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Rede des Oberbürgermeisters zur Stiftungsprofessur an Prof. Aleida und Jan Assmann

19. April 2015, Rathaus

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Frau Professor Assmann,
lieber Herr Professor Assmann,

mögen Sie Lindenblütentee und Madeleines?

Das schiene mir passend. Wir haben sogar kurz überlegt, ob wir Brezeln und Wein beim Empfang im Anschluss durch Tee und Gebäck ersetzen sollen. Haben uns aber dann – keine Sorge – für die Mainzer Klassiker entschieden.

Trotzdem: Jene kulinarische Kombination, die gleichzeitig Auslöser und Gegenstand der berühmtesten Erinnerung der Literaturgeschichte ist und der Marcel Proust einen Ehrenplatz in unserem kollektiven Gedächtnis reserviert hat – was passte besser zur Begrüßung unserer neuen Stiftungsprofessorin und unseres neuen Stiftungsprofessors?

Proust war ja – wenn auch anders als Sie, liebe Frau Professor Assmann, lieber Herr Professor Assmann – ebenfalls ein Erinnerungsforscher. Und er hat uns eine Einsicht vermacht, mit der wir uns auch Ihrem wissenschaftlichen Werk nähern können.

Denn Proust war überzeugt, dass ZITAT "sich die Wirklichkeit erst im Gedächtnis formt".

Und dass – so wissen wir dank Ihrer Forschung – ist nicht nur bei Blütentee und französischem Gebäck so, sondern bei aller Wirklichkeit, auch der ganz großen.

Und wenn wir diesem ersten Proust-Zitat noch ein zweites zur Seite stellen, dann können wir die großen Fragen der Wissenschaft literarisch einrahmen, mit denen Sie sich beschäftigen.

Dieses zweite Zitat lautet: "Die Erschaffung der Welt hat nicht ein für alle Mal stattgefunden, sie findet unabwendbar alle Tage wieder statt."

Mit anderen Worten: Die Frage, was die Proust‘sche Madeleine für uns als Gesellschaft ist, was die Erinnerung eines ganzen Landes lebendig hält und wohin uns diese Erinnerung führt, ist die Frage danach, wie wir unsere Welt sehen, wie wir uns sehen und wie wir unserem Handeln Sinn und Richtung geben.

Es sind also große Fragen, es sind aktuelle Fragen, deren Grundlagen Sie Ihre Veranstaltungsreihe "Erinnern und Vergessen – Zur Konstruktion von Vergangenheitshorizonten" widmen.

Und damit beim Beantworten dieser für unser Selbstverständnis so wichtigen Fragen auch wirklich nichts in Vergessenheit gerät, haben wir in diesem Jahr erstmals nicht nur eine Stiftungsprofessorin bzw. einen Stiftungsprofessor, sondern gleich zwei.

Liebe Frau Professor Assmann, lieber Herr Professor Assmann, ich gratulieren Ihnen zu dieser Auszeichnung und heiße Sie ganz herzlich in Mainz willkommen.

Es sind die fächerübergreifende Perspektive und die Bedeutung der berufenen Persönlichkeiten für Wissenschaft und Gesellschaft, die die Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur seit jeher ausmachen.

Wir sind stolz, dass mit Ihnen zwei international renommierte Kulturwissenschaftler, die die Verbindung von Kultur und Gedächtnis wie wenige andere theoretisch fundiert und umfassend erforscht haben, die Professur in diesem Jahr innehaben.


Meine Damen und Herren,

ein Schlagwort:

"Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes".

– Im 70. Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begegnen wir in Deutschland Menschen, ja einer Bewegung, deren Wirklichkeit offenbar eine ganz andere ist als unsere.

Sie haben sich einen Namen gegeben, dessen Einzelbestandteile wie Erinnerungspfade in unser kulturelles und kollektives Gedächtnis führen.

Sie bemühen "Europa" und das "Abendland" und doch: Es ist nicht unser Europa, nicht unser Abendland, das sie meinen.

Sie sprechen von "Volk" und meinen "völkisch".

Sie sagen „Europa“, diese große Idee von Einigung, und nutzen sie, um auszugrenzen.

Welcher Erinnerungs- und Bezugsraum, welche Vorgeschichte, welche Moral eint diese Menschen?

Was gibt ihnen Orientierung und verleiht ihrem Handeln Sinn? Wessen erinnern sie sich und was vergessen sie allzu geflissentlich?

Und ist es Zufall, dass wir diese Bewegung gerade in diesem Jahr erleben? 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges?

70 Jahre sind eine lange Zeit, auch zum Vergessen. Haben diese Menschen vergessen? Was geschieht mit unserem Land, wenn die Stimmen derer, die Krieg und Leid und Holocaust erlebt haben, immer leiser in unseren Ohren klingen.

Werden dann jene sie übertönen, für die die Vergangenheit vergangen sein soll? Jedenfalls jener Teil, der ihnen eine Bürde ist.

Vielleicht zeigt uns das vor allem eines: Die Vergangenheit ist nicht vergangen. Sie wirkt in uns, in unsere Gegenwart hinein.

Was von ihr wir dabei betrachten, ist ein Aushandlungsprozess, den wir immer wieder neu gestalten müssen.

Vergangenheit und Zukunft sind verschränkt. Erinnern und Vergessen sind dynamisch. Wer wir sind, entscheiden wir immer wieder neu.

Wir haben es in Mainz am 27. Februar entschieden, als wir einen Kranz in St. Christoph niedergelegt haben, der uns zum Frieden mahnt, der uns jedes Jahr wieder erinnert, was Krieg mit uns macht und wie dankbar wir für den Frieden sein müssen.

Wir haben dies an jenem Tag der Erinnerung, an jenem Ort der Erinnerung getan, an dieser, unserer zentralen Gedenkstätte.

Einer Gedenkstätte, die viele Mainzerinnen und Mainzer durch ihr bürgerschaftliches Engagement aufgewertet haben. Auch sie haben sich entschieden, wer sie sein wollen.

Ich habe an jenem Tag gesagt: "Wir müssen denen, die heute nicht hier sind, den Jüngeren, die sich fragen, "wozu das alles?", sagen: Weil wir nicht vergessen dürfen! Weil unsere Zukunft auch auf der Erinnerung gründet, gründen muss. Weil wir ohne sie unseren Platz in der Gemeinschaft der Völker nicht verantwortungsvoll einnehmen können."

Denn was passiert, wenn wir vergessen, an was wir uns nur mit Unbehagen erinnern, sehen wir jeden Tag, wenn wir die Zeitung aufschlagen.

Wenn wir lesen, dass im Osten Europas wieder Panzer rollen oder sich die Menschen plötzlich zum "Volk" ernennen, aber im Satz "Wir sind das Volk", nicht das "Wir" betonen, sondern das "Volk".

Wir sehen es auch, wenn Terroristen unschuldige Menschen töten oder ganze Gesellschaften ins Elend stürzen.


Meine Damen und Herren,

es gibt wohl keinen besseren Zeitpunkt, um Sie, liebe Frau Professor Assmann und Sie, lieber Herr Professor Assmann, auf die Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur zu berufen als dieses 70. Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Stehen wir doch in ihm ganz besonders vor der Herausforderung, Erinnern und Vergessen neu auszuhandeln, in Deutschland, in Europa und in der Welt.

Wir Mainzerinnen und Mainzer haben also besonderes Glück, in den kommenden Wochen vieles über die Konstruktion von Vergangenheitshorizonten lernen zu dürfen.

Es ist ein großartiger Beitrag der Wissenschaft zu diesen so aktuellen Fragen der Gesellschaft.

Und es ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Wissenschaft Botschafterinnen und Botschafter braucht, die Ihre Erkenntnisse in die Gesellschaft tragen. Ebenso wie sie die Neugier der Menschen braucht.

In Mainz finden wir beides vereint in der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur.

Sie ist ein Aushängeschild unserer Universitäts- und Hochschulstadt. Sie ist aber auch ein Aushängeschild der Wissenschaft vor den Bürgerinnen und Bürgern.

Sie schafft Interesse und Kenntnisse. Und sie ist geboren aus bürgerschaftlichem Engagement.

Wir verdanken die Stiftungsprofessur den "Freunden der Universität Mainz", die sie seit dem Jahr 2000 alljährlich verleihen.

Ein Blick in die Ahnenliste der Stiftungsprofessorinnen und ‑professoren, die nun auch Ihre Ahnenliste ist, liebe Frau Professor Assmann, lieber Herr Professor Assmann, verrät, welch hohes Renommee der Professur von Anfang an zukam.

Im vergangenen Jahr stellte Professor Wetterich die Frage nach dem Ursprung des Universums.

Zuvor hatten sie – um nur einige beispielhaft zu nennen – unter anderem Gerold Krause-Junk, Friedemann Schrenk, Gottfried Boehm, Angela Friederici, Karl Kardinal Lehmann, Jan Philipp Reemtsma und Hans Dietrich Genscher inne.

Schon diese kleine Namensauswahl zeigt die Bedeutung und die thematische Vielfalt der Stiftungsprofessur. Sie zeigt auch, welche Bereicherung sie für unsere Stadt ist.

Dafür möchte ich ganz herzlich den "Freunden der Universität" danken.

Stellvertretend für die vielen Förderer und Unterstützer der Professur, – darunter Unternehmen ebenso wie Privatpersonen –, danke ich dem Vorsitzenden der "Freunde der Universität", Herrn Peter Radermacher, dem Präsidenten des Kuratoriums, Herrn Dr. Klaus Adam sowie dem Stiftungs-Vorsitzenden, Herrn Professor Andreas Cesana für ihren engagierten Einsatz.

Herzlich danken möchte ich weiterhin dem Ehrenvorsitzenden Herrn Dr. Hans Friderichs und dem Ehrenpräsidenten Herrn Otto Boehringer sowie dem Präsidenten der Johannes Gutenberg-Universität, Herrn Professor Georg Krausch.

Ohne Ihrer aller Einsatz zum Wohle von Universität, Stadt und Region wäre eine so hochkarätige Gastprofessur undenkbar.

Als Oberbürgermeister schätze ich mich glücklich über die enge Verbindung von Stadt, Universität und Bürgerinnen und Bürgern, die Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, als Personen und die Stiftungsprofessur als Institution repräsentieren.


Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe mit einem Zitat eines Weltliteraten begonnen und ich möchte mit dem Zitat eines Weltliteraten schließen. Diesmal ist es allerdings nicht Proust, sondern Tolstoi, der einst schrieb:

"Das Gedächtnis hebt die Zeit auf: Es vereint, was dem Anschein nach getrennt vor sich geht."

Vielleicht ist das eine treffende Zusammenfassung, jenes Prozesses, den die Mainzerinnen und Mainzer in diesem Jahr in Ihren Veranstaltungen, liebe Frau und lieber Herr Professor Assmann, ergründen können.

Und ich bin ganz sicher, sie werden sie in guter Erinnerung behalten.

Ich wünsche Ihnen und den Kolleginnen und Kollegen, die Sie nach Mainz eingeladen haben, spannende Veranstaltungen und darf Sie nun bitten, sich in das Goldene Buch der Stadt Mainz einzutragen.