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Rede zur Begrüßung der Auschwitz-Überlebenden Eva Schloss anlässichlich der Lesung aus ihrem Buch "Amsterdam, 11. Mai 1944. Das Ende meiner Kindheit"

Donnerstag, 11. Mai 2017, 18.00 Uhr
Zitadellen-Café

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Gäste,

es ist mir eine Freude und Ehre, heute eine Frau in unserer Stadt begrüßen zu dürfen, die uns etwas besonders Kostbares mit­gebracht hat: die Geschichte ihres Lebens.

Diese Lebensgeschichte, die sie in mehreren Büchern auf­geschriebenen und immer wieder auch in Filmen und Interviews erzählt hat, beeindruckt und bewegt Menschen weltweit, und umso mehr weiß ich es – wissen wir es alle – zu schätzen, dass sie den langen Weg von London nach Mainz auf sich genommen hat, um heute aus ihrem Buch zu lesen und mit uns ins Gespräch zu kommen.

Sehr geehrte Frau Schloss,

als gebürtige Wienerin ist Ihr Lebensweg nicht direkt mit unserer Stadt verbunden. Und dennoch kann er uns unendlich viel darüber sagen, wie Menschen während der NS-Zeit auch hier bei uns gelebt, gefühlt und gelitten haben müssen.

Mit der Schilderung Ihrer Biographie lassen Sie uns Teil haben an Ihren Erfahrungen und Erlebnissen. Und Sie ermöglichen uns zugleich einen erschütternden Einblick in das Seelenleben unserer einstigen verfolgten Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Dieser Einblick ist für uns vor dem Hintergrund der eigenen Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit von allergrößter Bedeutung.

Denn bis zur Zerstörung jüdischen Lebens unter den Nationalsozialisten konnte auch unsere Stadt mit Stolz auf eine große jüdische Gemeinde verweisen.

Fast 3000 Juden lebten bis zur Machtergreifung durch die NS in Mainz. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges waren nahezu alle von ihnen vertrieben, verschleppt oder ermordet. Die einst blühende jüdische Gemeinde Mainz war ausgelöscht. Das ist die bittere Wahrheit.

Mit umso größerer Dankbarkeit aber hat unsere Stadt in den Jahren danach erfahren dürfen, dass sich Menschen, denen das Schlimmste widerfahren war, dennoch zum Dialog bereit fanden und durch diese Dialogbereitschaft aktiv am Aufbau der Demokratie, in der wir heute leben, mithalfen.

Ich bin fest überzeugt: Unsere Demokratie wäre nicht so stark, wenn es uns nicht gelungen wäre, Verdrängung und Verleugnung zu überwinden und der Wahrheit ungeschönt ins Gesicht zu blicken. Bei diesem wichtigen Prozess aber waren – und sind uns noch – die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen unverzichtbare Begleiter und Ratgeber.

Das zeigte sich gerade in Mainz ganz besonders während der Begegnungswochen mit ehemaligen Mainzer Juden, die in den Jahren 1991 bis 2001 stattfanden und einen großen Widerhall in der Mainzer Bevölkerung fanden.

Bis heute haben diese Begegnungen bleibende Spuren hinter­lassen – bei den ehemaligen Mainzer Bürgern jüdischen Glaubens, aber auch und besonders bei den Menschen in unserer Stadt.

Dass uns heute eine enge, vertrauensvolle Freundschaft mit unserer Partnerstadt Haifa verbindet, dass wir in Mainz wieder eine weithin sichtbare Synagoge haben, dass die jüdische Gemeinde wächst und gedeiht, dass Schülerinnen und Schüler sich auf vielfältige und beeindruckende Weise mit der Geschichte ihrer Vorfahren befassen, dass sie darüber diskutieren, wie man sich heute drohenden Gefahren entgegenstellen und Haltung zeigen kann, all das verdanken wir auch den Menschen, die sich nicht von uns abgewendet, sondern sich uns zugewendet haben.

Wir verdanken es Menschen wie Ihnen, verehrte Frau Schloss, und wir können nur erahnen, wie viel Kraft es Sie kosten muss, sich Ihre schweren Erinnerungen immer wieder neu zu vergegenwärtigen.

In einem Alter, in dem andere Menschen Zeit, Ruhe und Muße genießen, haben Sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht, nach wie vor um die halbe Welt zu reisen und zu informieren und aufzuklären.

Und mehr noch: Als Mitgründerin des Anne Frank Trusts engagieren Sie sich auch gegen moderne Formen von Rassismus und Diskriminierung und bewahren so zugleich die Botschaft Anne Franks – Ihrer Stiefschwester – für die nachfolgenden Generationen.

Ihr Wirken, verehrte Frau Schloss, Ihr Hiersein, ist ein unschätzbarer Beitrag zu Frieden, zu gelebter Humanität und zur Versöhnung der Völker und Menschen.

Mit Ihrem Kommen reichen Sie uns die Hand – uns und allen Nachgeborenen. Und diese Hand wollen wir gerne ergreifen, denn angesichts der Bedrohungen unserer Zeit brauchen wir hilfreiche Hände mehr denn je.

In vielen Ländern – auch bei uns – gewinnen rechtsextremes Denken und rechtsextremistische Parteien wieder an Einfluss, und wir können nur von Glück sagen, dass wir dieser Gefahr bei den Wahlen in Frankreich gerade knapp entgangen sind.

Das Buch, aus dem Sie uns jetzt gleich vorlesen werden, trägt den Titel "Amsterdam, 11. Mai 1944. Das Ende meiner Kindheit", und dieser Titel spricht Bände:

Der 11. Mai 1944, das war der Tag Ihrer Verhaftung und Deportation nach Auschwitz. Er war der Anfang vom Ende Ihres Familienlebens, wie Sie es bis dahin kannten. Er war zugleich Ihr 15. Geburtstag und er war – wie Sie in der großartigen ZDF-Dokumentation "Du sollst leben" sagten  – auch "das Ende aller Hoffnung".

Dass Sie diesen Tag, Ihren Geburtstag und einen Tag, der wie kein anderer für Sie Freude und Trauer zugleich symbolisiert – ausgerechnet hier in Mainz, ausgerechnet mit uns verbringen, dafür kann ich Ihnen gar nicht genug danken.

Es ist ein bewegendes Zeichen dafür, wie sehr Sie sich Ihren Mitmenschen, wie sehr Sie sich gerade jungen Menschen verpflichtet fühlen, denn Sie kommen ausdrücklich auf Einladung einer Mainzer Schule – des Theresianums – , in der Sie morgen lesen werden.

Mein Dank an dieser Stelle gilt daher auch der Klasse 8 a vom Theresianum, die an Sie geschrieben hat. Mein Dank gilt Frau Krummacher vom ZDF, die den Kontakt zu Ihnen hergestellt hat – auch für die Stadt Mainz. Und mein Dank gilt Frau Dr. Brüchert, die sich sofort bereit erklärt hat, das Stadthistorische Museum heute früher zu öffnen, um Ihrer Lesung den passenden Rahmen zu geben.

Jetzt aber darf ich das Wort Ihnen übergeben, verehrte Frau Schloss!

Im Namen der Landeshauptstadt Mainz und aller Anwesenden sage ich:

Herzlichen Dank für Ihr Kommen! Herzlichen Dank für Ihr Buch, das uns ein wichtiges Zeitdokument ist! Und allerherzlichste Glückwünsche zum Geburtstag!