar angenommen wird.

Gefreut habe ich mich auch, als ich heute die Sonderbeilage der Allgemeinen Zeitung aufgeschlagen habe. Ich bin sicher, viele von Ihnen werden wie ich diese Beilage nicht nur mit großem Interesse gelesen haben, sondern sie auch aufbewahren. Überhaupt ist hier ein großes Lob angebracht, denn über viele Ausgaben hinweg hat die AZ ihren Leserinnen und Lesern das heutige Datum näher gebracht. Auf SWR 1 konnte man heute morgen einen bewegenden Zeitzeugenbericht hören; auch viele andere Mainzer Medien haben sich des Themas engagiert angenommen.


Meine Damen und Herren,

70 Jahre liegen zwischen uns und jenem Tag im Winter des Jahres 1945, als hunderte Bomber den Himmel, unter dem wir heute gemeinsam gedenken, verdunkelten und an dem die barbarische Gewalt, die sich von deutschem Boden aus über die Welt verbreitet hatte, nach Deutschland zurückkam, nach Mainz kam.

Und auch heute legen wir im Gedenken an die Toten hier an der Ruine St. Christoph im 70. Jahr einen Kranz nieder.

Wir halten damit unsere Trauer lebendig und bewahren die Erinnerung an die Toten in unseren Herzen.
Und wir zeigen: Wir werden nicht vergessen.