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Gedenken: Pogromnacht 9.11.1938

9.11.2020: Stilles Gedenken mit Kranzniederlegung statt öffentliche Gedenkveranstaltung

"In Mainz wurden in der Nacht vom 9. auf den 10. November die beiden großen Synagogen in der Hindenburgstraße und an der Flachsmarktstraße/Ecke Margaretengasse zerstört und geschändet. Am folgenden Tag zogen Horden von fanatisierten Nazis, darunter etliche Schüler aus Mainzer Gymnasien, durch die Stadt, verwüsteten Geschäfte und Wohnungen von jüdischen Familien, misshandelten und verhöhnten die Besitzer. Mehrere Dutzend jüdischer Männer wurden verhaftet und in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau u. a. gebracht. Nicht alle überlebten die damit verbundenen Strapazen und Qualen. Die meisten wurden nach einigen Wochen wieder entlassen, mit der Auflage, innerhalb kürzester Zeit auszuwandern. Die Heimgekehrten waren meist von den Schrecken und Demütigungen, denen sie im Lager ausgesetzt waren, gezeichnet." (Quelle: Hedwig Brüchert, Nationalsozialistischer Rassenwahn. Entrechtung, Verschleppung und Ermordung der Mainzer Juden, Sinti und geistig behinderten Menschen. In: Wolfgang Dobras (Red.), Der Nationalsozialismus in Mainz 1933-45. Terror und Alltag (Beiträge zur Geschichte der Stadt Mainz, Bd. 36). Mainz 2008, S. 83.)

Eine Gedenkveranstaltung von Seiten der Landeshauptstadt Mainz und der Jüdischen Gemeinde Mainz an die Opfer der Pogromnacht unter Beteiligung der Öffentlichkeit, wie wir sie aus früheren Jahren kennen, konnte in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie leider nicht stattfinden.

Oberbürgermeister Michael Ebling und Anna Kischner, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz, und Rabbiner Aharon Vernikovksy gedachten am Montag, den 9. November 2020, auf dem Synagogenplatz vor den Säulen der ehemaligen Hauptsynagoge in der Mainzer Neustadt gemeinsam der Opfer der Novemberpogrome still mit einer Kranzniederlegung. In Zeiten, in denen antisemitische und fremdenfeindliche Tendenzen in unserem Land leider zunehmen, stand dieses Gedenken auch im Zeichen eines Bekenntnisses zu einer offenen und toleranten Gesellschaft.

Da die Gedenkveranstaltung in diesem Jahr nicht öffentlich stattfinden konnte, wendet sich Oberbürgermeister Michael Ebling per Video an die Bürgerinnen und Bürger. Den Text seiner Rede sowie den Text der Rede von Anna Kischner, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz, zum Gedenken an die Opfer der Pogromnacht finden Sie auf dieser Seite.

Video-Botschaft des Oberbürgermeisters

Da die Gedenkveranstaltung in diesem Jahr nicht öffentlich stattfinden konnte, wendet sich Oberbürgermeister Michael Ebling per Video an die Bürgerinnen und Bürger. Datenschutzhinweis zur Videonutzung siehe www.mainz.de/datenschutz© Landeshauptstadt Mainz

Oberbürgermeister Michael Ebling - Rede zum Gedenktag am 9. November 2020

„Liebe Mainzerinnen und Mainzer,

am 9. November vor 82 Jahren brannten in ganz Deutschland und auch in unserer Stadt die Synagogen. Eine Welle des Hasses und der Gewalt erhob sich gegen jüdische Bürgerinnen und Bürger, jüdische Geschäfte wurden geplündert, wehrlose Menschen drangsaliert und verhaftet, Gottes- und Wohnhäuser zerstört.

Daran möchte ich heute erinnern – nicht wie sonst üblich in der neuen Synagoge, die vor zehn Jahren an eben dem Ort eröffnet wurde, an dem am 9. November 1938 die alte Synagoge niederbrannte. Und auch nicht im großen Kreis.

An die Stelle des gemeinsamen Gedenkens mit vielen Mainzer Bürgerinnen und Bürgern tritt in diesem Jahr das stille Gedenken in kleiner Runde und vor den Toren der Synagoge.

Dieses Gedenken aber ist uns wichtig. Denn wir – die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Anna Kischner, Herr Rabbiner Aharon Vernikovksy und ich – möchten damit im Namen der Jüdischen Gemeinde Mainz und im Namen der Landeshauptstadt Mainz ein Zeichen setzen, dass wir trotz der aktuellen Einschränkungen des öffentlichen Lebens nicht vergessen.

Wir vergessen nicht, was vor 82 Jahren in unserer Stadt geschah, wir vergessen nicht unsere gedemütigten, verfolgten, verschleppten oder ermordeten Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Zugleich aber möchten wir auch ein Zeichen setzen gegen Antisemitismus und Ausgrenzung, wie wir sie leider heute wieder in einem erschreckenden Ausmaß erleben.

Wir erleben, dass Straftaten gegen Juden und jüdische Einrichtungen erneut auf der Tagesordnung stehen und sich jüdische Mitbürger und Mitbürgerinnen Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt fühlen. Auf offener Straße und vor aller Augen.

Und das geht uns alle an!

Denn Antisemitismus bedroht nicht nur einzelne Menschen, er bedroht uns alle: unsere Gemeinschaft, unsere Demokratie, unser soziales Miteinander, unsere Werte.

Dagegen können, dagegen müssen wir etwas tun!

Was wir tun müssen, ist zu allererst: die Sorgen und Ängste der Betroffenen ernst nehmen und ihnen zuhören!

Dann: Die Erinnerung an die Gräuel des Nationalsozialismus wachhalten, aber Antisemitismus nicht nur auf diese Zeit reduzieren. Denn Antisemitismus ist kein historisches Problem, sondern ein hochaktuelles!

Wir müssen uns klarmachen, dass verbale oder sogar tätliche Übergriffe auf Juden damals wie heute vor unseren Augen geschehen können – und tatsächlich geschehen.

Vor allem aber müssen wir handeln – und das nicht nur bei akuter Gefahr für Leib und Leben, sondern wann immer wir unterschwellig oder auch unverhohlen Zeugen von Diskriminierung und Ausgrenzung von Minderheiten werden. Am Kneipentisch, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, im Internet oder in der Öffentlichkeit.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

ein lebendiges, ein tätiges Erinnern ist nie nur rückwärtsgewandt, sondern immer auch verbunden mit den Fragen und Herausforderungen, die heute an uns gestellt werden. Ein lebendiges Erinnern muss die Richtschnur für unser Handeln im Hier und Jetzt und Morgen sein.

Erst durch unser Tun – oder durch unser Unterlassen – legen wir das Fundament für die Gesellschaft, in der wir morgen leben werden. In der wir heute schon leben.

Und daher appelliere ich an Sie: Auch, wenn aktuell die Sorgen wegen der Corona-Pandemie groß sind und wir mit der Bewältigung der alltäglichen Probleme mehr als genug zu tun haben: unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger brauchen unsere Solidarität und unseren Beistand mehr denn je!

Lassen Sie uns gemeinsam zeigen, dass wir nicht nur in Trauer und Mitgefühl der Opfer vom 9. November 1938 gedenken, sondern dass wir hier und heute einstehen für unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Ein echtes, ein tätiges Miteinander lässt sich nicht „von oben“ verordnen. Das muss jeder von uns leben und vorleben. Aber dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen, davon sind wir in Mainz fest überzeugt. Und daran erinnern wir uns ganz besonders an jedem 9. November in unserer Stadt.“

Anna Kischner, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz - Ansprache zum Gedenktag am 9. November 2020

Sehr geehrter, lieber Herr Oberbürgermeister Ebling,

meine sehr verehrten Damen und Herren!

Im Frühjahr 2018 wurde im Foyer des Mainzer Rathauses eine Ausstellung eröffnet, die den Titel trug „Industrie und Holocaust: Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz“.

Mir liegt der ausführliche Katalog der Ausstellung vor.

In einem darin abgedruckten Brief an die Zentral-Bauleitung der Waffen-SS und Polizei grüßt die Firmenleitung der Firma Topf & Söhne fröhlich nach Auschwitz: „Stets gerne für Sie beschäftigt, empfehlen wir uns bestens. Heil Hitler!“

Die Geschäftsbeziehung der Erfurter Firma und der SS begann mit dem Zweiten Weltkrieg und endete erst 1945. Ingenieure und Monteure lieferten nicht nur Verbrennungsöfen für die Beseitigung von Leichen. Sie perfektionierten auch die Gaskammern.

Eifrige Ingenieure übertrafen sogar die Erwartungen der SS. Sie erfanden immer effizientere Methoden und probierten sie direkt an ihrer Baustelle in Auschwitz aus.

Erstaunlich dabei ist: Für den Umsatz der Firma Topf & Söhne waren die Aufträge der SS unbedeutend. Nur wenige der Mitarbeiter hatten persönliche Vorteile. Es gab keinen Zwang. Beim Lesen des Katalogs bekam ich auch den Eindruck, dass keiner der genannten Ingenieure und Monteure ein fanatischer Nazi und Judenhasser war.

Sie wollten ganz einfach eine interessante, herausfordernde Arbeit ordentlich erledigen.

Mit Uhren standen sie vor Versuchsgaskammern und Verbrennungsöfen und beratschlagten, durch welche Maßnahmen Blausäure und Brennstoff eingespart werden könnten. Zeit ist Geld. Ein Ingenieur schlug vor, die Gaskammer mit der Abwärme der Verbrennungsöfen vorzuheizen, da Zyklon B bei etwa 26 Grad seine tödliche Wirkung am schnellsten entfaltet. Fabrikmäßiger Mord, fabrikmäßige Leichenbeseitigung, alles war wie ein Industriebetrieb auf Optimierung ausgerichtet.

Am 9. November 1938, vor 82 Jahren, begann die organisierte, systematische Verfolgung und industrielle Ermordung der europäischen Juden.

Wir versammeln uns jedes Jahr, um daran zu erinnern und um uns mit der Frage zu beschäftigen, warum sich Menschen in erbarmungslose Monster verwandeln.

Was ist das für ein Mechanismus, der bewirkt, dass scheinbar ganz normale Menschen morden und ohne Gefühlsregung zusehen können, wie andere Menschen zu Tode gequält werden?

Erstaunlich ist: Trotz des Wissens um die Leichenberge des Zweiten Weltkrieges und der Bilder von den Ruinenstädten Deutschlands nach 1945 sehnen sich heutzutage wieder bestimmte Bürgerinnen und Bürger nach einem totalitären Staat, in dem das Recht des Einzelnen nichts gilt.

Aber wir dürfen unsere Freiheit nicht riskieren, wir müssen uns anstrengen. Von allen Staatsformen gewährt die parlamentarische Demokratie ihren Mitgliedern das meiste Recht auf individuelle Freiheit. In einer parlamentarischen Demokratie wird die Person, die Macht hat, kontrolliert und vor bösen Versuchungen bewahrt.

Ein paar Jahre lang haben wir Juden gedacht, die meiste Gefahr für uns gehe von Islamisten aus. Von jungen Männern etwa, die in ihren Familien und Koranschulen als fanatische Judenhasser großgezogen wurden und uns deshalb ganz selbstverständlich ermorden wollen. Erst langsam erkennen wir mit Erstaunen, dass sich auch junge Menschen, die im Wohlgefühl aller Freiheiten aufgewachsen sind, die der Rechtsstaat Deutschland bietet, sich danach sehnen, von Radikalen regiert zu werden.

Die Lust, mit ausgestrecktem rechtem Arm, in zackigem Gleichschritt zu marschieren und sich einem geliebten Führer zu unterwerfen ist offenbar verlockend.

Sie haben es sicher auch gesehen. Dicht am Reichstagsgebäude in Berlin wurden neulich Flaggen geschwenkt, die von allen verstanden werden. Diese Flaggen sind Ersatzsymbole für das verbotene Hakenkreuz. Sie richten sich gegen unsere Demokratie und gegen unser Grundgesetz, das für Gleichheit und Freiheit steht. Als wir zu Hause die Nachrichten sahen, sagte ich zu meinem Mann:

 „Wir hätten unsere Synagoge vor zehn Jahren besser unterirdisch bauen sollen. Wie soll ich als Vorsitzende der Gemeinde noch für die Sicherheit unserer Mitglieder sorgen? Niemand wird Zeit haben, uns zu helfen.“

Am 2. Oktober 2020 dann stand über Nazis in der Mainzer Zeitung: „Auch in Rheinhessen haben sich Extremisten eingenistet und beanspruchen regelmäßig die Straßen für sich, derzeit vor allem in Ingelheim, immer wieder aber auch in Worms und Alzey.“

Die radikalen Kameradschaften verstecken sich nicht. Stolz paradieren sie durch die Straßen. Noch gibt es viele Gegenproteste. Aber Rom, so heißt es, wurde ja auch nicht an einem Tag erbaut. Die Nazis strotzen vor Selbstbewußtsein. Sie wissen umeinander, sie nähren einander und wuchern weiter wie ein giftiges Pilzgeflecht.

Warum sind Jüdische Gemeinden sind für Deutschland wichtig? 

Man braucht sie für Gedenktage und um aller Welt zu zeigen, dass man den Holocaust bedauert und sich geändert hat. Aber fragen sie einmal die Polizei, die hundert Meter vom Eingang entfernt zwecks Bewachung der Synagoge in ihrem Auto sitzt, worum es hier bei uns jetzt geht!

Der Vizepräsident des Bundeskriminalamtes, Jürgen Peter, sagte in einem Interview.

„Wir müssen Strafverfolgungsbehörden und insbesondere die Polizei jeden Tag neu sensibilisieren, um antisemitische Tathintergründe als solche zu erkennen und konsequent zu bekämpfen, um da, wo nötig, geeignete Schutzmaßnahmen zu ergreifen.“

Im Sommer vor ein paar Jahren hatten wir draußen auf dem Synagogenplatz Tische und Bänke aufgestellt. Es gibt Photos davon. Eine Musikkapelle spielte, es wurde getanzt. Die Jüdische Gemeinde hatte Gäste eingeladen, denn es gibt auch diese Seite unserer Beziehungen: Wir erfahren vom Land, der Stadt und einigen Vereinen viel Unterstützung und Ermutigung. Freundschaften sind gewachsen, und wir möchten gerne ein offenes, gastfreundliches Haus führen. Damals waren wir zuversichtlich.

Aber heutzutage, nur wenige Jahre später, wäre so ein jüdisches Fest vor der Synagoge im öffentlichen Raum unmöglich.

So weit sind wir schon wieder gekommen. „Nur nicht auffallen!“ hieß die Parole während der Nazizeit. Und auch heute raten wir den Gläubigen, sich keinesfalls mit einer Kippa auf dem Kopf  in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Was dem Studenten vor der Synagoge in Hamburg passiert ist, als er neulich zum Sukkotfest wollte und als Jude erkennbar war, haben Sie sicher alle gehört. Das Ereignis in Halle vor einem Jahr hat große Empörung hervorgerufen. Ein „Aktionstag für jüdisches Leben“ wurde ausgerufen.  Aber wird das unsere Sicherheit verbessern?

Jüdisch zu sein, ist nie selbstverständlich. Jüdisch zu sein bedeutet, sich jeden Tag dafür rechtfertigen zu müssen, dass man hier ist und leben will. Wir haben kein Fußballstadion mit Hundertschaften von Polizisten. Trotzdem hoffen wir auf Fachleute.

Man unterschätzt die Gefahr, die von Rechtsradikalen, Linksradikalen und anderen mörderischen Organisationen ausgeht. Man hat vergessen, dass es 1933 nur 6 Monate gedauert hat, bis das Land gleichgeschaltet war. Die Verbrechen des Nationalsozialistischen Regimes durchzogen dann die gesamte Gesellschaft. Kein Bereich verweigerte sich. Ärzte, Juristen, Pfarrer, Lehrer – die Täter sind in allen Bereichen zu finden. Und so die Opfer, die Platz machen mußten.

Aber wo Juden nicht in Ruhe leben können, ist es meistens auch um andere, sogenannte Minderheiten, geschehen, und am Ende geht alles zu Grunde. Das zeigt die Geschichte.

Teilnahmslos haben „ganz normale“ Bürgerinnen und Bürger vor 82 Jahren zugesehen, wie Nazi-Schlägertrupps ihre jüdischen Nachbarn misshandelten und abtransportierten. Gierig haben sie sich auf  das hinterlassene Hab und Gut der Unglücklichen gestürzt, um ihre eigenen Wohnungen damit einzurichten. Alles verlief wie selbstverständlich.

Gedenkveranstaltungen wirken tröstlich, denn sie erwecken die Hoffnung, heute wäre alles anders. Gedenkveranstaltungen finden in einem Illusionsraum statt, in dem es sich denken läßt, Menschen wären fähig, aus der Geschichte ihres erbärmlichen Versagens zu lernen und besser zu werden.

Aber für Juden erhebt sich in fast allen Generationen die Frage, wann es Zeit ist, wieder die Koffer zu packen. Ab 1933 hatten sich schon viele auf die Flucht begeben. Andere waren zu gutgläubig.

Die in Mainz geborene Gertrud Fraenkel sagte in einem Interview:

 „Ich war eine sehr gute Deutsche, und ich wollte nicht weg. Ich habe immer zu meinem Mann gesagt: Wo es einem gut gegangen ist, muß man auch bleiben, wenn es einem schlecht geht. Man rennt nicht einfach weg.“

Zum Glück hat es sich das Ehepaar  anders überlegt und ist 1936 noch rechtzeitig nach Palästina ausgewandert.

Für den Mainzer Rabbiner Dr. Sali Levi war es zu spät. Zwar hatte er seine Frau und die Kinder in Sicherheit gebracht, aber er selbst blieb tapfer bei seiner kleingewordenen, ich will sagen kleingeschlagenen Gemeinde. Er blieb auch nachdem die Synagoge, dieses Symbol jüdischer Gleichberechtigung, gesprengt worden war. Zuversichtlich hatte er zu Beginn gemeint, der Spuk des Nationalsozialismus werde schon vergehen. Im ersten Weltkrieg war er Feldrabbiner gewesen, dann ein hochgeachteter, beliebter Bürger dieser Stadt.

Im Kriegswinter 1941 sollte er der Gestapo gegenüber dafür bürgen, dass die Juden ihre warmen Kleider für die Front spendeten. Die systematischen Deportationen begannen. Rabbiner Levi war am Ende seiner Kraft. Er beantragte in Berlin seine Ausreise nach Amerika. Quälendes Warten auf ein Visum, sein Herz versagte. So starb er in Berlin und wurde von seinem Freund, dem berühmten Rabbiner und Gelehrten Leo Baeck dort begraben.

Ruth Eis, die jüngere Tochter von Rabbiner Levi, kam aus den USA immer wieder nach Mainz, in die Stadt, wo sie geboren und  aufgewachsen ist. In der Synagoge mit der goldenen Kuppel, die hier stand,  hat sie die Predigten ihres Vaters gehört.

Sie quält sich mit der Frage, warum sie immer wieder zurückkehrt an diesen Ort der Verfolgungen. Auf ihr lastet die Macht der Vergangenheit.

Sie erinnert sich an das alte Magenza. An Rabbi Gerschom ben Jehuda, an Rabbi Amnon und sein Gebet, das in Synagogen auf der ganzen Welt an den Hohen Feiertagen gesprochen wird. Am Ende einer Tagebuchnotiz vom Mai 1974 schreibt Ruth Eis:

„Eintausend Jahre jüdischer Geschichte, an die ich mich erinnern muß, weil ich ‚bat Magenza’, eine Tochter dieser Stadt bin.“

Am 9. November ist es üblich geworden zu den Säulen auf dem Platz draußen zu gehen, um Kerzen anzuzünden.

Die Säulen erzählen uns, wie die Synagoge brannte und wie sich ihre goldene Kuppel bei der Sprengung als Ganzes hob, bevor sie in sich zusammenfiel.

Zuerst lag die Synagoge in Trümmern, kaum sieben Jahre später war ganz Mainz zerbombt und nur noch eine gespenstische Ruinenlandschaft. Vor diesen Bildern sollten alle Judenhasser festgebunden werden, damit sie Tag und Nacht sehen, wohin ihr Fanatismus führt.

Vielleicht würden sie so zur Vernunft kommen?

Ich danke Ihnen dafür, dass Sie heute gekommen sind. Und ich danke der Stadt Mainz für die umsichtige Organisation dieses Gedenktags. Die jüdische Gemeinde ist dankbar für viel Wohlwollen und für viele herzliche Freundschaften. Wir hoffen, dass die „Corona-Zeit“ bald zu Ende geht. Und wir wollen zuversichtlich sein, dass dann auch wieder eine Zeit kommt, in der wir auf dem Synagogenplatz ohne Angst zusammen feiern und tanzen können.

Möge G‘tt die Herzen von Haß befreien. Möge G’tt  uns Frieden schenken.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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