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Rede anlässlich des Jahresempfangs des Beirats für Migration und Integration

5. April 2017
Mainzer Rathaus

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

meistens versichert uns der Blick in den Kalender ja der Normalität. Die Welt sieht heute so aus, wie wir sie gestern verlassen haben, als wir ins Bett gegangen sind. Und morgen wird sie immer noch so aussehen wie gestern – plus das natürlich, was wir ihr heute hinzufügen, und minus das, was wir heute wegnehmen. Der Blick in den Kalender – meistens sagt er uns: alles normal.

Manchmal aber irritiert uns der Blick in den Kalender auch gehörig. Zum Beispiel dann, wenn der Rosenmontagsumzug im Mai stattfindet oder der Neujahrsempfang des Beirats für Migration und Integration im April. Solche Irritationen erinnern uns dann daran, dass die Dinge nicht ihren normalen Gang gehen. Sie reißen uns aus der Normalität. Irgend­etwas ist anders. Irgendetwas ist neu. Und dann kommt uns die Frage in den Kopf: Was ist passiert?

Im Falle des Neujahrsempfangs im April kann ich Sie beruhigen. Da ist die Antwort ganz einfach – und hat anders als beim Rosenmontag vor einem Jahr auch nichts mit gefähr­lichen Stürmen zu tun.

Aber wir müssen die Frage „Was ist passiert“ auf dem heutigen Empfang noch viel globaler stellen, wir müssen sie für unsere ganze Gesellschaft, ja für die Welt stellen. Und da ist die Antwort schon schwieriger. Aber dazu komme ich gleich.

Zuerst erinnert uns ein Neujahrsempfang im April – der deshalb dieses Jahr „Jahres­empfang“ heißt – daran, dass die Dinge nicht ihren normalen Gang gehen, dass bei uns etwas anders und neu ist. Denn das Büro für Migration und Integration hat einen neuen Leiter – und zwar seit zwei Wochen. Lieber Herr Wittmer, deswegen haben wir mit dem Empfang extra auf Sie gewartet.

Herrn Mehlkopf haben wir schon verabschiedet. Er wird sich mit seinem Wissen und mit seiner immer nahbaren und freundlichen Art nun an anderer Stelle in unserer Stadt für die Integration einsetzen. Frau Mosch hat es aus familiären Gründen aus Mainz weggezogen. Die unschätzbar wertvolle Arbeit für die Integration und für unser Miteinander, für die wir den beiden sehr dankbar sind, werden nun Carlos Wittmer und seine Mitarbeiterin Natalie Stickl fortsetzen.

Ich freue mich sehr, dass Sie, lieber Herr Wittmer, liebe Frau Stickl, diese wichtige Aufgabe übernommen haben, und ich wünsche Ihnen viel Erfolg und vor allem viel Freude.

Denn in Mainz – das haben Sie sicher schon festgestellt und bei der Interkulturellen Woche merken es jedes Jahr tausende Mainzerinnen und Mainzer – in Mainz ist Integration eine Aufgabe, die Freude macht.

Wenn man Integration richtig anstellt, dann macht sie nämlich genau das: Freude. Und zwar beiden Seiten, denen, die sich integrieren und denen, die sie willkommen heißen. So verstehen wir in Mainz Integration: als gemeinsamen Auftrag, unser Miteinander zu gestalten.

Da kann so mancher und so manche, die in Fernsehtalkshows immer Integration fordern, und sie dabei aber immer nur mit Verboten und Geboten verwechseln, viel von uns Mainzerinnen und Mainzern lernen.

Sie, lieber Herr Wittmer, sind jetzt Botschafter dieses guten Miteinanders in Mainz – und das in dem Jahr, in dem wir gemeinsam den Tag der Deutschen Einheit feiern, unter dem Motto „Zusammen sind wir Deutschland“. Das wird eine spannende Zeit und ich wünsche Ihnen alles Gute. Und dem Beirat und Ihnen allen wünsche ich eine gute Zusammenarbeit mit Herrn Wittmer. Integrieren Sie ihn gut!

Meine Damen und Herren,

ein Neujahrsempfang im April wundert uns beim Blick in den Kalender sofort, weil es normalerweise eben anders ist. Sofort fragen wir uns: Was ist los? Was ist passiert? Aber bei anderen Dinge, die wir täglich erleben und nicht nur einmal im Jahr, da erinnert uns kein Kalender daran, dass es normalerweise anders ist. Dass es anders sein sollte. Und dass es auch schon einmal anders war.

Wenn das „Heute“ ungefähr so ist wie das „Gestern“, dann erscheint uns das „Heute“ als Normalität. Und mit jedem Heute und jedem Morgen vergessen wir ein Stück mehr, dass es einmal ein Gestern gab, an dem die Dinge ganz anders waren. An dem unsere Normalität ganz anders war. Manchmal müssen wir dann im Kalender nur ein paar Jahre zurückblättern und wir merken, dass wir eigentlich jeden Tag fast erschrocken fragen müssten „Was ist passiert?“ Denn es ist noch gar nicht so lange her, da wäre vieles, von dem, was uns heute normal erscheint, womit wir uns beinahe abgefunden haben, unvorstellbar gewesen.

Aber weil diese neue Normalität schleichend kam, weil mit jedem Kalenderblatt ein anderes Tabu fiel, und dann noch eins und noch eins, weil jeden Tag neue Brüche im Fundament der politischen Kultur, im Fundament unseres Gemeinwesen entstanden, haben wir, hat die Gesellschaft, irgendwann erschöpft begonnen zu glauben, so sei die neue Normalität. Und wir müssten uns damit abfinden. Das ist sie aber nicht und das müssen wir nicht. Im Gegenteil; wir müssen in diesem Jahr mehr denn je dafür arbeiten, dass sie das auch nicht wird.

Vor einigen Jahren hat der französische Widerstandskämpfer und UN-Diplomat, Stéphane Hessel ein Buch geschrieben mit dem Titel „Empört euch“. Und wenn das, was vor Jahren noch unvorstellbar war, Normalität zu werden droht, dann ist es genau das, was wir tun müssen:

Wenn auf Facebook zur Gewalt aufgerufen wird, gegen Menschen zum Beispiel, die sich für Geflüchtete einsetzen oder schlicht eine andere politische Meinung haben, dann müssen wir uns empören.

Wenn gewählte Politiker von einem „Denkmal der Schande“ sprechen und die Erinnerungskultur diffamieren, wenn Rassismus salonfähig gemacht werden soll, wenn Muslime in den USA wegen ihres Glaubens an der Einreise gehindert und jüdische Friedhöfe geschändet werden, dann müssen wir uns empören.

Wenn Terroristen in Berlin oder irgendwo auf unserem Kontinent oder auf unserer Welt im Namen der Religion morden, dann müssen wir uns empören. Und wenn dann ein deutscher Politiker einer bestimmten Partei twittert „Es sind Merkels Tote“, dann müssen wir uns wiederum empören.

Wir müssen uns auch dann empören, wenn die Dinge, über die wir uns empören müssen, so zahlreich werden, dass sie im Fernsehbildschirm so aussehen wie die neue Normalität. Sie sind es nicht. Und deswegen dürfen wir diesen Dingen niemals gleichgültig begegnen, damit sie es auch nicht werden.

Manchmal erscheint es uns beim Blick in die Nachrichten oder die Zeitung vielleicht wirklich so, als sei das ganze Land, die ganze Welt verrückt geworden. Aber ich ver­sichere Ihnen: Die schweigende Mehrheit ist das nicht. Die Mehrheit in unserem Land, egal, welchen Glaubens, egal woher sie kommt, ist von Hass und Gewalt angewidert und von Misstrauen und Spaltung erschöpft.

Wir müssen aber noch mehr tun, als uns über das Empörungswürdige zu empören. Wir müssen umso mehr für eine andere, für unsere Normalität kämpfen. Und unsere Normalität in Mainz zeigt sich jedes Jahr auf der Interkulturellen Woche: wenn hunderte Menschen, die aus allen Teilen der Welt zu uns nach Mainz gekommen sind, wenn Sie alle hier, sich ehrenamtlich für unser Miteinander engagieren. Wenn tausende Mainzerinnen und Mainzer, wie im letzten Jahr und wie all die Jahre zuvor seit mehr als vier Jahrzehnten, kommen, um über die und von der Vielfalt in unserer Stadt zu lernen.

Unsere Normalität ist das gute Miteinander. Wir müssen das in diesem Jahr noch mehr zeigen, damit es auch wirklich jedem und jeder klar wird. Weit über unsere Stadt hinaus.

Der Tag der Deutschen Einheit gibt uns eine wichtige Gelegenheit dazu, aus Mainz eine andere, eine optimistischere Idee des Miteinanders auszusenden, als wir es zum Beispiel letztes Jahr in Dresden erlebt haben.

Der Titel gibt die Botschaft vor: Zusammen sind wir Deutschland! Es ist dieser Satz, der die Normalität widerspiegelt. Wir müssen nur dafür sorgen, dass das auch wieder so wahrgenommen wird.

Diese, unsere Normalität zeigt sich aber nicht nur während der Interkulturellen Woche oder während des Tages der Deutschen Einheit. Sie zeigt sich jeden Tag. Zum Beispiel dann, wenn sich Mainzerinnen und Mainzer für die Menschen engagieren, die zu uns geflüchtet sind. Denn auch wenn die Zahl derer, die zu uns kommen, kleiner wird. Die Unterstützung ist weiterhin überwältigend groß.

Und ich weiß, dass viele von Ihnen sich engagieren. Und auch wenn solch ein ehrenamtliches Engagement in Mainz glücklicherweise Normalität ist, so ist es nicht selbstverständlich. Deswegen möchte ich Ihnen allen heute sehr herzlich für dieses Engagement danken.

Die Aufgaben, die vor uns liegen, sind noch immer groß. Die Integration erfordert viel Einsatz und sie erfordert ihn viele Jahre. Von allen. Von den Menschen, die zu uns gekommen sind – denn sie müssen eine neue Sprache und eine neue Kultur lernen – und von uns als Gesellschaft: Wir müssen willkommen heißen und integrieren helfen und gleichzeitig Vorurteile überdenken und nicht vorschnell oder verallgemeinernd urteilen.

Zur Normalität gehört auch, einzugestehen, dass nicht alles sofort gut laufen wird, dass es Konflikte gibt und dass einige, wenige Menschen unsere Großzügigkeit ausnutzen, manchmal auf das Schrecklichste. Wir haben es in Berlin erlebt oder bei dem Mord an einer Freiburger Studentin.

Nur müssen wir, wenn solche Dinge geschehen, aufpassen, dass wir nicht das Schreck­liche und die Menschen, die es tun, zur Normalität erklären. Die Grenzen zwischen Normalität und Generalverdacht sind streng. Nur werden sie von manchen allzu geflissentlich verwischt.

Meine Damen und Herren,

es gibt noch ein anderes aktuelles Thema, bei dem uns der Blick in den Kalender an eine Zeit erinnert, in der unsere Normalität eine ganz andere war. Ich meine das Verhältnis zwischen Europa und der Türkei und die Auswirkungen, die wir in der Türkei und in Europa spüren.

Ich finde, Bundespräsident Steinmeier hat sehr kluge Worte gefunden, die uns daran erinnern, dass wir alle daran arbeiten müssen, dass nicht der Streit und die Spaltung, nicht die gegenseitigen Vorwürfe und das Misstrauen die neue Normalität sind. Sondern dass wir wieder zu Partnerschaft und Freundschaft zurückkehren.

Wir dürfen dabei nicht mit Anmaßung und Arroganz aufeinander schauen. Diesen Auftrag hat der Bundespräsident auch uns Deutschen gegeben, als er sagte: „Und weil das alles so ist, schauen wir auf die Türkei von heute nicht mit Hochmut und Besserwisserei. […] Aber: Unser Blick ist von Sorge geprägt, dass all das, was über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut worden ist, zerfällt!“

Meine Damen und Herren,

das Schöne an der Demokratie ist, dass wir nicht alle gleich sein müssen, nicht alle das Gleiche denken müssen, nicht alle die gleiche politische Meinung haben müssen – und trotzdem friedlich und freundschaftlich miteinander leben und miteinander die Zukunft bauen können. Deswegen verbietet sich für Demokratien Hochmut – ebenso wie sich Nazi­vergleiche und das Ausspionieren von freien Bürgerinnen und Bürgern oder die Inhaftierung von Journalisten verbieten.

Vor zehn Jahren war unsere Normalität geprägt von Annäherung und Freundschaft, von Wachstum und Unterstützung, von Austausch und Tourismus – heute scheint sie geprägt von Misstrauen und Spaltung, nicht nur zwischen den Ländern, sondern auch innerhalb der Länder, unter den Menschen.

Wir können uns erinnern, dass es einmal anders war, und wir sollten das viel öfter tun. Und wir sollten daran arbeiten, dass es wieder anders wird. Dafür müssen wir nicht immer einer Meinung sein, sondern nur die Meinungen der anderen res­pektieren. Das ist das Schöne an der Freundschaft unter Demokratien und Demokraten. Und zu dieser Freundschaft wollen wir zurück.

Meine Damen und Herren,

begonnen habe ich meine Rede damit, dass das Morgen genauso aussieht wie das Gestern, plus das, was wir heute hinzufügen, und minus das, was wir wegnehmen. Das ist die gute Nachricht.

Denn wenn wir viel von dem guten Miteinander hinzufügen, dass für uns in Mainz so normal ist, dann nehmen wir damit automatisch dem, was nicht Normalität werden darf, den Platz weg. Und auch wenn nun schon April ist, haben wir in diesem Jahr noch unzählige Gelegenheiten, genau das zu tun, dieses Miteinander zu stärken.

Ich danke allen, die sich dafür engagieren und im vergangenen Jahr engagiert haben, allen Mitgliedern des Beirats und ganz besonders Ihnen, sehr geehrter Herr Taner, für das eifrige Engagement und das jederzeit offene Ohr.

Ich wünsche uns beim Gestalten unseres Miteinanders viel Erfolg – und gemeinsam viel Freude.