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Rede des Oberbürgermeisters anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde von Margit Sponheimer

Mittwoch, 7. März 2018,19 Uhr
Ort: Rathaus, Ratssaal

Liebe Margit Sponheimer,

mit Urkunden ist es ja normalerweise so: Sie gehen dem, was auf ihnen geschrieben steht, zeitlich voraus. Wer zum Beispiel vor dem Staat verheiratet sein will, der braucht, um mit der Ehe anfangen zu können, erst einmal eine Heiratsurkunde.

Wer dagegen schon mal ein paar Jahre behauptet, er wäre verheiratet, bevor eine Urkunde ihm das auch bescheinigt, der bekommt sicher bald Gratulationspost vom Finanzamt.

Normalerweise ist es also mit Urkunden so: Erst durch die Urkunde wird das, was auf ihr geschrieben steht, Wirklichkeit.

Aber dann, liebe Margit, gibt es ganz besondere Menschen und ganz besondere Umstände und ganz besondere Urkunden. Und wenn diese drei Dinge zusammenkommen, dann ist es eben doch umgekehrt: Dann schafft die Urkunde keine Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit eine Urkunde.

Dann gießt die Urkunde nur etwas in Textform, das eigentlich längst gilt. Und so eine besondere Urkunde, liebe Margit, ist die, die ich dir heute überreichen darf.

Denn auf ihr haben wir das in Worte gefasst, worüber in den Herzen unserer Stadt und in den Köpfen der Menschen im ganzen Land längst kein Zweifel mehr besteht. Und diese Worte lauten: Margit Sponheimer ist Ehrenbürgerin von Mainz.

Denn, liebe Margit: Im Herzen haben dir die Mainzerinnen und Mainzer, wir alle, die Ehrenbürgerwürde längst verliehen.

Heute machen wir es offiziell. Heute verleiht der Rat des „goldisch Meenz“ der einzigen je von einem Oberbürgermeister (Jockel Fuchs) offiziell ernannten Trägerin der Ehrenwürde „goldisch Meenzer Mädsche“ auch ganz offiziell die Ehrenbürgerwürde.

Und es gibt in unserer Stadt – da bin ich nach all den Reaktionen der vergangenen Wochen ganz sicher – keinen einzigen Menschen, der nicht mindestens begeistert ist.

Und so ist für uns beide, liebe Margit, mit der heutigen Verleihung, das Höchste verbunden, was wir jemals erreichen können:

Für dich ist es die höchste Ehrung, die unsere Stadt zu vergeben hat, und für mich ist es mit allergrößter Wahrscheinlichkeit die höchste Zustimmung, die ich hier in diesem Rat und darüber hinaus je für einen Vorschlag erhalten werde.

Ich glaube sogar, es gab in der Geschichte von Mainz noch nie einen Vorschlag, der so viel Zuspruch bekam, ja bei dem so viele Menschen glänzende Augen bekommen haben wie bei dem Vorschlag, dich zur Ehrenbürgerin zu ernennen. Vermutlich gab es in der Geschichte der Vorschläge noch nie einen mit so viel Zuspruch, liebe Margit.

Dein Mainz freut sich mit dir! Heute gilt: Wähle 06131 und du hast garantiert jemanden an der Strippe, der aufs „Margittsche“ anstößt.

Und das, liebe Margit, liegt nicht daran, dass der Mainzer und die Mainzerin an sich gerne anstoßen. Das auch. Aber heute liegt es daran, dass zwischen dir und deinem Mainz, zwischen den Mainzerinnen und Mainzern und „unserem Margittsche“ ein ganz besonderes Band besteht.

Denn du, liebe Margit, bist die Mainzer Lebensfreude in Person. Und du warst es schon immer.

Deine Großmutter, die du wegen ihrer Strenge immer „die preußische Großmutter“ nanntest, fragte angesichts der stets so heiteren Enkelin deine Eltern gar einmal: „Woher habt ihr denn dieses Kuckucksei?“.

Und wir Mainzerinnen und Mainzer kennen die Antwort: Margit Sponheimer war schon immer Mainzerin, die nur im Körper einer Frankfurterin geboren wurde. Gott Jokus hatte sich – anders ist es nicht zu erklären – schlicht um ein paar Kilometer vertan, als er uns Mainzerinnen und Mainzern die Margit schicken wollte.

Aber zum Glück bemerkte er seinen Irrtum schnell und du zogst mit deinen Eltern nach Mainz.

Es fand zusammen, was zusammengehörte und fortan sollten sich Lebensfreude und Frohsinn in der Neu-Mainzerin Margit Sponheimer und ihrer neuen Heimatstadt gemeinsam entfalten. Und die gebürtige Frankfurterin sollte einst zur Fastnachtsikone und herausragenden Botschafterin der Mainzer Lebensart werden. Und sie sollte – was sicher auch die Großmutter stolz gemacht hätte – Mainzer Ehrenbürgerin werden.

Bis dahin aber galt es für Margit Sponheimer noch einige Etappen zu gehen und auch Widerstände zu überwinden, Mut zu beweisen und den Traum, den Menschen ein Leben lang von der Bühne aus Freude zu schenken, nie aus den Augen zu verlieren. Es galt, Förderer und Wegbegleiter zu treffen, die Freunde werden würden, und es galt eine Männerdomäne im Sturm zu erobern und damit die Tür zu öffnen für viele andere Frauen, die ihr nachfolgen sollten.

Es lag also ein weiter Weg vor dem kleinen Mädchen, das aus Frankfurt nach Mainz gezogen war und eigentlich einmal im Tachogeschäft der Eltern arbeiten sollte.

Und hätte man der Margit das alles damals erzählt, hätte sie es – so sehr ihre Augen beim Gedanken an ein Leben auf der Bühne auch geglänzt hätten – vermutlich nicht geglaubt und gesagt: „Ich soll das alles machen? Wieso denn ich? Ich bin doch gar nicht so besonders.“

Denn eines war Margit Sponheimer eben auch schon immer und sollte es immer bleiben: bodenständig und bescheiden. In der Schule lehrte man sie die Mahnung an Erzbischof Willigis „Denk, woher du kommen bist“. Und wir wissen, es war eine Mahnung, derer es bei Margit Sponheimer gar nicht bedurft hätte.

Denn ein „Margittsche“, das bei allem Ruhm und Erfolg nicht mit beiden Beinen auf dem Boden steht, kann man sich schlicht nicht vorstellen. Bescheidenheit und Bodenständigkeit sind eben auch zwei Werte, die Margit Sponheimer und ihr Mainz verbinden.

Gezeigt hat sich diese Bescheidenheit schon ganz am Anfang ihrer Fastnachtskarriere, ihrem allerersten Fastnachtsauftritt: bei der Schulfastnacht der Frauenlob-Schule. Den beschreibt sie selbst so: „Wer macht also was? Die schönsten Mädchen kamen ins Ballett, da war ich nicht dabei. Die schönen Mädchen saßen im Komitee, da war ich auch nicht dabei.

Einige hatten Vorträge, bei denen der Vater oder die Mutter mitgeholfen hatten – so etwas hatte ich nicht. […] So saß ich ganz still, was selten vorkam, auf meiner Bank und meine Lehrerin fragte erstaunt: ‚Und Margit, was machst du?‘“.

Und Margit antwortete etwas, das wir uns heute alle gar nicht mehr vorstellen können: „Nichts“.

Doch das war der Lehrerin zum Glück zu wenig. „Du machst die Musik“, ordnete sie an. Das aber war der Margit zu wenig und so fragte sie „Derf mer aach singe?“.

Sie durfte und wir bedanken uns bei Fräulein Köhm dafür, dass sie ihrer bescheidenen Schülerin im Jahr 1954 den kleinen Schups in die richtige Richtung gab. Die Sitzung wurde ein großer Erfolg und Margit Sponheimer wusste: „Das macht mir Spaß.“ Der Rest ist Mainzer Stadtgeschichte.

Mit 16 hatte sie ihren ersten Auftritt bei der Garde der Prinzessin und kurz darauf beim MCV. Und unter den Fittichen von Toni Hämmerle und Ernst Neger begann eine einzigartige Mainzer Erfolgsgeschichte.

Fortan knüpfte Margit Sponheimer jenes unauflösbare Band zur Mainzer Fassenacht und zu ihrem Mainz, das sie zur Botschafterin der Mainzer Lebensfreude in der ganzen Republik machen sollte.

Und doch hatte es die junge Frau, obwohl nach außen als neuer Star gefeiert, gerade zu Anfang nicht immer leicht in der Männer dominierten Welt der Fastnacht.

Neben dem Ballett waren die einzigen Frauen, die es in dieser Epoche auf die Bühne schafften, eine gewisse Frau Babbisch und eine Frau Struwwelich.

Die aber – das sei den jüngeren Gästen heute gesagt – trugen doch deutlich weniger zu einer weiblichen Note der Fastnacht bei, als die Namen vermuten lassen.

Und so war es an Margit Sponheimer durch ihr – im doppelten Sinne des Wortes: –  Auftreten Pionier- und Überzeugungsarbeit zu leisten. Als Ernst Neger einmal einen gemeinsamen Auftritt absagen musste, wurde sie zur ersten Solo-KünstlerIN der Mainzer Fastnacht und stieß den Frauen mit Wucht die Tür in eine Männerdomäne auf, die ihr für diesen Mut heute unendlich dankbar ist.

Denn durch diese Tür sollten Margit Sponheimer viele Frauen folgen, ohne die die Fastnacht in den folgenden Jahrzehnten nicht das geworden wäre, was sie ist, und ohne die die Fastnacht nicht so gut wäre.

Es ist diese Zeit, aus der der typische rheinhessische Diminutiv, “es Margittsche“ stammt, der aber stets mehr war als eine Verniedlichung der jungen, blonden Sängerin. Es war immer auch eine Zuschreibung des Familiären, die Adoption in die Fastnachtsfamilie, die Aufnahme der Tochter, die einst zur Grand Dame der Fastnacht werden sollte.

Und noch heute ist Margit Sponheimer für Generationen von Närrinnen und Narhallesen nicht weniger als ein Familienmitglied, bei dem sie sich jedes Mal unglaublich freuen, wenn es zu Besuch kommt.

Denn auch, wenn Margit Sponheimer sich von der Rostra, die sie einst für die Frauen eroberte, schon 1998 offiziell zurückgezogen hat, stattet sie ihr wie in diesem Jahr immer wieder ersehnte Besuche ab. Und immer spürt man im Saal sofort: Heute feiert die Familie zusammen.

„Es Margittsche“ ist also eigentlich ein Mainzer Adelstitel, der von den Bürgerinnen und Bürgern verliehen wird und zeigt: Stadt und Trägerin haben eine ganz besondere Beziehung.

Margit Sponheimers Lieder spiegeln und stiften zugleich die Mainzer Identität – in ihren frohsinnigen, lebensfrohen Zeilen, aber auch in den nachdenklichen Tönen, mit denen sie einen ganzen Saal, der eben noch herzlich und laut lachte, in eine durchdringende Stille versetzen kann.

Das Gefühl, das dadurch entsteht, kann man vermutlich keinem Wiesbadener erklären.

Aber es ist eines, das unsere Fastnacht und unsere Stadt ausmacht. Es ist, als spüre man in solchen Momenten, dass auf jeden Rosenmontag auch ein Aschermittwoch folgt, dass das aber nicht schlimm ist, weil auf den Aschermittwoch auch wieder der Rosenmontag folgt und weil man beides – Freud und Leid – in Mainz teilt.

Niemand versteht es wie der Mensch und die Künstlerin Margit Sponheimer, der schwere des Lebens Leichtigkeit zu verleihen und der Leichtigkeit das Gewicht, das sie in unserem Leben eigentlich einnehmen sollte.

Und niemand versteht es besser, in den Menschen ein Gefühl des Miteinanders zu wecken und sie zusammenzubringen als die Frau, deren großes Herz für Ihre Mitmenschen man ihr nicht nur auf der Bühne anmerkt. Und deswegen gibt es auch keine bessere Botschafterin der Mainzer Lebensfreude als dich, liebe Margit.

Du verkörperst liebenswert und bodenständig wie eh und je in unnachahmlicher Weise unser fastnachtliches Brauchtum und die Mainzer Lebensart. Und das nicht nur in unserer Stadt, sondern überall im Land. „Fastnachtsikone“ und „die Callas von Mainz“ sind die Ehrentitel, die diesen Status untermauern.

Denn Margit Sponheimer hat mit ihren Liedern eine Ära geprägt und das Bild von Mainz als lebensfrohe, herzliche und bodenständige Stadt gezeichnet, das heute die ganze Republik kennt. Margit Sponheimer hat es durch die Fernsehbildschirme in die bundesrepublikanischen Wohnzimmer getragen und dort an einen Ehrenplatz gehängt.

Ihre Lieder – u.a. aus der Feder von Toni Hämmerle,  Joe Ludwig und Horst Franke – waren nicht nur unglaublich erfolgreich, sie sind auch deutsches Kulturgut.

Und sie sind das Einfallstor der Fassenacht selbst in solche Gegenden, in denen mehrheitlich fastnachtslose Gesellen zu Hause sind.

Am Rosemontag; Gell, Du hast mich gelle gern; Wähle 06131; Zupft Euch mal am Öhrchen, Ein ganzer Korb voll Grienes und viele Lieder mehr sind musikalische Aushängeschilder unserer Stadt, sie tragen die Fastnacht und das Mainzer Lebensgefühl in sich und laden die Menschen überall im Land ein, ein Stück Mainzer Leichtigkeit in ihr Leben zu lassen. Und das, liebe Margit, kann unserem Land nur gut tun.

Und etwas anderes haben deine Lieder auch geschafft. Sie haben mich schon als Kind erreicht und berührt und mich für die Fastnacht begeistert, als mir Büttenreden noch schnuppe waren. Meine persönliche Ehrenbürgerin bist du also schon längst.

Meine Damen und Herren,

dass das Gesagte aber längst noch nicht alles ist, was den Erfolg der Sympathieträgerin Margit Sponheimer ausmacht, ist ganz klar, bei einer Frau, deren beide Lebensmottos lauten „Freude geben heißt, Freude nehmen“ und „immer wieder etwas Neues wagen“.

Von den Schlagern ging es in der Fastnacht zu den gesungenen Rollen, beispielsweise als Margitenderin, Weinkönigin oder Metzgersfrau. Und nach dem offiziellen Rückzug aus der Fastnacht war da ja noch der Traum, der sich für Margit Sponheimer stets mit der Schauspielerei verband.

Die Theaterkarriere, die Margit Sponheimer nun begann, hatte ihre Ursprünge aber natürlich ebenfalls in der Fastnacht, mit ihren Auftritten in den Fastnachtspossen. Nun beginnt am Frankfurter Volkstheater etwas Neues und auch im Fernsehen ist Margit Sponheimer als Schauspielerin zu sehen.

In Mainz wurden Frankfurter Hof und Unterhaus ihr künstlerisches Zuhause:

Gemeinsam mit Ulrike Neradt, Nick Benjamin, Hildegard Bachmann, Norbert Roth und Heinz Meller begeisterte sie im Mundart-Musical Feucht & Fröhlich und dem Nachfolgestück Frisch & Munter die Zuschauerinnen und Zuschauer.

Und 2010 wurdest du, liebe Margit, in Frankfurt erste Sitzungspräsidentin Deutschlands. Noch einmal also Pionierinnenarbeit für die Frauen in der Fastnacht.

Und neben alldem und vielem, das ich heute aussparen musste, weil du – wenn ich mich hier um Vollständigkeit bemühen würde – deine Urkunde vermutlich erst zum Achtzigsten bekämst,

neben alldem hast du dich immer auch sozial engagiert, gibst Konzerte zugunsten caritativer Einrichtungen und wirkst an Auftritten mit. Du unterstützt Spendenaktionen für den guten Zweck, für die Mainzer Kinder-Hilfs-Organisation Human Help Network bist du Patin für Kinderfamilien in Ruanda.

Die Herzlichkeit, die Ehrlichkeit, das gute Miteinander – sprechen nicht nur aus deinen Liedern, du lebst all das auch jeden Tag.

Meine Damen und Herren,

die Bundesverdienstkreuzträgerin Margit Sponheimer ist nicht nur Sängerin und Schauspielerin, sie ist eine beispiellose Sympathieträgerin und Botschafterin unserer Stadt, ihrer Lebens- und Mundart. Sie verkörpert Authentizität, Bodenständigkeit, Charme und menschliche Wärme. Sie wird in vorbildlicher Weise ihrem Lebensmotto „Freude geben heißt Freude nehmen“ gerecht und gibt den Menschen in unserer Stadt und im ganzen Land seit Jahrzehnten Freude, Leichtigkeit und Miteinander – auf und neben der Bühne.

Für ihre Verdienste um ihr Mainz, um die Mainzer Fastnacht und das Mainzer Brauchtum, als Fastnachtsikone und als Pionierin der weiblichen Fastnacht ehrt die Landeshauptstadt Mainz Margit Sponheimer heute mit der Verleihung des Ehrenbürgerrechts.

Die AZ, liebe Margit, schrieb über diese Verleihung: „Große Ehre fürs Margittsche“. Ich darf ergänzen: Große Ehre für Mainz.

Und liebe Margit, diese schöne Verleihung feiern wir gewissermaßen einen Tag vor deinem tatsächlichen Geburtstag.

Denn der Rosenmontag war 1943, in deinem Geburtsjahr, ja der 8. März. Wir können also heute mit dir reinfeiern. Das machen wir gern und ich darf dich jetzt für die Verleihung zu mir bitten.