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Rede anlässlich der Verleihung der Stiftungsprofessur an Prof. Wolfgang Wahlster

Sonntag, 30. April 2017
Ratssaal

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

manchmal sind die Fragen, die man zu beantworten sucht, so gewaltig, so allumfassend und so komplex, dass man sich von dem, was man eigentlich betrachten will, erst einmal abwenden, eine ganze Weile in die andere Richtung gehen, stehen bleiben und am Wegesrand einen Faden aufnehmen muss, der ganz woanders entspringt, bevor er einen wieder zu diesen Fragen zurückführt.

Mit anderen Worten: Manchmal fängt man eine Rede, in der man den wohl renommiertesten Künstliche-Intelligenz-Forscher des Landes begrüßt, am besten bei Lukas Podolski an.

Denn, meine Damen und Herren,in einer Zeit, in der der berühmte Physiker Stephen Hawking davor warnt, künstliche Intelligenz könnte einst so klug werden, dass sie das Verhältnis von Mensch und Maschine einmal grundsätzlich zu ihren Gunsten überdenkt; in einer Zeit, in der die größten Schach- und die gewieftesten Pokerspieler bereits ihren digitalen Meister gefunden haben, und der Burgerbratroboter Flippy bei einer kalifornischen Fastfoodkette seine menschlichen Burgerbratkollegen schon vom Herd verdrängt hat; in einer Zeit also, in der die Künstliche Intelligenz unsere Welt aus den analogen Angeln hebt, und die Gesellschaft nicht nur ihr Verhältnis zur Arbeit neu definieren muss, in dieser Zeit gibt es einen Trost. Denn es gibt einen unter uns, mit dem es keine, auch nicht die klügste, künstliche Intelligenz aufnehmen kann. Und dieser Mensch heißt Lukas Podolski.

Diese Informationen habe ich im Prinzip direkt von unserem diesjährigen Stiftungsprofessor. Sie ist – etwas plakativ ausgedrückt – der aktuelle Stand der Forschung. Ich verrate Ihnen später auch noch, warum das so ist.

Zuerst aber möchte ich Sie, sehr geehrter Herr Professor Wahlster, ganz herzlich in Mainz willkommen heißen! Wir sind stolz, dass mit Ihnen der renommierteste Forscher unseres Landes zur künstlichen Intelligenz die Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur in diesem Jahr innehat. Ich gratuliere Ihnen herzlich zu dieser Auszeichnung. Wir freuen uns sehr, Sie als Stiftungsprofessor begrüßen zu dürfen, denn die Zeit, deren Herausforderungen ich gerade angerissen habe, braucht die Wissenschaft gleich doppelt – nicht nur für den Fortschritt, sondern auch, um den Fortschritt zu erklären.

Unsere Gegenwart erscheint beim Blick auf den rasanten digitalen Wandel nicht selten als Intermezzo des Informationszeitalters, als Zeit des digitalen Dazwischens. Als hätte die ganze Gesellschaft ihre Koffer, Smartphones und Laptops gepackt, um in einer gigantischen, alle gesellschaftlichen Bereiche umfassenden Prozession von der Vergangenheit in die Zukunft umzuziehen. Und an der Spitze dieser Prozession läuft – wie könnte es anders sein – der Mann, der als „KI-Papst“ in die Hall of Fame der größten IT-Persönlichkeiten der Welt aufgenommen wurde: Professor Wolfgang Wahlster.

Würde man einer Künstlichen Intelligenz den Auftrag erteilen, den Werdegang eines Wissenschaftlers zu entwerfen, der nicht nur wie kein Zweiter die Digitalisierung versteht, sondern sie auch aktiv voranbringt, es käme wohl als bestmögliches Ergebnis der Werde-gang von Professor Wahlster dabei heraus – jedenfalls, wenn die KI ihren Job gut macht.

Seit 1982 Professor in Saarbrücken wurde er 1988 zum Wissen-schaftlichen Gründungsdirektor des Deutschen Forschungs-zentrums für Künstliche Intelligenz berufen – in einem Jahrzehnt also, an dessen Beginn Microsoft-Gründer Bill Gates noch prophezeite, mehr als 640 Kilobyte Speicher würden Computer niemals benötigen. Und ein halbes Jahrzehnt bevor derselbe Bill Gates prophezeien würde, das Internet sei nur ein Hype. Professor Wahlster wusste es besser.

Heute arbeiten am DFKI mehr als 800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Erforschung der Künstlichen Intelligenz. Weltweit gibt es keine größere Forschungseinrichtung auf diesem Gebiet. Und wann immer in Deutschland eine große Initiative zur Digitalisierung startet, wir von einem Start-Up hören, das sich mit Künstlicher Intelligenz befasst, oder ein Europäer erstmals einen Wissenschaftspreis in der Künstlichen-Intelligenz-Forschung erhält, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Bundesverdienstkreuzträger Professor Wolfgang Wahlster dahintersteckt.

Kein Zweifel also: Auch der beste Matching-Algorithmus, wie ihn Dating-Portale verwenden, hätte kein besseres Ergebnis produzieren können, als die Stiftungsprofessur und Sie, lieber Herr Professor Wahlster, in diesem Jahr zusammenzubringen. Zeichnet sich die Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur doch seit ihren Anfängen ganz besonders durch ihre fächerübergreifende Perspektive und die Bedeutung der berufenen Persönlichkeiten für Wissenschaft und Gesellschaft aus.

Und was ist fächerübergreifender und bedeutsamer für uns alle als die Zukunft? Und genau die und den Weg dorthin erklären Sie uns Mainzerinnen und Mainzern in Ihrer Vorlesungsreihe „Künstliche Intelligenz für den Menschen: Digitalisierung mit Verstand“.

Eine große Aufgabe, aber eine Aufgabe auch, der sich die Wissen-schaft stellen muss, weil Wissenschaft nicht losgelöst von Gesell-schaft agiert, weil sie Botschafterinnen und Botschafter braucht, die ihre Erkenntnisse in diese Gesellschaft tragen, die die Menschen begeistern und das Komplexe erklären.

Dieser Auftrag, den Sie sich selbst und der Wissenschaft gegeben haben und der sicher heute so wichtig ist wie selten zuvor, ist es, den die Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur seit jeher repräsentiert.

Sie ist ein Aushängeschild unserer Universitäts- und Hochschulstadt. Sie ist ein Aushängeschild der Wissenschaft vor den Bürgerinnen und Bürgern. Und sie ist aus bürgerschaftlichem Engagement entstanden.

Wir verdanken die Stiftungsprofessur den „Freunden der Universität Mainz“, die sie seit dem Jahr 2000 alljährlich verleihen. Ein Blick in die Ahnenliste der Stiftungsprofessorinnen und   professoren verrät, welch hohes Renommee der Professur dabei von Anfang an zukam.

Im vergangenen Jahr ging es in der Vorlesungsreihe von Professor Güntürkün um das biologische Vorbild der Künstlichen Intelligenz, es ging aus biopsychologischer Sicht um das Gehirn und das menschliche Denken. Wenn Sie sich nun in diesem Jahr mit dem künstlichen Denken beschäftigen, können Sie auf diesen Grundlagen aufbauen. Da die Stiftungsprofessur – wie Sie bald selbst erfahren werden, lieber Herr Professor Wahlster – von den Mainzerinnen und Mainzern großen Zuspruch erfährt und viele jedes Jahr zu den Vorlesungen kommen, liegt gerade in dieser Kontinuität sicher eine ganz besondere Spannung.

Zu Ihren Vorgängerinnen und Vorgängern im Amt gehören neben Professor Güntürkün unter anderem auch Jan und Aleida Assmann, Christof Wetterich, Angela Friederici, Karl Kardinal Lehmann, Jan Philipp Reemtsma und Hans Dietrich Genscher – um nur einige zu nennen.

Schon diese kleine Namensauswahl zeigt die Bedeutung und die thematische Vielfalt der Stiftungsprofessur. Sie zeigt auch, wie sie unsere Stadt bereichert: mit Wissen, mit Erkenntnis und mit Diskussion. Dafür möchte ich ganz herzlich den „Freunden der Universität“ danken.

Stellvertretend für die vielen Förderer und Unterstützer der Professur – darunter Unternehmen wie Privatpersonen – danke ich dem Vorsitzenden der „Freunde der Universität“, Herrn Peter Radermacher, und dem Präsidenten des Kuratoriums, Herrn Helmut Rittgen, für ihren engagierten Einsatz. Herzlich danken möchte ich auch dem Ehrenvorsitzenden, Herrn Dr. Hans Friderichs, und dem Ehrenpräsidenten, Herrn Otto Boehringer, sowie dem Präsidenten der Johannes Gutenberg-Universität, Herrn Professor Georg Krausch.

Ohne Ihrer aller Einsatz zum Wohle von Universität, Stadt und Region wäre eine so hochkarätige Gastprofessur undenkbar. Wir können uns in Mainz sehr glücklich schätzen über diese enge Verbindung von Wissenschaft und Gesellschaft, von Stadt, Universität und Bürgerinnen und Bürgern.

Meine Damen und Herren,
lieber Herr Professor Wahlster,

als ich am Anfang meiner Rede davon sprach, dass man bei jenen Fragen, die uns zu groß erscheinen, um sie auf Anhieb zu beantworten, manchmal in die entgegengesetzte Richtung laufen muss, um am Ende mit einer neuen Einsicht dorthin zurück-zukehren, wo man angefangen hat, da bezog sich das nicht nur auf meine Hinleitung zu Lukas Podolski, zu dem ich Ihnen ja auch noch eine Erklärung schuldig bin.

Es bezog sich vielmehr auf jene Dialektik, die der Begegnung zwischen Mensch und Maschine schon seit 200 Jahren innewohnt – in der Literatur jedenfalls. Denn schon in der wohl ersten großen Roboter-Erzählung, E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“, lernt der Mensch aus der Beschäftigung mit der Maschine vor allem etwas über sich selbst.

Indem der Autor den Menschen weitest möglich von sich wegführt, hin zu seinem maschinellen Gegensatz, wirft er ihn letztlich auf sich zurück und stellt an ihn Fragen zu seinem eigenen Zustand, seinem freien Willen und zur Moral seiner Gesellschaft.

Nun also, im Jahr 2017, aktualisiert die Wirklichkeit für uns jene ethischen, moralischen und gesellschaftlichen Fragen der Mensch-Maschine-Dialektik, die die Literatur in zwei Jahrhunderten bereits behandelt hat. Nur ist die Antwort diesmal keine fiktionale, sondern eine mit echten Auswirkungen im realen Leben.

„Wie definieren wir unser Verhältnis zur Arbeit neu?“, ist eine dieser Fragen, die unweigerlich aufkommen, wenn immer mehr Arbeitsplätze von Robotern übernommen werden. Der nächste Flippy, so prophezeit es Professor Wahlster, wird keine Burger mehr braten, sondern Aufgaben von Radiologen, Bankkaufleuten und Software-Designern übernehmen. Darin können wir Chancen erkennen, aber eben auch Bedrohungen. Und so wirft uns die Begegnung mit der Maschine auch auf unsere ureigenen Ängste vor Kontrollverlust und Überforderung zurück, wie Professor Wahlster sagt.

Und sie fragt uns: Wie verteilen wir den Wohlstand, wenn die Roboter unsere Arbeit machen? Und wie lösen wir die mit der Gesellschaft 4.0 verbundenen moralischen Probleme?

Soll ein selbstfahrendes Auto im Zweifel seinen Fahrer opfern, wenn es dadurch eine größere Anzahl anderer Menschen in einem Unfall retten kann? Die meisten Menschen antworten auf diese Frage übrigens mit Ja. – Mit einer Einschränkung: Es sollen bitte alle Autos im Notfall ihre Fahrer opfern, nur meins nicht.

Und damit führt uns das Zeitalter der intelligenten Maschinen geradewegs zurück zu den großen philosophischen Diskussionen, die wir seit der Aufklärung führen.

Und zu guter Letzt bleibt noch die Frage vom Anfang meiner Rede:
Was unterscheidet Lukas Podolski von den Schachgrößen dieser Welt, das ihn jeder Künstlichen Intelligenz überlegen macht?

Die Antwort ist: Lukas Podolski ist keine Spezialintelligenz.

Lukas Podolski kann viele Dinge, die keine Maschine kann, auch weil diese Dinge ineinandergreifen. Allen voran ist er verglichen mit den besten Fußballrobotern ein echter Feinmotoriker und Teamplayer. Denn von Professor Wahlsters Forschung lernen wir auch, wo wir Menschen einen Vorsprung haben, und dass die menschliche Intelligenz nicht eine, sondern viele Intelligenzen ist und wohl in absehbarer Zeit deshalb von keinem Computer erreicht werden kann.

Mit anderem Worten: Einem Computer beizubringen, den Ball abzuspielen, anstatt immer selbst das Tor schießen zu wollen, ist gar nicht so leicht. Soziale und Emotionale Intelligenz und sensomotorische Intelligenz haben wir den Maschinen voraus. Damit lehrt uns die Beschäftigung mit den Maschinen auch einen neuen Blick auf uns selbst, unsere Fähigkeiten und das, was wir alle teilen.

Sie sehen, meine Damen und Herren,

Professor Wahlster konfrontiert uns in diesem Jahr mit spannenden Fragen, nicht nur zu Maschinen, sondern vor allem auch zu uns Menschen. Ich wünsche uns dabei viel Freude und Ihnen, lieber Herr Professor Wahlster, und den Kolleginnen und Kollegen, die Sie nach Mainz eingeladen haben, spannende Veranstaltungen.

Ich darf Sie nun bitten, sich in das Goldene Buch der Stadt Mainz einzutragen.