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Rede des Oberbürgermeisters anlässlich 100 Jahre Wohnbau Mainz

Donnerstag, 16. März 2017, 10 Uhr
Kurfürstliches Schloss

Sehr geehrte Frau Ministerin Ahnen,
sehr geehrte Landtags- und Bundestags-Abgeordnete,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter aus Stadtvorstand und Stadtrat, aus den Verbänden und Kammern,
sehr geehrter Herr Merkator,
sehr geehrter Herr Will,
sehr geehrter Herr Ringhoffer,
sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wohnbau Mainz,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Gäste,

„man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt“.

Zugegeben: ein etwas martialischer Einstieg für eine Geburtstagsfeier!

Aber ich finde, dieses Zitat von Heinrich Zille – dem Berliner Maler der Jahrhundertwende – wirft ein Schlaglicht auf die teils verheerenden Wohnverhältnisse nicht nur in Berlin, sondern in vielen deutschen Städten vor einhundert Jahren.

Auf die Zeit also, in der sich auch in Mainz als Antwort auf die Misere am Wohnungsmarkt erste Wohngenossenschaften gründeten.

Auf die Zeit, die am 16. März 1917 zur Gründung der „GmbH zur Errichtung von Kleinwohnungen in der Stadt Mainz“, unserer heutigen Wohnbau Mainz, führte.

Das ist heute genau einhundert Jahre her, und ich gratuliere der Wohnbau Mainz auch im Namen von Stadt, Rat und Bürgerschaft sehr herzlich zu ihrem ganz besonderen Geburtstag!

Seit diesem 16. März 1917 hat sich unsere Stadt, unsere Gesellschaft und unsere Welt massiv verändert. Unverändert geblieben aber ist – wenn auch aus anderen Gründen – die Suche nach Lösungen auf einem angespannten Wohnungsmarkt.

Und unverändert geblieben ist ebenso die Frage nach sozialer Gerechtigkeit.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

sozialer und kommunaler Wohnungsbau zählen heute zu den selbstverständlichen Aufgaben eines modernen demokratischen Staates – auch wenn sich diese „selbstverständlichen Aufgaben“ leider keineswegs „wie selbstverständlich“ erledigt lassen...

Das war nicht immer so!

Vielmehr setzte eine systematische städtische Sozialpolitik erst gegen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts ein – als Reaktion auf die Industrialisierung und auf den damit verbundenen massenhaften Zuzug von Arbeiterinnen und Arbeitern in die Städte.

Die in dieser Zeit entstehenden ersten Wohngenossenschaften aber konnten allein die Wohnungsmisere nicht stoppen. Dafür mussten vielmehr auch politisch die Weichen neu gestellt werden.

Diese Weichenstellung war die Geburtsstunde der Wohnbau Mainz, und wenn wir uns heute noch einmal den Gründungsaufruf anschauen, dann mögen die Worte und Beweggründe von damals zwar etwas altmodisch anmuten, die Problematik an sich ist aber nach wie vor aktuell:

„Wer der Auffassung ist, dass die Wohnfrage für die Gesundung und Gesundheit des Theiles unserer Bevölkerung, der sich aus eigener Kraft ein Wohnhaus nicht zu beschaffen vermag, von ausschlaggebender Bedeutung ist, […] der unterstütze durch seinen Beitritt zur GmbH unsere Bestrebungen auf Förderung der Kleinsiedlungen in Mainz, die das Wohnen in Eigen- und Miethäusern mit Garten und Stall für Kleintierzucht zum Zwecke haben.“

Zugegeben, über Ställe für die Kleintierhaltung müssen wir uns heute zum Glück keine Gedanken mehr machen. Dafür aber nach wie vor um weite Teile der Bevölkerung.

Die Wohnbau Mainz, meine Damen und Herren, hat eine bewegte und eine bewegende Geschichte.

Und sie hat das Gesicht unserer Stadt entscheidend mit verändert und mitgeprägt: Ich nenne nur den Haus- und Siedlungsbau nach den beiden Weltkriegen, die Stadterweiterung auf dem Lerchenberg, die großen Siedlungsbauten auf dem Hartenberg und am Mombacher Westring, den Kraftakt Altstadtsanierung, die Konversionsprojekte, die modernen Wohnparks oder auch die inklusiven Wohnkonzepte.

Und nicht zuletzt möchte ich die große Unterstützungsleistung der Wohnbau bei der Flüchtlingsunterbringung erwähnen.

Die rüstige Dame „Wohnbau“, die heute hundert wird, diese Dame ist kein bisschen in die Jahre gekommen (auch wenn ich natürlich zugeben muss, dass sie zwischenzeitlich ziemlich ächzte und stöhnte und mehr brauchte als nur ein Facelifting…).

Heute aber steht sie runderneuert den Bürgerinnen und Bürgern von Mainz und auch den Menschen, die neu zu uns kommen, als starkes soziales Wohnungsbauunternehmen zur Seite.

Das macht mich stolz und zuversichtlich für die Zukunft in Mainz!

Und diese Zuversicht brauchen wir auch!

Sicher, Zustände wie etwa in London, wo der Begriff „Beds in Sheds“ mittlerweile zum geflügelten Wort für die katastrophalen Missstände im Wohnungswesen geworden ist, kennen wir bei uns in diesem Ausmaß gottlob nicht.

Aber Mainz wächst und das führt notgedrungen zu Konkurrenz um ein Gut, um das es bei uns knapp bemessen ist: bezahlbaren Wohnraum für alle Bevölkerungsgruppen.

Ja, Mainz wächst – aber das ist keineswegs negativ. Im Gegenteil: Das ist auch und vor allem ganz wunderbar, weil es ein Beleg für die Attraktivität unserer Stadt ist!

Die Gründe für dieses Wachstum sind dabei vielfältig. Sie reichen vom exzellenten Bildungsangebot über den prosperierenden Wirtschaftsstandort bis hin zur Alterung der Gesellschaft.

Eines vereint alle diese Menschen: Sie wollen in Mainz ein gutes Leben führen können und dazu gehört ein gutes Zuhause.

Vielen dieser Menschen geht es wirtschaftlich gut. Sie haben ein ordentliches und sicheres Einkommen und können sich eine komfortable Wohnung leisten. Für diese Menschen wird es absehbar in den nächsten Jahren am Markt auch ein ausreichendes Angebot geben. Und das ist eine gute Nachricht!

Doch machen wir uns nichts vor: Mindestens ebenso viele Mainzerinnen und Mainzer haben heute schon Probleme, regelmäßig am Ersten des Monats die Miete aufbringen zu können. Und die demographische Entwicklung wird die Zahl dieser Menschen eher noch vergrößern.

Mein Leitgedanke daher ist:

Wir brauchen Wohnraum in ausreichender und vielfältiger Form, um allen Wohnbedürfnissen gerecht zu werden.

Wir brauchen aber vor allem Wohnungen, die für Menschen mit  eher kleinen und mittleren Arbeitseinkommen und Renten bezahlbar sind.

Und dafür brauchen wir erfahrene Partner an unserer Seite – Partner wie die Wohnbau Mainz!

Nur so können wir zumindest dort, wo wir selbst Baurecht haben, vorgeben, dass ein bestimmter Anteil an preiswerterem Wohnraum entstehen muss – und mehr noch: nicht nur vorgeben, sondern auch realisieren!

Die Stadt Mainz hat es sich konsequent zum Ziel gesetzt, eigene Grundstückflächen oder solche von stadtnahen Gesellschaften für eine Wohnbebauung anzubieten.

So entstehen neue Wohnquartiere mit preisgünstigen Wohnungen zum Kaufen und Mieten an verschiedenen Stellen in der Stadt.

Doch Wohnraum ist nur das eine. Das andere ist der Lebensraum, das Lebensumfeld, und auch das muss stimmen.

Mir ist es daher außerordentlich wichtig, dass beispielsweise am Hartenbergpark, in der nördlichen Neustadt oder im Heiligkreuz­viertel funktionierende  Quartiere mit guten Nachbarschaften entstehen.

Diese neuen Quartiere sollen ausdrücklich zum gemeinschaftlichen Leben einladen, denn ich finde, eine Stadt ist doch nur dann wirklich lebenswert, wenn sich in ihr die verschiedensten Gruppen und Interessen mischen.

Jeder, der heute in Mainz baut, sollte sich vor Augen halten: Mit jedem Sack Zement bauen wir eben nicht nur ein neues Haus, sondern unweigerlich auch die Gesellschaft von Morgen!

Hierbei kann uns die Wohnbau Mainz ein echtes Vorbild sein!

Die Wohnbau Mainz hat über 25 Jahre Erfahrung in der Entwicklung von neuen Wohnformen und der professionellen Quartiersbetreuung gesammelt. Eine Erfahrung, die uns für den sozialen Aufbau der neuen Stadtviertel viel Nutzen bringen wird.

Dazu kommt: Wir brauchen nicht nur mehr Wohnraum und mehr preisgünstige Wohnungen. Auch der Wohnungsbestand an sich muss den Zukunftsanforderungen gerecht werden.

Wenn wir uns heute Häuser aus den 1960er oder 70er Jahren ansehen, wird der Handlungsbedarf offenkundig: unpassende Wohnungszuschnitte, fehlende Aufzüge, keine barrierefreien Zugänge und mit der energetischen Situation steht es oft auch nicht wirklich gut.

Bei diesen Wohnungen muss uns zwar nicht gleich Zilles Axt in den Sinn kommen, aber klar ist: Hier muss sehr viel in den nächsten Jahren passieren, gerade vor dem Hintergrund der älter werdenden Gesellschaft und mit Blick auf den Klimawandel.

Klar ist auch: Das wird nicht ohne Konflikte gehen, denn die Sanierung eines Hauses oder einer Wohnung wird in aller Regel in vermietetem Zustand erfolgen müssen, bringt also für die Betroffenen wochenlangen Lärm und Dreck, Belastungen in den Tagesabläufen und am Schluss leider oft unvermeidbar eine Mieterhöhung mit sich.

Auch hier ist uns die Wohnbau Mainz schon jetzt ein Vorbild, denn sie geht bei Modernisierungsmaßnahmen frühzeitig auf die Mieter zu, spricht die Maßnahmen mit ihnen ab und vereinbart verträgliche Mieten.

Und genau so will ich es auch in Zukunft haben, meine Damen und Herren!

Natürlich muss sich die Wohnbau Mainz dabei auch wirtschaftlich verhalten, um auf dem Wohnungsmarkt langfristig agieren zu können – das hat uns leidvoll die schwere Krise der Wohnbau gezeigt.

Sowohl wirtschaftlich als auch personell wurden aufgrund dieser Negativ-Erfahrungen die Weichen neu gestellt – mit großem Erfolg.

Und sie hat wieder Kurs genommen auf ihr eigentliches Geschäftsziel: den Bau von preisgünstigen Wohnungen, von Wohnungen also, die für viele Menschen erschwinglich sind und nicht nur für   wenige.

Dafür möchte ich heute ein herzliches Dankeschön sagen!

Ein großer Dank gebührt all jenen, die die Wohnbau durch die guten, vor allem aber auch durch die schlechten Zeiten begleitet haben: allen voran dem Aufsichtsratsvorsitzenden Kurt Merkator, der die Stadt Mainz seit 2009 im Aufsichtsrat der Wohnbau Mainz vertritt.

Mit ihm gemeinsam gilt mein Dank auch allen weiteren Mitgliedern des Aufsichtsrats und den Vertretern der Stadt Mainz.

Dann danke ich sehr herzlich den beiden Geschäftsführern, Thomas Will und Franz Ringhoffer: Sie beide haben die Wohnbau mit viel persönlichem Einsatz aus schwierigem Fahrwasser zurück zu ihrem einstigen Erfolg geführt.

Und last but not least gilt mein großer Dank der gesamten Wohnbau-Mannschaft!

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wohnbau Mainz: Dieser Tag ist auch und vor allem Ihr Tag! Vielen Dank für all das, was Sie tagtäglich für unsere Stadt und ihre Menschen leisten!

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die Rückbesinnung auf den sozialen Auftrag als städtische Wohnungsbaugesellschaft und die klare Fokussierung auf das Kerngeschäft haben die Wohnbau Mainz wieder stark für die Zukunft gemacht – ein schöneres Geburtstagsgeschenk, so denke ich, kann es für uns alle gar nicht geben!

Es gibt also viele gute Gründe, den heutigen, den hundertsten Geburtstag der Wohnbau Mainz gebührend zu feiern.

Noch mehr Gründe gibt es allerdings dafür, ihr auch weiterhin Glück und Erfolg zu wünschen:

Denn mit der Wohnbau Mainz hat unsere Stadt ein unschätzbares Steuerungsinstrument in der Hand, mit dem sie aktiv Einfluss auf den Wohnungsmarkt und die Mietpreise nehmen kann.

Und so sage ich nicht nur heute, sondern hoffentlich noch viele Jahre und Jahrzehnte aus tiefstem Herzen: „Gut, dass es unsere Wohnbau gibt“!

Vielen Dank.