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Rede des Oberbürgermeisters anlässlich der Gedenkveranstaltung Pogromnacht

9. November 2015, Synagoge

Sehr geehrte Frau Schindler-Siegreich,

sehr geehrter Herr Rabbiner Vernikovsky,

sehr geehrte Mitglieder des Vorstands der jüdischen Gemeinde,

sehr geehrte Gemeindemitglieder,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Gäste,

"Bis zum 9. November glaubte ich noch, meine alte Heimat, mit der ich mich eng verwachsen fühle, nicht aufgeben zu müssen. Mit dem 10. November hatte die Welt sich vollständig verändert. Wir müssen fort. Aber ich weiß nicht wohin."

In diesen wenigen Sätzen Michel Oppenheims, des späteren Mainzer Kulturdezernenten, klingt sie durch: die Verzweiflung, Hilflosigkeit und schiere Not der jüdischen Bevölkerung im Angesicht des nationalsozialistischen Terrors.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ging die böse Saat auf, die die Nationalsozialisten seit ihrer Machtergreifung syste­matisch ausgesät hatten: Juden und Jüdinnen in Deutschland waren fortan praktisch vogelfrei und dem Mob der Straße schutzlos ausgeliefert.

Dieser Mob drang heute vor 77 Jahren auch in Mainz ungehindert, oder sogar noch von Schaulustigen und Mitläufern angefeuert, in die Wohnungen jüdischer Bürgerinnen und Bürger ein.

Er warf Möbel und Hausrat aus dem Fenster, plünderte jüdische Geschäfte, zündete Gebetshäuser an, zerstörte religiöse Kult­gegenstände und Thorarollen und machte offen Jagd auf wehrlose Menschen.

Diese Schreckensnacht ist seither untrennbar und unmittelbar mit dem Holocaust – mit der millionenfachen Ermordung der Juden in Deutschland und Europa – verbunden.

An diese Nacht, vor allem aber an die vielen Menschen, die damals um ihr Leben fürchten mussten oder es sogar verloren, wollen wir uns heute gemeinsam erinnern.

Stellvertretend für diese Menschen wollen wir dabei drei Lebens­schicksale näher beleuchten – Schicksale, die davon zeugen, wie scham- und gewissenlos Juden und Jüdinnen diskriminiert, ent­eignet, verschleppt oder sogar ermordet wurden.

Und die davon zeugen, wie aus zuvor angesehenen und verdienten Bürgern und Nachbarn rechtlose, ausgegrenzte, verhöhnte, ver­triebene und gejagte Opfer wurden.

Mein Dank gilt an dieser Stelle dem Verein für Sozialgeschichte und insbesondere Frau Dr. Hedwig Brüchert für die Zusammen­stellung der Biographien von jüdischen Unternehmerfamilien – den Familien Salomon, Ganz und Reiling.

Mein Dank gilt außerdem Henner Momann vom Staatstheater Mainz für seine Bereitschaft, uns diese Texte gleich im Anschluss zu Gehör und damit ins Bewusstsein zu bringen. Und schließlich danke ich der Cellistin Jana Gerhart für die musikalische Mitgestaltung dieser Gedenkfeier.

Meine Damen und Herren,

jetzt, in der Rückschau, wissen wir, dass der 9. November 1938 einen Wendepunkt markierte: den Wendepunkt von der schritt­weisen Diskriminierung und Entrechtung der Juden über ihre Enteignung, Verfolgung und Vertreibung bis hin schließlich zu ihrer systematischen, grausamen Ermordung.

Der 9. November 1938 – so die nahezu einhellige Einschätzung der Historiker – war die "Katastrophe vor der Katastrophe".

Wer bis dahin geglaubt hatte, es würde schon alles "nicht so schlimm werden", der musste mit diesem Tag endgültig eines Besseren belehrt sein.

Die Welt – um noch einmal mit Michel Oppenheim zu sprechen – hatte sich von einem Tag auf den anderen „vollständig verändert“!

Wer irgend konnte, versuchte Deutschland zu verlassen und sich ins Exil zu retten – davon zeugen die vielen Ausreiseanträge von Juden in unmittelbarer Folge der Pogromnacht. Für allzu viele aber endete der verzweifelte Antrag in einer Absage. Sie waren in Deutschland gefangen.

Auch in Mainz gelang von den ursprünglich knapp 3000 Mainzer Juden vor 1933 nur etwa der Hälfte die Flucht ins Exil.

Weit über 1000 jüdische Mainzerinnen und Mainzer aber kamen in den national­sozialistischen Konzentrationslagern um, und nur einige wenige überlebten in Verstecken oder in den von den Rassisten so genannten "Misch-Ehen".

Von den wenigen Überlebenden entschieden sich nach Kriegsende wiederum nur einige wenige zur dauerhaften Rückkehr in ihre Heimatstadt Mainz.

Darunter war ein Mann, an den ich heute angesichts eines ganz besonderen Jubiläums ausdrücklich erinnern möchte: an Max Waldmann, den ersten Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Mainz nach Kriegsende.

Auf den Tag genau vor 70 Jahren, am 9. November 1945, gründete Max Waldmann mit etwa zwanzig Gleichgesinnten die jüdische Gemeinde in Mainz neu.

Und auch er legte damit ein Saatkorn – aber eines, aus dem die heutige Gemeinde und mit ihr diese neue schöne Synagoge erwuchs!

Bis in unsere Tage ist die Kraft dieser Saat nicht erloschen:

Denn nicht nur sind Menschen jüdischen Glaubens heute wieder selbstverständlicher Teil des öffentlichen Lebens von Mainz und nicht nur ist ihre Synagoge wieder religiöser und kultureller Treffpunkt für alle Bürgerinnen und Bürger in unserer Stadt.

Sondern wir erinnern uns heute auch wieder voller Stolz an das „Magenza“ des Mittelalters, an eine Zeit also, in der unsere Stadt gerade dank der hier lebenden Juden weithin als „Wiege der Gelehrsamkeit“ galt.

Seit dem 10. Jahrhundert entstanden in Mainz, Worms und Speyer, den so genannten "SchUM"-Städten, große jüdische Gemeinden und zogen bedeutende Gelehrte an.

Gelehrte wie etwa Rabbi Gerschom ben Jehuda, der von seinen Zeitgenossen als "Leuchte des Exils" verehrt wurde, und an den tausend Jahre später diese Synagoge mit ihrem Namen „Licht der Diaspora“ ausdrücklich erinnert.

Auch diese Epoche zeigt: Die Mainzer Gesichte ist untrennbar mit der jüdischen Geschichte verbunden – im Guten wie im Schlechten.

Denn Mainz war für Juden nicht nur die mittelalterliche deutsche Hochburg des Wissens.

Mainz war über die Jahrhunderte hinweg auch immer wieder Schauplatz für das vielfache Leid, das Juden durch ihre nichtjüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger erfahren mussten.

Was lehrt uns Mainzerinnen und Mainzer diese Erfahrung?

Zuallererst sollte sie uns lehren, wachsam gegenüber Hassrednern und Volksverhetzern zu bleiben.

Wachsam zu sein auch gegenüber Wortführerinnen und Wort­führern, die angesichts der vielen Menschen, die in diesen Wochen und Monaten bei uns Zuflucht suchen, anstacheln und aufwiegeln wollen.

Wer Rechtsextremen und Ausländerfeinden Gehör schenkt, meine Damen und Herren, wer sie gar einlädt in unsere Stadt, der muss wissen, dass er damit willentlich Hass und Hetze Tor und Tür öffnet.

Ganz gleich wie man persönlich die Flüchtlingssituation, die vielfach auch unter dem Stichwort „Flüchtlingskrise“ firmiert, bewertet und politisch einordnet: Jeder verantwortungsvolle Bürger und jede verantwortungsvolle Bürgerin sollte sich deutlich abgrenzen von rechtem Gedankengut. Es ist der Nährboden, auf dem Menschen­rechtsverletzungen und Gewalt gegen Minderheiten wachsen und gedeihen. Das können wir für unsere Stadt und für unser Land nicht dulden!

Wir können nicht dulden, was im Nationalsozialismus schon einmal zu unendlich viel Leid geführt hat und auch heute schwer auf uns lastet.

Wir können nicht dulden, dass Menschen, die in ihren Heimat­ländern bereits Schreckliches erlebt und die Gefahren der Flucht auf sich genommen haben, bei uns erneut Angst um ihre Zukunft oder gar um ihr Leben haben müssen.

Gerade mit den Bildern und Berichten des 9. November 1938 vor Augen können wir nicht dulden, dass in unserem Land Flüchtlings­unterkünfte in Brand gesetzt, Fensterscheiben eingeschlagen oder Asylsuchende, Politiker oder Journalisten nicht nur in der vor­geblichen Anonymität des Internets, sondern inzwischen auch ganz offen bedroht oder angegriffen werden.

Auch wenn ich, wie viele andere, angesichts der vielen Asyl­suchenden durchaus Verständnis habe für Verunsicherungen in der Bevölkerung, – auch wenn ich zugebe, dass es bei der Bewältigung dieser Herausforderung immer noch viele offene Fragen gibt, so weiß ich eines doch gewiss:

Gerade jetzt müssen wir uns leiten lassen von Humanität und Solidarität und vom Gebot der Stunde!

Unseren Mitmenschen zu helfen kann nicht der falsche Weg sein –auch das lehrt uns der 9. November 1938.

Meine Damen und Herren,

ich habe einen weiten Bogen gespannt vom Nationalsozialismus zurück ins Mittelalter und bis in unsere Gegenwart hinein.

Lassen Sie mich abschließend noch einmal darauf zurückkommen, was uns heute hier zusammengeführt hat: die Erinnerung an den 77. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938.

Zum 50. Jahrestag gab es in Mainz eine Ausstellung, die ebenfalls als ein Wendepunkt in der Geschichte unserer Stadt gesehen werden kann, zumindest in der Art ihrer Erinnerungsarbeit an den Holocaust: die Dokumentation von Zeitzeugenberichten durch den Verein für Sozialgeschichte unter dem Titel "Als die letzten Hoffnungen verbrannten".

Im Vorwort des Ausstellungskatalogs hat mich eine Passage besonders berührt. Dort heißt es;

"Die wenigsten der damals unter Zwang Ausgewanderten wollten nach allem, was ihnen und ihren Familienangehörigen angetan worden war, hierher zurück­kehren. In vielen Briefen, die uns erreichten, wurden wir jedoch für dieses Ausstellungsprojekt ermutigt, und es klang die Hoffnung an, dass durch ein ehrliches Erinnern und durch Aufklärung der Jugend über die Folgen von Rassenhass und Intoleranz in Zukunft ähnliche Gefahren in Deutschland verhindert werden."

An dieser Hoffnung wollen und müssen wir festhalten – gerade in diesen Tagen wieder, die unser Land vor eine große Kraftprobe stellen.

 

Meine Damen und Herren,

ich verneige mich in Trauer und Respekt vor den Opfern des 9. November 1938.

Ich verneige mich vor den Opfern des Holocaust.

Die Stimme der Opfer von damals, unserer ehemaligen Mit­bürgerinnen und Mitbürger, ist nicht erloschen – sie hilft uns mehr denn je, den richtigen Weg zu erkennen.