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Rede des Oberbürgermeisters zum Stadtschreiberpreis an Feridun Zaimoglu

20. Februar 2015, Rathaus

Sehr geehrte Frau Grosse,
sehr geehrter Herr Dr. Himmler,
sehr geehrte Frau Poromba,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
vor allem aber:

Sehr geehrter Feridun Zaimoglu,

"Du bist ein Schreiber, du paust uns alle ab, dann hockst du in der Bude, zerreißt die Kopie, machst dein eigenes Bild, das ist die Kopie von der Kopie, zerschnipselst auch das Blatt, wirfst alle Schnipsel in die Luft. – Was bist du?"

Keine Sorge, meine Damen und Herren: Das ist nicht der Beginn einer misslungenen Laudatio auf unseren diesjährigen Stadt­schreiber. Das ist vielmehr ein Misston „vom Rande der Gesellschaft“, wie er uns in Feridun Zaimoglus Buch "Kanak Sprak" aus gut zwei Dutzend deutsch-türkischen Männer-Kehlen in voller Lautstärke entgegenschallt.

Mit diesem Buch sorgte der Autor, den auch ich noch einmal herzlich hier im Mainzer Ratssaal begrüßen darf, vor genau 20 Jahren für Furore – und für einen Furor, wie man ihn in Deutsch­land lange nicht gehört hatte! Seither gesellen sich zu den in "Kanak Sprak" gesammelten Stimmen von Kleinkriminellen, Zuhältern, Hehlern und Junkies in schöner Regelmäßigkeit auch die der Literaturkritiker, Feuille­tonisten und Politiker.

Lauschen wir doch einfach einmal diesem vielstimmigen Chor: "Bürgerschreck der deutschen Literaturszene" ist da zu hören, "rebellischer Kümmel-Outlaw" und "Milieu-Literat", "Querulant" und "Krawallmacher". Und ganz rechts außen war der Originalton von AfD-Sprecher Konrad Adam zu verzeichnen, der Feridun Zaimoglu einst als "Voll­zugsbeamten des politisch korrekten Denkens und Sprechens" beschrieb… Offenbar haben Sie, lieber Herr Zaimoglu, ja mächtig Unordnung ins Establishment gebracht!

Doch lassen wir Gnade walten, denn alltäglich war Ihr erster Auftritt auf der literarischen Bühne mit besagtem "Kanak Sprak" ja wirklich nicht. Stellen wir uns vor: Da fliegt den Feuilletonchefs wie aus dem Nichts ein Buch auf den Tisch, dessen Sprache angeblich Deutsch sein soll, sich aber in keinem Wörterbuch findet.

Und wer ist der Verfasser? Ein junger Mann mit langen schwarzen Haaren, schwarzen Augen, schwarzem Bart, schwarzem Ledermantel und einer Unmenge an silbernen Ringen und Ketten. Ein Mann, der seinem eigenen Werk hätte entsprungen sein können… "Wer – um Himmels Willen – ist das?" müssen sich auch Wohlwollende innerhalb der deutschen Kritikerzunft gefragt haben.

Nun, die Frage ist vordergründig nicht schwer zu beantworten: Feridun Zaimoglu wurde 1964 in der anatolischen Stadt Bolu geboren und ist als Kind türkischer Gastarbeiter in Deutschland aufgewachsen. Er studierte einige Semester Medizin und Kunst an seinem Wohnort Kiel, bevor er sich schließlich für die Literatur entschied. Seither arbeitet er als Schriftsteller, Drehbuchautor, Dramatiker und Journalist – und das mit einem geradezu staunenswerten Output: 19 Bücher in 20 Jahren – darunter die großen Romane "Leyla", "Liebesbrand", "Hinterland", "Ruß" und zuletzt "Isabel" –, das zeugt schon von "Fieber, Furor und Besessenheit", die sich der Autor selbst einmal bescheinigt hat.

Mindestens genauso lang wie die Liste seiner Veröffentlichungen ist mittlerweile die Liste seiner Auszeichnungen. Ich nenne hier nur den "Preis der Jury" beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt 2003, den Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung 2004, das Stipendium der Villa Massimo in Rom 2005, den Grimmelshausen-Preis 2007, den Corine Buchpreis 2008 und so weiter und so fort bis zum "Preis der Literaturhäuser" 2012 und last but – sicher noch nicht – least den Mainzer Stadtschreiber-Preis in diesem Jahr!


Meine Damen und Herren,

ich finde, das alles sind nicht gerade wenige Antworten auf die Frage "Wer sind Sie, Feridun Zaimoglu?" Warum es aber dennoch so schwer fällt, Sie genauer zu ver­orten, lieber Herr Zaimoglu, liegt zum einen natürlich an der Breite und Vielschichtigkeit Ihres Werks. Es liegt aber mindestens ebenso an Ihrer Präsenz auf vielen Bühnen: auf der literarischen sowieso, aber auch auf der gesellschaftspolitischen.

Als Journalist, Essayist und Kommentator und nicht zuletzt als meinungsstarker, gewitzter Talkshow-Gast sind Sie längst eine Stimme in Deutschland, die nicht überhört und übersehen werden kann und darf. Vor Jahren gab es einmal einen Philosophie-Bestseller mit dem hübschen Titel "Wer bin ich und wenn ja wie viele?" Der Autor, Richard David Precht, muss Feridun Zaimoglu zum Vorbild gehabt haben…

Angesichts dieser enormen Wandlungsfähigkeit wundert es jedenfalls nicht, dass Sie sich selbst einmal als "Rauchgestalt" bezeichnet haben: in Ihrer 2012 in Salzburg gehaltenen Poetik-Vorlesung, die später als "Selbst­verschwendung (in drei Bildern)" ver­öffentlicht wurde. Darin lesen wir:

"Ich gehe hinaus, ich werde zur Rauchgestalt, ich setze mich an die Schreibmaschine, ich verfestige mich, ich erstelle etwas täuschend Echtes. Besser werden, gut werden. Das ist mein Wunsch."

Mit diesem Anspruch an das eigene Schreiben folgen Sie Ihren Romanfiguren kreuz und quer durch Europa – und das keines­wegs nur in Gedanken! Sie spüren sie auf in den entferntesten Winkeln dieser Erde – in der farbenprächtigen, archaischen Welt Ostanatoliens ebenso wie im kohlengeschwärzten Ruhrpott, in Ankara und Istanbul ebenso wie am Plattensee und auf der Insel Föhr. Sie erforschen sie durch und durch, leiden und fiebern mit ihnen, werden eins mit ihnen. Und das alles nicht in einer Sprache, sondern in vielen Sprachen, oder besser: in den unendlich vielen Ausformungen und Mög­lichkeiten, über die die deutsche Sprache verfügt und die Sie nutzen wie kaum ein zweiter Romancier dieser Tage.

Ihr Schreiben ist ein Schreiben mit allen Sinnen. Wir können es in jeder Zeile förmlich sehen, hören, schmecken und riechen:

"Es wurde dunkel, es wurde hell, dann aber starb ich. Ein Stoß – mehr brauchte es nicht, um mich zu töten. Ich wurde aus dem Schlaf gerissen, ich wurde aus dem Sitz geschleudert, ich sah, bevor ich auf dem Mittelgang aufschlug, wie der Bord­monitor barst und der Mann auf der anderen Fensterseite im Funkenregen erlosch."

So beginnt der Roman "Liebesbrand" und er zieht uns von der ersten Zeile an mitten hinein in ein furchtbares, tödliches Geschehen.

Mindestens ebenso meisterlich wie dieses Laute und Grelle aber beherrscht Feridun Zaimoglu in seinen Büchern die leisen Töne und feinen Schattierungen des menschlichen Lebens. Und nicht zuletzt sie sind es, die noch lange nach der Lektüre im Gedächtnis der Leserinnen und Leser haften bleiben.

Meine Damen und Herren, Sie merken schon: Langweilig wird es mit einem Autor wie Feri­dun Zaimoglu mit Sicherheit nicht! Dafür sprüht er zu sehr vor Witz und Einfällen. Von seiner Begeisterung – um nicht zu sagen: von dieser schrift­stellerischen „Urkraft“ – dürfen wir uns in den kommenden zwölf Monaten auch in Mainz anstecken lassen.

Ich bin mir sicher, dass Feridun Zaimoglu dem Amt als Mainzer Stadtschreiber in dieser Zeit seinen ganz eigenen Stempel auf­drücken wird – wie es schon seine namhaften Amts­kolleginnen und -kollegen vor ihm taten, die wir seit 1984 in Mainz begrüßen durften. Ich nenne hier nur aus der jüngsten Vergangenheit Peter Stamm, Kathrin Röggla, Ingo Schulze, Josef Haslinger, Monika Maron, Michael Kleeberg und Ilja Trojanow.

Ganz besonders erwähnen aber möchte ich unsere bisherige Stadt­schreiberin Judith Schalansky. Ihre Amtszeit endet mit der heutigen Ein­führung von Feridun Zaimoglu, und ich nutze die Gelegen­heit gerne, ihr im Namen der gesamten Stadt Mainz noch einmal herzlich danke zu sagen.

Meine Damen und Herren, mit der Vergabe des Mainzer Stadtschreiberpreises erinnern wir – das ZDF, 3sat und die Landeshauptstadt Mainz – alljährlich an das Erbe Gutenbergs. Und dieses Erbe ist lebendiger denn je! Zwar sind dem Buch seit den Tagen Gutenbergs mächtige Kon­kur­renten er­wachsen. Doch von einem Ende des Schreibens kann auch im digitalen Zeitalter keine Rede sein. Und leider auch nicht von einem Ende des Ringens um jedes Wort und jeden Satz im Leben eines Schriftstellers.

Das musste selbst ein wahrlich nicht auf den Mund gefallener Autor wie Feridun Zaimoglu schmerzlich zugeben. Das Schreiben, so klagte er in einem Interview, sei einfach "zu unlustig und zu ernst, als dass man dabei herumfeixen könnte".

Machen Sie sich nichts daraus! Halten Sie sich einfach an den Rat Ihres Lieblingsautors Mark Twain: "Schreiben ist leicht, man muss nur die falschen Wörter weglassen".

Lieber Feridun Zaimoglu, offenbar gelingt Ihnen dieses Weglassen schon ganz hervor­ragend, denn sonst könnten wir uns heute nicht an einem so breiten und nuancenreichen Werk aus Ihrer Feder erfreuen! Vielen Dank, dass Sie heute bei uns sind, und noch einmal herzlich willkommen als 31. Stadtschreiber in Mainz!