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Rede des Oberbürgermeisters anlässlich der Übergabe der Stiftungsprofessur an Onur Güntürkün

Sonntag, 17. April 2016
Ratssaal

Meine Damen und Herren,

ich bitte um Verzeihung. Ich muss heute ein bisschen übergriffig werden.

Ich werde jetzt, wenn ich das richtig verstanden habe, Ihr Gehirn verändern. Das tut mir leid, geht aber nicht anders – und ist auch zu Ihrem Besten.

Denn wenn Sie morgen Früh beim Kaffee noch irgendetwas von dem wissen, was ich heute über unseren neuen Stiftungsprofessor gesagt habe, dann liegt das daran, dass Ihr Gehirn sich während meiner Rede umstrukturiert hat. Professor Güntürkün und ich sind dann physisch präsent in Ihrem Gehirn.

Warum das zu Ihrem Besten sein soll, Oberbürgermeister und Stiftungsprofessor im Gehirn zu haben? Naja, wenn Sie sich morgen Früh beim Kaffee fragen, was Sie gestern gemacht haben und Sie erinnern sich nicht mehr an meine kurze Rede, dann heißt das vermutlich, dass Ihr Gehirn sich schrecklich gelangweilt hat und nichts von dem, was ich Ihnen erzähle, für erinnerungswürdig befunden hat.

Dann hätten Sie jetzt lange zehn Minuten vor sich. Hoffen wir also, dass es mir gelingt, Ihr Gehirn zu verändern.

Ich bin sicher, dass es sich für Sie lohnen wird. Denn Onur Güntürkün im Gehirn zu haben, kann nicht schaden.

Der Mann, den wir in diesem Jahr als Gutenberg-Stiftungsprofessor willkommen heißen, hat es sogar verdient, in möglichst vielen Gehirnen zu sein.

Denn was er erforscht, betrifft alle Menschen, auch wenn man es nicht immer allen anmerkt: Professor Güntürkün erforscht das Denken.

Und mit seinen Forschungsergebnissen hat er es auch schon in die meisten Gehirne geschafft, denn wann immer wir Kurioses oder Spannendes über das Denken und Verhalten in der Zeitung lesen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, das Professor Güntürkün dahintersteckt.

So hat er der biologisch fundierten Psychologie in den Köpfen einen festen Platz verschafft: in Wissenschaft und Öffentlichkeit.

Wir können von Professor Güntürkün vieles lernen: zum Beispiel über die Fahrkünste seiner Frau oder darüber, was Tauben und Beamte gemein haben. Aber dazu gleich.

Lieber Herr Professor Güntürkün,

zuerst darf ich Sie ganz herzlich in Mainz willkommen heißen! Die Berufung auf die Gutenberg-Stiftungsprofessur ist eine Auszeichnung und Ihnen damit vom Wesen her vertraut, denn Auszeichnungen begleiten Sie auf Ihrem Weg durch die Wissenschaft.

2013 haben Sie zum Beispiel den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis erhalten und 2014 den Communicator-Preis – es sind zwei besonders bedeutende von vielen Ehrungen.

Wir sind stolz, dass mit Ihnen einer der renommiertesten Lebenswissenschaftler und international führenden Wegbereiter der biologisch fundierten Psychologie die Professur in diesem Jahr innehat.

Auf die Stiftungsprofessur werden Persönlichkeiten berufen, die sich durch fächerübergreifende Perspektive und die Bedeutung ihrer Arbeit für Wissenschaft und Gesellschaft hervortun.

Ich gratuliere Ihnen herzlich zu dieser Auszeichnung. Wir freuen uns sehr, Sie in diesem Jahr in Mainz begrüßen zu dürfen.

Meine Damen und Herren,

wohin neigen Sie den Kopf beim Küssen? Wenn ich raten müsste, würde ich in zwei von drei Fällen richtig liegen, wenn ich Ihnen prophezeie: nach rechts. Das weiß ich dank der Forschung von Professor Güntürkün.

Ebenfalls dank ihm weiß ich, dass Frauen 30 Prozent länger beim Einparken brauchen als Männer, dann aber vier Prozent schlechter stehen. Professor Güntürkün wiederum verdankt diese Erkenntnis seiner Frau, die ihn – warum wissen wir nicht – zu dieser Forschung inspiriert hat.

Zugegeben: Ein wenig klingen diese Fakten so, als müsste Professor Güntürkün bald damit rechnen, mit dem Ig-Nobelpreis ausgezeichnet zu werden.

Also mit jenem alternativen Preis für wissenschaftliche Forschung, deren Zweck sich nicht sofort erschließt und den zum Beispiel der Physiker erhalten hat, der nachwies, dass Toastbrot tatsächlich meist auf die Marmeladenseite fällt.

In Wirklichkeit aber erzählt uns Professor Güntürküns Forschung etwas über das Denken, über unser Gehirn und wirft sogar die Frage auf: Wie determiniert ist dieses Denken? Wie frei ist unser Wille?

Obwohl sich also die Kuss-Studie sicher auch in der Rubrik  „Unnützes Wissen“ der Zeitschrift NEON wiederfindet, lernen wir etwas über die Lateralisation unseres Gehirns, also darüber, dass rechte und linke Gehirnhälfte unterschiedliche Dinge tun.

Und noch mehr gelingt Professor Güntürkün mit solcher Forschung: Er bringt uns zum Schmunzeln und weckt unser Interesse.

Wer von Ihnen hat sich nicht vorhin kurz geistig eine Kussszene vergegenwärtigt und sich gefragt: Wirklich, neige ich meinen Kopf immer nach rechts? Und wer fragt sich nicht: Warum ist das so?

Auf das Schmunzeln folgt das Nachdenken, das kuriose Faktum weckt den Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin in uns.

Professor Güntürkün präsentiert uns seine Wissenschaft nicht in Gestalt der größtmöglichen Komplexität von Lateralisation und Asymmetrie, von Perzeptueller Bahnung oder Metabotropen Rezeptoren. – Sie sehen, ich habe das Glossar seines Lehrbuchs zur Biologischen Psychologie durchgeblättert.

Er präsentiert sie uns in Gestalt küssender Paare und einparkender Frauen, macht uns neugierig – und verändert so unser Gehirn: Auf einmal ist da ein Areal, in dem auch bei uns Laien die Biologische Psychologie präsent ist.

Onur Güntürkün ist eben nicht nur ein international renommierter Forscher, sondern auch ein begnadeter Wissenschaftskommunikator.

Wann liest man sonst ein wissenschaftliches Lehrbuch, in dem jedes Kapitel mit einer Kurzgeschichte beginnt?

„Biologische Psychologie“ von Onur Güntürkün ist beides, Studienbuch und Anthologie.

Im Vorwort schreibt der Autor, „um die Leser zu verlocken, immer weiter zu lesen, habe ich jedes Kapitel mit einer Kurzgeschichte begonnen […]“.

Und dieser Satz trifft es gut, weil Onur Güntürkün es immer wieder schafft, uns zu verlocken: zum Weiterlesen, Weiterzuhören und Weiternachdenken.

Lieber Herr Professor Güntürkün,

Sie sind damit eine ganz besonders gute Wahl für die Gutenberg-Stiftungsprofessur, denn als Stiftungsprofessor sind sie Botschafter der Wissenschaft in der Gesellschaft.

Wissenschaft braucht solche Botschafterinnen und Botschafter, die ihre Erkenntnisse in die Gesellschaft tragen, die die Menschen begeistern und die komplexe Dinge anschaulich erklären.

Wissenschaft muss neugierig machen, die Menschen zur Erkenntnis „verlocken“. Trifft sie dann auf eine offene, interessierte und wissbegierige Bürgerschaft, profitieren beide von diesem Austausch.

In der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur finden wir all das vereint.

Sie ist ein Aushängeschild unserer Universitäts- und Hochschulstadt. Sie ist ein Aushängeschild der Wissenschaft vor den Bürgerinnen und Bürgern. Und sie ist aus bürgerschaftlichem Engagement entstanden.

Wir verdanken die Stiftungsprofessur den „Freunden der Universität Mainz“, die sie seit dem Jahr 2000 alljährlich verleihen.

Ein Blick in die Ahnenliste der Stiftungsprofessorinnen und  ‑professoren, die nun auch Ihre Ahnenliste ist, lieber Herr Professor Güntürkün, darf heute nicht fehlen. Denn er verrät, welch hohes Renommee der Professur von Anfang an zukam.

Im vergangenen Jahr ging es aus kulturanthropologischer Perspektive um das Thema Vergessen und Erinnern.

Und damit dabei auch nichts vergessen wurde, hatten wir zum ersten Mal nicht nur einen Stiftungsprofessor oder eine Stiftungsprofessorin, sondern gleich zwei: Aleida und Jan Assmann.

Sie, lieber Herr Professor Güntürkün, werden sich nun – aus anderer Perspektive – auch mit Erinnern und Vergessen beschäftigen. Ein bisschen Vorarbeit ist also schon getan. Darauf können Sie aufbauen.

Christof Wetterich, Friedemann Schrenk, Gottfried Boehm, Angela Friederici, Karl Kardinal Lehmann, Jan Philipp Reemtsma und Hans Dietrich Genscher – sie alle hatten auch einmal die Gutenberg-Stiftungsprofessur inne, um nur einige zu nennen.

Schon diese kleine Namensauswahl zeigt die Bedeutung und die thematische Vielfalt der Stiftungsprofessur. Sie zeigt auch, wie sie unsere Stadt bereichert: mit Wissen, mit Erkenntnis und mit Diskussion.

Dafür möchte ich ganz herzlich den „Freunden der Universität“ danken.

Stellvertretend für die vielen Förderer und Unterstützer der Professur – darunter Unternehmen wie Privatpersonen – danke ich dem Vorsitzenden der „Freunde der Universität“, Herrn Peter Radermacher, dem Präsidenten des Kuratoriums, Herrn Dr. Klaus Adam sowie dem langjährigen Stiftungs-Vorsitzenden, Herrn Professor Andreas Cesana, für ihren engagierten Einsatz.

Herzlich danken möchte ich dem Ehrenvorsitzenden Herrn Dr. Hans Friderichs und dem Ehrenpräsidenten Herrn Otto Boehringer sowie dem Präsidenten der Johannes Gutenberg-Universität Herrn Professor Georg Krausch.

Ohne Ihrer aller Einsatz zum Wohle von Universität, Stadt und Region wäre eine so hochkarätige Gastprofessur undenkbar.

Als Oberbürgermeister schätze ich mich glücklich über diese enge Verbindung von Stadt, Universität und Bürgerinnen und Bürgern.

Sehr geehrte Damen und Herren,

man könnte über Onur Güntürkün noch vieles sagen: über einen Mann, der zu den renommiertesten Forschern seines Fachs gehört und der doch von sich selbst sagt, „er werde geistig überschätzt“.

Über einen, den seine Kolleginnen und Kollegen aus der Glücksforschung sicher gerne mal unter die Lupe nehmen würden, weil er eine so positive Einstellung zum Leben hat, dass jene, die ihn in den Medien porträtieren, stets schreiben: „Selten habe ich einen glücklicheren Menschen kennengelernt“.

Über einen der sagt, seine beiden Standardtiere für Experimente seien „Tauben und Menschen“.

Man könnte mit ihm über vieles die spannendsten Gespräche führen. Dazu ist sicher heute Gelegenheit. Ich will es aber jetzt beim Gesagten belassen und hoffe, ich konnte Sie ein wenig verlocken zur Vorlesungsreihe „Psychologie und Gehirn: Zur Innenansicht des Menschen“.

Eines bin ich Ihnen noch schuldig: Ich sagte ja anfangs, wir könnten von Professor Güntürkün vieles lernen, auch was sein Lieblingstier, die Taube, mit Beamten gemein hat.

Ich zitiere: „Was mich an Tauben so fasziniert, ist, dass sie ein ungeheures Lernvermögen haben – nicht unbedingt, weil sie schlau sind, sondern weil sie so beamtenhaft sind. Man gibt ihnen eine Aufgabe, und sie bringen sie zu Ende. Tauben haben eine unglaubliche Frustrationsresistenz […].“

Ob das jetzt ein Kompliment war und wenn ja für wen, das bleibt Gegenstand der weiteren Forschung.

Eines aber ist sicher: Mit so anschaulichen, zum Nachdenken anregenden Sätzen wird die Vorlesung von Professor Güntürkün das Gehirn der Zuhörerinnen und Zuhörer gehörig umstrukturieren, weil viele neue und spannende Einsichten über das Denken abgespeichert werden wollen.

Ich wünsche Ihnen und den Kolleginnen und Kollegen, die Sie nach Mainz eingeladen haben, spannende Veranstaltungen und darf Sie nun bitten, sich in das Goldene Buch der Stadt Mainz einzutragen.