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Pressemeldung

(rap) OB Michael Ebling: „Ich verneige mich vor den Opfern des 9. November. Ihre Stimmen sind nicht erloschen, sie sprechen noch immer zu uns und weisen uns den Weg“

Pressemitteilung: 9. November - Gemeinsames Gedenken an den 80. Jahrestag der Pogromnacht

Der 09. November bleibt der Gedenktag, an dem im Jahr 1938 die Alte Hauptsynagoge in Mainz in Brand gesteckt und geplündert wurde. 2018 jährt sich daher die Erinnerung an eine der dunkelsten Stunden der deutschen als auch der Mainzer Geschichte zum 80. Male. Zur Erinnerung an alle Opfer und zur Mahnung, dass solches Unrecht nie wieder geschehen darf, hatten Oberbürgermeister Michael Ebling und die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz, Anna Kischner, zu einer Stunde des Gedenkens in die Neue Synagoge (Synagogenplatz 1) in der Mainzer Neustadt eingeladen.

Oberbürgermeister Michael Ebling betonte im Rahmen der Gedenkstunde in seiner Ansprache im Wortlaut:

Zum 80. Mal jährt sich heute die Schreckensnacht des 9. November 1938, die Nacht, in der in Deutschland und auch in unserer Stadt die Synagogen brannten und sich eine Welle des Hasses und der Gewalt gegen jüdische Bürgerinnen und Bürger erhob. Es jährt sich die Nacht, in der „die letzten Hoffnungen verbrannten“, in der das NS-Regime sein wahres Gesicht zeigte. Wer sehen wollte, der sah: geplünderte und zerstörte Geschäfte, verfolgte, drangsalierte und verhaftete Menschen, brennende Gottes- und Wohnhäuser.

Wer wissen wollte, der verstand: Jüdische Mitbürger, Nachbarn, Freunde und Kollegen – ganz normale Menschen also – waren spätestens jetzt in höchster Gefahr, in Lebensgefahr. Aber in Lebensgefahr durch wen? Durch „ganz normale Menschen“, durch ihre Mitbürger, Nachbarn und Kollegen.

„Dies hätte nicht geschehen dürfen. Da ist irgendetwas passiert, womit wir alle nicht mehr fertig werden.“ Diese Worte der Publizistin und Philosophin Hannah Arendt beziehen sich zwar nicht explizit auf die Pogromnacht, sondern auf die Zeit danach – auf die Jahre der systematischen Ermordung der Juden Europas in den Vernichtungslager –, aber sie bringen ein Trauma zum Ausdruck, das spätestens in eben jener Nacht begann und das sich in das kollektive Gedächtnis unserer Nation bis heute ein-gebrannt hat.
Wie – so fragen wir uns auch noch nach 80 Jahren – war es nur möglich, dass niemand dem Mob Einhalt gebot? Dass, im Gegenteil, viele bis dahin unbescholtene Bürgerinnen und Bürger – viele „ganz normale Menschen“ also – zu Mitläufern oder gar Mittätern wurden? Wie war es möglich, dass Menschenrechte und Menschenwürde mit Wissen und Zustimmung der überwiegenden Mehrzahl der Deutschen in den Staub getreten wurden?

Diese Fragen müssen wir uns auch in Mainz stellen, denn auch in unserer Stadt brannten jüdische Wohnungen, Büros, Geschäfte und Kaufhäuser. Auch bei uns fielen die Synagogen dem Nazi-Terror zum Opfer. Und auch aus Mainz wurden Juden in den Folgejahren in die Vernichtungslager deportiert.
1933 zählte die Jüdische Gemeinde fast 3000 Mitglieder. 12 Jahre später waren die allermeisten von ihnen vertrieben, verschleppt, in den Freitod getrieben oder ermordet worden. Nur ganz wenigen Überlebenden verdanken wir den allmählichen Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde und das Wiedererblühen jüdischen Lebens und jüdischer Kultur in unserer Stadt.

Eine dieser Mainzer Familien, die unter der nationalsozialistischen Diktatur zu leiden hatte, war die Familie Laub, deren Foto die Einladungskarte zu unserer heutigen Gedenkfeier zeigt.
Die sechs Kinder von Markus und Beile Laub konnten nach dem November-Pogrom mit einem Kindertransport in die Niederlande fliehen. Die Eltern und ein Bruder wurden ermordet, die übrigen Geschwister überlebten in niederländischen Verstecken.
Eines dieser Kinder – Frieda Schwarz, geborene Laub – besuchte ihre einstige Heimatstadt im Rahmen der Mainzer Begegnungs-wochen im Jahr 1995. Es war der erste Besuch für sie nach 56 Jahren!
Zum Gedenktag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar nächsten Jahres wird sie erneut nach Mainz kommen und als Zeitzeugin im Landtag sprechen. Sie schrieb 1995 in einem Brief an unsere Stadt: „Es ist uns bewusst, dass heute die demokratischen Kräfte in Deutschland überwiegen. Obwohl man die schreckliche Nazizeit nicht vergessen darf, sehen wir heute ein anderes Deutschland vor uns. Damit hoffen wir auch weiterhin in eine bessere Zukunft blicken zu können.“

Ein anderes, ein demokratisches Deutschland: Aus der Katastrophe des 20. Jahrhunderts haben wir schmerzvoll lernen müssen, was für ein hohes und kostbares Gut dieses Deutschland ist. Es zu wahren, es zu verteidigen, ist eine Herausforderung, der wir uns Tag für Tag entschlossen und mutig stellen müssen. Und zwar jeder und jede einzelne von uns.
„Die schlimmste aller Haltungen ist die Indifferenz, ist zu sagen 'ich kann für nichts, ich wurschtel mich durch'. Wenn ihr euch so verhaltet, verliert ihr eine der essenziellen Eigenschaften, die den Menschen ausmachen: die Fähigkeit, sich zu empören und das Engagement, das daraus folgt."
Das sind nicht meine Worte, sondern die des 2013 verstorbenen jüdischen Widerstandskämpfers und Diplomaten, Stéphane Hessel, der mit seinem Buch „Empört euch“ international für Furore gesorgt hat.

Ich denke, wenn das, was vor Jahren noch unvorstellbar war, Normalität zu werden droht, dann ist es genau das, was wir tun müssen: uns zu empören! Wenn in den sozialen Medien zur Gewalt aufgerufen wird, gegen Menschen zum Beispiel, die sich für Geflüchtete einsetzen oder schlicht eine andere politische Meinung oder eine andere Religion haben, dann müssen wir uns empören.
Wenn gewählte Politiker mit Bezug auf das „Holocaust-Mahnmal“ von einem „Denkmal der Schande“ sprechen und die Erinnerungskultur diffamieren, wenn sie die NS-Zeit als „Vogelschiss in über 1000 Jahren“ marginalisieren, wenn sie Rassismus wieder salonfähig machen wollen, dann müssen sich die Bürgerinnen und Bürger eines demokratischen Deutschlands empören.

Und zwar nicht etwa, weil sie zwanghaft nur zurück und nicht nach vorne blicken wollen, sondern weil für sie historische Verantwortung sowie Respekt und Anerkennung der Opfer Zeichen von Stärke und von Zukunftsfähigkeit und nicht Zeichen von Schwäche und Erstarrung sind.

„Wann werden wir aus dem Schatten der NS-Zeit und des Holocaust heraustreten?“, fragt Aleida Assmann, die Trägerin des diesjährigen Friedens¬preises des deutschen Buchhandels und ehemalige Stiftungsprofessorin der Johannes-Gutenberg-Universität in ihrem Buch „Der lange Schatten der Vergangenheit – Erinnerungskultur und Geschichtspolitik“. Und sie weiß darauf eine klare und kluge Antwort:
„Verstehen wir unter ,Schatten‘ die nachwirkende Präsenz der traumatischen Vergangenheit, so werden wir mit ihm leben müssen. Da der Holocaust ein Quantensprung in der Menschheitsgeschichte des Bösen war, müssen wir fortan mit dieser nicht mehr rückgängig zu machenden Verdunklung unseres Menschbildes leben und als Deutsche die historische Verantwortung dafür annehmen […]. Unter ‚Schatten‘ dürfen wir allerdings nicht Zukunftslosigkeit […] oder gar Selbsthass verstehen. Eine ‚negative Erinnerung‘ ist keineswegs mit einem ‚negativen Selbstbild‘ gleichzusetzen. Die negative Erinnerung ist in das Fundament des deutschen Staates eingebrannt. Dieses Stigma ist jedoch in positive und zukunftsweisende Werte konvertierbar: in die Affirmation von Menschenrechten. […] Die in brutalster Form vollzogene Aufkündigung menschlicher Solidarität ist in den positiven Wert der Anerkennung des anderen zu übersetzen. Es sind diese Grundwerte (und nicht allein die von Fleiß, Tüchtigkeit und Effizienz), mit denen sich unser Land wieder in die Gemeinschaft der zivilen Nationen eingereiht hat und an denen es in der Zukunft gemessen wird.“

Ein lebendiges, ein tätiges Erinnern ist nie nur rückwärtsgewandt, sondern immer auch verbunden mit den Fragen und Heraus-forderungen, die heute an uns gestellt werden. Ein lebendiges Erinnern kann eine Richtschnur für unser Handeln im Hier und Jetzt und Morgen sein.

An dieser Form der Erinnerung, an dieser Erinnerungskultur, festzuhalten – allen Pöbeleien einzelner zum Trotz – sind wir den Opfern der Pogromnacht und der NS-Diktatur schuldig – und nicht nur ihnen, sondern auch uns selbst und den nachfolgenden Generationen.
Durch unser Tun – oder durch unser Unterlassen – legen wir heute das Fundament für die Gesellschaft, in der wir morgen leben werden. Und daher freue ich mich auch besonders über unser heutiges Programm, das auf sehr persönliche Weise von jungen Gemeindemitgliedern mitgestaltet wird.

Voller Trauer und Mitgefühl verneige ich mich vor den Opfern der Nacht vor 80 Jahren, der Nacht des 9. auf den 10. November 1938.

Ich verneige mich vor den Opfern des Holocaust, vor unseren vertriebenen, gequälten und ermordeten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern.

Ihre Stimmen sind nicht erloschen, sie sprechen noch immer zu uns. Und wenn wir genau hinhören, dann weisen sie uns auch heute noch den Weg.

Herausgeber

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Pressestelle | Kommunikation (Hauptamt)
Marc André Glöckner
Abteilungsleiter und Pressesprecher der Stadt Mainz
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