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79. Jahrestag der Pogromnacht

Donnerstag, 9. November 2017, 16 Uhr
Synagoge

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mainzerinnen und Mainzer,

jedes Jahr am 9. November trägt Mainz – trägt Deutschland –Trauer, denn dann erinnern wir uns an die Nacht vor 79 Jahren, als in unserem Land die Synagogen brannten und sich jüdische Bürge­rinnen und Bürger hilflos einem plündernden und mordenden Mob gegenüber sahen.

Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war bei allem, was Juden in Deutschland schon zuvor an antisemitischen Feind­seligkeiten entgegengeschlagen war und was sie an Repressalien ertragen mussten, eine weitere grausame Zäsur. Und – wie wir in der Rückschau wissen – sie war nicht etwa das Ende der Drangsal, sondern ein Anfang: der Anfang der völligen Entrechtung, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung. 

In Mainz ist der 9. November 1938 untrennbar verbunden mit dem 20. März, dem 27. September und dem 30. September 1942 – den Tagen der großen Deportationen von jüdischen Mainzerinnen und Mainzern. An diesen Tagen wurde das Schicksal der jüdischen Gemeinde in Mainz besiegelt, wurde die Gemeinde faktisch ausgelöscht.

Heute, 79 Jahre nach der Pogromnacht und 75 Jahre nach den Deportationen, gedenken wir gemeinsam der Opfer von damals.

Wir tun das an einem Ort, der mit der jüdischen Geschichte in unserer Stadt auf das engste verbunden ist: der Synagoge.

Und wir fragen uns: Wie war es möglich, dass in Deutschland zwölf Jahre lang unter den Augen eines ganzen Volkes Hunderttausende von Juden und Minderheiten systematisch diskriminiert, verfolgt und ermordet wurden? Wie war es möglich, dass sich kaum Protest erhob, obwohl Nachbarn, Freunde und Arbeitskollegen betroffen waren? Wie war es möglich, dass Menschenrechte und Menschenwürde in aller Öffentlichkeit in den Staub getreten wurden?                          

Viel Nachdenkliches ist in den Jahrzehnten nach Kriegsende zu diesen Fragen geäußert worden. Und dennoch können wir sie nicht beantworten. Die Verbrechen bleiben ein erschütternder Teil unserer Geschichte.

Wenn wir daher heute an die Opfer der Pogromnacht sowie an die Opfer der Deportationen erinnern, dann stellen wir uns erneut diesen Fragen. Und mehr noch: Wir öffnen uns den Leidenswegen der Betroffenen von damals. Wir anerkennen ihr schweres Schicksal. Und wir begegnen ihnen – zumindest in der Erinnerung – mit Mitgefühl und Mitleiden.

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gemeinde,

die Jahre bis Kriegsende waren Jahre immer neuer Dimensionen von Gewalt, Verfolgung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung: Auf das Brennen und Wüten der Nacht des 9. Novembers 1938 folgten die Verschleppung zahlreicher jüdischer Männer ins KZ Buchenwald, die Beraubung der Juden durch den Staat durch Sondersteuern und „Sühneabgaben“, die Einweisung in „Judenhäuser“, Hunger, fehlende ärztliche Versorgung, ab 1941 schließlich die Kennzeichnung mit dem gelben Judenstern als äußeres Zeichen des endgültigen Ausschlusses aus der Gesellschaft.

Die Entwürdigung erreichte ihren Höhepunkt, als am 20. März 1942 die ersten 470 Mainzer Juden mit nur einem Koffer, 50 Reichsmark und einem Namensschild um den Hals ihre Häuser und Wohnungen – und kurz darauf ihre Heimatstadt – für immer verlassen mussten.

Sie alle sahen Mainz nie wieder – darunter auch Hedwig Reiling, die Mutter der Mainzer Ehrenbürgerin Anna Seghers. Sie mussten sich in der Turnhalle der Feldbergschule sammeln, wurden von hier aus am nächsten Tag zum Güterbahnhof an der Mombacher Straße gebracht und weiter nach Darmstadt transportiert.

Vier Tage danach, am 25. März 1942, fuhr von Darmstadt aus ein Sonderzug der Reichsbahn mit 1000 Juden, darunter den 470 Juden aus Mainz, in ein Durchgangslager im besetzten Polen ab.

Nur zwei Monate nach der Berliner „Wannseekonferenz“, auf der der Holocaust an den Juden endgültig beschlossen, vor allem aber: akribisch durchgeplant wurde, schufen die damals Verantwortlichen auch in unserer Stadt Fakten.

Ziel des Sonderzugs aus Darmstadt war das Ghetto Piaski bei Lublin im damals von Deutschen besetzten Polen. In diesem Lager herrschten katastrophale Zustände: Die Menschen hungerten, Cholera- und Typhusepidemien forderten viele Todes­opfer. Arbeitsfähige Juden mussten Zwangsarbeit leisten, viele starben an Erschöpfung. Wer in Piaski überlebt hatte, der wurde wenige Wochen später in die Vernichtungslager Majdanek und Sobibor weiterverschleppt und dort ermordet.

Auf die erste große Deportation vom März 1942 folgten Ende September zwei weitere Deportationen von Mainzer Juden:

Am 27. September wurden 453 zumeist ältere Menschen in das Lager Theresienstadt im „Protektorat Böhmen-Mähren“ gebracht. Man hatte ihnen zynisch einen „Altersruhesitz für Juden“ ver­sprochen, in Wirklichkeit aber mussten sie hier in völlig überfüllten Unterkünften unter den schlimmsten hygienischen Verhältnissen leben und hungern. Viele Menschen starben an Seuchen oder Unterernährung. Und immer wieder rollten Transporte aus Theresienstadt nach Auschwitz in die Gaskammern. 

Drei Tage später, am 30. September 1942, wurden dann nochmals 883 hessische Juden, darunter 178 aus Mainz, vermutlich direkt in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet. Am 10. Februar 1943 und zu Beginn des Jahres 1944 wurden weitere kleinere Gruppen von Juden aus Mainz nach Theresien­stadt deportiert. Bis Kriegsende waren damit nahezu alle Mainzer Juden, die nicht hatten emigrieren können, deportiert – insgesamt 1131 Menschen.

An die Opfer dieser unmenschlichen Verbrechen vor 75 Jahren haben wir am 20. März dieses Jahres gemeinsam mit dem Landtag von Rheinland-Pfalz, mit der Jüdischen Gemeinde Mainz, mit dem Verein für Sozialgeschichte Mainz, der Stiftung „Haus des Erinnerns – für Demokratie und Akzeptanz Mainz“, der katholischen und evangelischen Kirche, der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, dem rheinland-pfälzischen Landesverband der Geschichtslehrer Deutschlands und vor allem mit vielen Bürgerinnen und Bürgern auf dem Domplatz erinnert.

Wir haben uns erinnert, indem wir den Opfern Namen und Stimme gaben. Heute – am Jahrestag der Pogromnacht – möchten wir ihrer erneut gedenken. Möchten wir ihre Namen noch einmal nennen und hören. Denn sie, die alles verloren, sollen eines nicht sein: namenlose Opfer. Ihre Namen sind ihnen und uns geblieben. Und jeder dieser Namen erzählt seine ganz eigene Geschichte, sein ganz eigenes Schicksal.

1131 Namen – 1131 Schicksalswege haben sich eingebrannt in das kollektive Gedächtnis unserer Stadt.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

wir gedenken heute gemeinsam der Zerstörung der Synagogen und der Opfer des 9. November 1938. Wir gedenken der Opfer aller Mainzer Deportationen. Wir gedenken des unermesslichen Leides der Ermordeten und der Überlebenden. Wir erinnern uns an sie in Trauer und Mitgefühl.

Wir vergessen nicht.