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Rede des Rede des Oberbürgermeisters zur 32. Stadtschreiber-Preisverleihung an Clemens Meyer

25. Februar 2016
Staatskanzlei, Festsaal

Anrede,

„Man muss bloß nah genug an sein Motiv herangehen, und man braucht Glück!“

Nein, das steht nicht in einem der Bücher unseres neuen Mainzer Stadtschreibers. Das hat der amerikanische Kriegsfotograf David Douglas Duncan gesagt. Also ein Mann, der mit der Verleihung des 32. Mainzer  Stadtschreiberpreises an den Leipziger Autor Clemens Meyer auf den ersten Blick nichts zu tun hat. Und dennoch fühlte ich mich, als ich den Satz neulich in der Zeitung las, sofort an unseren heutigen Ehrengast erinnert: Weil auch er sich wie mit einer Linse ganz nah an die Realität heranzoomt – und im richtigen Moment auf den Auslöser drückt!

Wir sehen es vor uns: Das schäbige Zimmer, den trostlosen Alltag, die Müdigkeit in den Augen der Protagonisten.

Diese Menschen und ihre Leben sind für uns fremde Menschen mit fremden Leben – und  doch werden wir im Innersten berührt: vom Lauten, Schrillen und Gemeinen, das Clemens Meyer uns zeigt. Aber mehr noch von der zarten Geste, vom kurzen Innehalten, vom stillen Wünschen und Hoffen der Menschen. Von alldem, was Clemens Meyer manchmal nur in einem Satz andeutet. Aber in was für einem!

So habe ich es zumindest an vielen Stellen seines Romans „Im Stein“ empfunden. Aber hören wir ihn selbst, den Autor Clemens Meyer, wie er eine junge Frau – eine Prostituierte –, über ihr Leben sinnieren lässt:

„Wenn es Abend wird, stehe ich am Fenster. Ich schiebe die Lamellen der Jalousie mit den Fingern aus­einander und sehe den Abendhimmel hinter den Häusern auf der anderen Seite der Straße. Es wird immer noch früh dunkel. Das Jahr ist nicht mal einen Monat alt, aber es fühlt sich schon lang und schwer an. Obwohl es nicht so viel Arbeit gibt zurzeit. Im Januar jammern wir alle. – Ich will immer noch einmal die Sonne sehen und den letzten Streifen Licht.“

Meine Damen und Herren,

man muss fast aufpassen, dass man über diese leisen Töne nicht einfach hinweg liest angesichts einer brutalen äußeren Welt, die mitunter auf den Leser einschlägt wie der Boxer auf seinen Gegner.

Denn das genaue Lesen lohnt!

Ob in seinem Roman „Im Stein“ oder in dem hoch gelobten und verfilmten Debüt-Roman „Als wir träumten“ oder in dem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Erzählband „Die Nacht, die Lichter“ – immer wieder gelingen Clemens Meyer berührende Momentaufnahmen des Lebens. Und diese Moment­aufnahmen fügen sich Seite auf Seite und Bild für Bild zu einem großen Sittengemälde unserer Zeit.

„Literatur muss wehtun“ – so sagt es Clemens Meyer selbst. Bei ihm tut sie weh. Sie tut weh, weil sein Blick auf die Menschen immer drastisch, aber nie voyeuristisch, immer schonungslos aber nie ohne Empathie ist. Und so können wir uns ihnen nicht entziehen: den Danies, Ricos, Pitbulls oder Mandys seiner Bücher. Sie sind alle da, und sie strotzen nur so vor Leben!

Meine Damen und Herren,

die Jury des Mainzer Stadtschreiberpreises hat mit ihrem Votum für Clemens Meyer eine hervorragende und auch mutige Wahl ge­troffen! Sie hat sich für einen anerkannten und vielfach geehrten Schrift­steller entschieden, ja. Aber nicht für einen, dessen Bücher wir gemütlich vor dem Einschlafen lesen.

Clemens Meyer ist eher der laute Weckruf am Morgen: Aufgewacht! – schrillt es uns in den Ohren – da draußen wartet nicht die heile Welt! Da draußen leben Menschen am Rande – oder wie es in der Jury-Begründung so schön heißt: in den „Abseiten“ – unserer Gesellschaft. („Abseiten“ – ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe dieses Wort noch nie gehört.) Da draußen leben Menschen, die saufen, fluchen, schlagen und… – Nun, ich beende an dieser Stelle besser meine Aufzählung. Sagen wir einfach: Menschen mit ihren individuellen, nicht selten sogar existenziellen Sorgen und Nöten.

Wie es aber Clemens Meyer nicht nur gelingt, diese Menschen zum Reden zu bringen, sondern uns zum wachen, mitfühlenden Zuhören – das ist wirklich meisterhaft, und davon werden wir in diesem Jahr hoffentlich noch viele Kostproben vom Autor selbst bekommen!

Meine Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Meyer,

das Amt des Mainzer Stadtschreibers blickt auf eine lange Tradition zurück: 1984 wurde der gemeinsame Preis von ZDF, 3sat und der Landeshauptstadt Mainz erstmals verliehen, und zwar an Gabriele Wohmann.

Seither konnten wir viele weitere namhafte Autorinnen und Autoren für unsere Stadt und dieses Amt gewinnen. Sie alle haben es auf sehr persönliche Art geprägt und bereichert – ich nenne hier nur aus der jüngsten Vergangenheit Judith Schalansky, Peter Stamm, Kathrin Röggla, Ingo Schulze, Josef Haslinger, Monika Maron, Michael Kleeberg, Ilja Trojanow und natürlich Sten Nadolny, der Ihr Talent, lieber Clemens Meyer, früh erkannt und gefördert hat.

Die Amtszeit Ihres direkten Vorgängers als Mainzer Stadtschreiber, Feridun Zaimoglu, endet heute, und ich nutze die Gelegen­heit gerne, ihm im Namen der Bürgerinnen und Bürger von Mainz herzlich zu danken: für ein großartiges Jahr mit vielen Lesungen und Begegnungen und für ein beeindruckendes filmisches Istanbul-Porträt.

Heute übergibt Feridun Zaimoglu Amt und Aufgabe an Clemens Meyer, einen Autor der anders schreibt und auch andere Themen besetzt, als wir sie von Herrn Zaimoglu kennen. Aber ein paar Gemeinsamkeiten fallen doch ins Auge: beide interessieren sich für Fußball – eine unserer wichtigsten Auswahl­kriterien für den Stadtschreiber­preis, versteht sich!

Nein, im Ernst: Beide Autoren trauen sich was – in der Art, wie sie schreiben und worüber sie schreiben! Und damit pusten sie dem deutschen Literaturbetrieb gehörig frischen Wind ins Gesicht! Dass aber dieser Wind jetzt schon zum zweiten Mal in Folge aus Mainzer Richtung bläst, freut mich ganz besonders.

Meine Damen und Herren,

mit der Vergabe des Mainzer Stadtschreiberpreises erinnern wir alljährlich auch an das Erbe Johannes Gutenbergs. Und dieses Erbe ist lebendiger denn je! Zwar sind dem Buch seit den Tagen Gutenbergs mächtige Kon­kur­renten er­wachsen, doch von einem Ende des Schreibens kann auch im digitalen Zeitalter keine Rede sein. Zu unserem großen Glück finden sich immer wieder Menschen, die die Mühen des Schreibens auf sich nehmen und ihre Leserinnen und Leser in ferne, fremde Welten entführen.

Lieber Clemens Meyer,

wir sind gespannt, in welche Welten – oder wie ich befürchte: in welche „Abseiten“ – Sie uns in Ihrem Mainzer Jahr entführen werden.  Schön, dass Sie heute bei uns sind, und herzlich willkommen in Mainz!