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Rede zur 33. Stadtschreiber-Preisverleihung an Abbas Khider

Dienstag, 7. März 2017, 15.30 Uhr
Ratssaal

Sehr geehrte Frau Grosse,
sehr geehrter Herr Professor Arens,
sehr geehrter Herr Trojanow,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
vor allem aber: sehr geehrter Herr Khider,

„Stumm und starr vor Angst hockt sie in ihrem Drehstuhl, als hätte die Ohrfeige sie betäubt.“

Gleich der erste Satz von Abbas Khiders jüngstem Roman „Ohr­feige“ haut richtig rein – und steht dabei doch in größtem Kontrast zur eigentlichen Absicht des Protagonisten, einem irakischen Asylbewerber in Deutschland. Der will sich nämlich „einfach mal mit Ihnen von Mensch zu Mensch in aller Ruhe unterhalten“. Zugegeben: ein vielleicht etwas seltsames Verständnis von „ruhiger Gesprächsatmosphäre“, aber letztlich symptomatisch für das, was uns auf den folgenden 200 Seiten erwartet: ein Wechselbad der Gefühle, ein permanentes Schwanken zwischen den Extremen, ein Alptraum und ein großes Lese-Vergnügen zugleich!

Was Khider beschreibt, ist dabei nur scheinbar weit weg von uns. Tatsächlich ist das Auf­einanderprallen von Kulturen und diametral entgegengesetzten Lebensumständen ein gutes Stück deutsche Realität. Diese Realität klingt bei Khider einerseits deprimierend – „Was bedeutet es für mich, wenn ich weder in der Heimat noch in der Fremde leben darf?“ – und andererseits zum Verzweifeln komisch:

„‘Hier will ich nicht bleiben, ich soll weiter nach Paris.‘ – ‚Mach bitte keine Dummheiten! Deine Fingerabdrücke wurden abgenommen und an andere europäische Länder weiter­geleitet. Du kannst nirgendwo anders Asyl beantragen. […] Dein Paris heißt jetzt Zirndorf.‘“

Meine Damen und Herren,

ganz so hart trifft es Abbas Khider zum Glück nicht – sein „Paris“ heißt ab jetzt immerhin „Mainz“ und dazu beglückwünsche ich unseren Ehrengast sehr herzlich (und selbstverständ­lich völlig ohne Ironie). Die Jury des Mainzer Stadtschreiberpreises hat mit ihrem Votum für Abbas Khider eine hervorragende Wahl ge­troffen:

Sie hat sich für einen Schrift­steller entschieden, der zwar keines­wegs neu auf der literarischen Bühne ist – auch seine Vorgänger-Romane „Der falsche Inder“, „Die Orangen des Präsidenten“ und „Brief in die Auberginenrepublik“ waren bereits vielbeachtete Werke –, der aber eine so ungestüme Fabulierfreude mitbringt wie sie nicht oft zwischen zwei Buchdeckeln zu finden ist. Zumindest nicht in deutscher Sprache.

Im Deutschen unterscheiden wir ja bekanntlich gerne zwischen ernsthafter und Unterhaltungs­literatur. Was heißt unterscheiden! Ernst und Spaß stehen sich bei uns oft gegenüber wie feindliche Staaten! Da braucht es jemanden von außen, der die Gräben scheinbar spielerisch überwindet. Der mit geradezu kindlichem Vergnügen von humoristischen Szenen zu poetischen Passagen zu knallhartem Realismus wechselt. Jemanden wie Abbas Khider!

Abbas Khider versprüht trotz der Schwere seiner Themen und der Traumata seiner Protagonis­ten einen geradezu mitreißenden Optimismus und eine Leichtigkeit, die ansteckend ist. Vielleicht weil er aus seiner eigenen Biographie weiß, dass sich das Schwere mit Humor einfach leichter tragen lässt, ja, dass es sich vielleicht überhaupt nur so ertragen lässt? Oder um es mit einem sehr ernsthaften deutschen Philosophen, mit Immanuel Kant, zu sagen: „ Nur wer das Leben ernst, bitter ernst nimmt, hat auch wirklich Humor.“

Genau das aber ist es, was viele Leserinnen und Leser an Abbas Khiders Romanen so bewegt und berührt: die Ernsthaftigkeit und Empathie, mit der er auf die Not und das Leid von Flüchtlingen, auf ihre Flucht- und Gewalterfahrungen, aufmerksam macht. Auf Menschen also, wie sie zu tausenden unter uns leben. Abbas Khider gibt diesen verzweifelten, entwurzelten, suchenden Menschen eine Stimme. Und er weiß genau, wovon er spricht, denn seine eigene Biographie ist die Biographie eines Verfolgten und Geflüchteten.

Geboren in Bagdad wurde er mit 19 Jahren wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet und fast zwei Jahre lang in Gefängnissen interniert. Nach seiner Entlassung floh er 1996 aus dem Irak und kam nach einer langen Odyssee durch arabische und europäische Länder schließlich in Deutschland an. Und angekommen ist er hier in der Tat – nicht nur in einer neuen Heimat, sondern auch in einer neuen Sprache:

„Die deutsche Sprache war wie ein Zufluchtsort für mich. Ein Ort, an dem ich träumen, Freiheit und Distanz zu meinen Schmerzen und der Vergangenheit haben konnte.“

Abbas Khider, meine Damen und Herren, ist angekommen. Im Gepäck dabei aber hat er Erfahrungen und Erlebnisse, die gleich für mehrere Leben reichen könnten, und die heute das Fundament seines literarischen Schaffens darstellen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

sehr geehrter Herr Khider,

das Amt des Mainzer Stadtschreibers blickt auf eine lange Tradition zurück: 1984 wurde der gemeinsame Preis von ZDF, 3sat und der Landeshauptstadt Mainz erstmals verliehen, und zwar an Gabriele Wohmann. Seither konnten wir viele weitere namhafte Autorinnen und Autoren für unsere Stadt und dieses Amt gewinnen. Sie alle haben es auf sehr persönliche Art geprägt und bereichert – ich nenne hier nur aus der jüngsten Vergangenheit Feridun Zaimoglu, Judith Schalansky, Peter Stamm, Kathrin Röggla, Ingo Schulze, Josef Haslinger, Monika Maron, Michael Kleeberg und natürlich Ilja Trojanow, mit dem es heute ja noch ein Wiedersehen gibt.

Die Amtszeit des direkten Vorgängers als Mainzer Stadtschreiber, von Clemens Meyer, endet heute, und ich nutze die Gelegen­heit gerne, ihm im Namen der Bürgerinnen und Bürger von Mainz zu danken. Mit Abbas Khider freuen wir uns jetzt auf einen Autor, der sich zwar explizit nicht als Sprachrohr der Flüchtlinge oder gar als ihr Repräsentant verstanden wissen will, der uns aber dennoch wie kaum ein Zweiter mit den Träumen und Sehnsüchten, den Ängsten und Sorgen dieser Menschen, unserer Mitmenschen, vertraut macht.

„Stellen Sie sich vor“, so hat Abbas Khider in einem Interview einmal gesagt, „Sie sitzen in einem Auto und fahren in einem dicht­bewachsenen Wald. Dann geht Ihr Auto kaputt, aber Sie müssen weiter, weil Leute hinter Ihnen her sind. Umkehren können Sie nicht. Laufen Sie nach links, rechts oder geradeaus? Wohin führen die Wege? Hinter jedem Baum könnte eine Gefahr stecken. Sie müssen ständig auf der Hut sein und immer weitergehen, in der Hoffnung, irgendwo anzukommen, wo es sicher ist. Diesen Ort zu finden, ist der Traum des Flüchtlings.“

Vertreibung, Flucht, Exil, Fremde – das sind die Themen von Abbas Khider. Und das sind zugleich die Themen, die unsere Gegenwart (und gerade in Deutschland auch unsere Vergangenheit) prägen. Themen, die die Lektüre von Khiders Romanen so fesselnd und zugleich nachdenkenswert machen.

Meine Damen und Herren,

mit der Vergabe des Mainzer Stadtschreiberpreises erinnern wir alljährlich auch an das Erbe Johannes Gutenbergs. Und dieses Erbe ist lebendiger denn je. Zwar sind dem Buch seit den Tagen Gutenbergs mächtige Kon­kur­renten er­wachsen, doch von einem Ende des Schreibens kann auch im digitalen Zeitalter keine Rede sein. Zu unserem großen Glück finden sich immer wieder Menschen, die die Mühen des Schreibens auf sich nehmen und ihre Leserinnen und Leser entführen – in fremde, ferne Welten, manchmal aber auch einfach in unsere unmittel­bare Nachbarschaft: zum Beispiel in eine der vielen Flüchtlingsunterkünfte in unserem Land

Lieber Abbas Khider,

wir sind gespannt, in welch ferne Welten und unmittelbare Nachbarschaften Sie uns entführen werden in Ihrem Jahr als Mainzer Stadtschreiber. Schön, dass Sie heute bei uns sind, lieber Abbas Khider, und herzlich willkommen in Mainz!