Sprungmarken
Dynamische Navigation einblenden
Dynamische Navigation ausblenden
Suche
Suche
Kopfillustration
Bild in voller Höhe anzeigen Bild in halber Höhe anzeigen
Sie befinden sich hier:
  1. Verwaltung & Politik
  2. Oberbürgermeister und Dezernate
  3. Dezernat I - Oberbürgermeister
  4. Reden
  5. 82. Jahrestag der Deportation Mainzer Sinti

82. Jahrestag der Deportation Mainzer Sinti

Montag, 16. Mai 2022
Ort: Gedenkstele Altenauergasse 7

Sehr geehrte Frau Lagrene, 
sehr geehrte Frau Coester, 
sehr geehrte Damen und Herren, 
liebe Mainzerinnen und Mainzer,

am 16. Mai 1940 wurden Hunderte Angehörige der Sinti und Roma aus ganz Südwestdeutschland zunächst auf den Hohenasperg in der Nähe von Stuttgart verschleppt und von dort aus wenige Tage später in Sonderzügen der Reichsbahn nach Polen in die Ghettos und Konzentrationslager deportiert. 

An diesem Tag begann eine der ersten großangelegten Massen­deportationen von Sinti und Roma während der Zeit des National­sozialismus. Und auch in unserer Stadt fanden an diesem Tag und vor den Augen der Öffentlichkeit die ersten Deportationen von Mainzer Sinti-Familien statt. An diesen Schicksalstag möchten wir heute gemeinsam erinnern. 

Wir möchten an die Menschen erinnern, die dem national­sozialistischen Terror, aber auch der kalten Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit nur aus einem Grund zum Opfer fielen: weil sie einer Minderheit angehörten. Noch heute, 82 Jahre später, ist dieser Tag ein Tag des Leides und der Trauer für die Angehörigen der damals Verschleppten. Er ist ein Tag der Trauer für unsere Stadt. 

Ich bin mir schmerzlich bewusst, dass auch unter Ihnen, die Sie heute an diesen Gedenkort gekommen sind, Angehörige der Opfer von damals sind. Ihnen besonders gilt mein tiefes Mitgefühl sowie das Mitgefühl der Bürgerinnen und Bürger von Mainz. 

Wir blicken heute voller Entsetzen auf die Zeit des National­sozialismus. Das Grauen, das zwischen 1933 und 1945 geschah, übersteigt unser Vorstellungsvermögen. Und dennoch dürfen wir eines nicht übersehen: Das ungeheure Unrecht, das sich am 16. Mai 1940 in Mainz und in weiten Teilen Deutschlands abspielte – die Verschleppung ganzer Familien und der Beginn des Völkermords an den Sinti und Roma – fand mit dem 8. Mai 1945 nur vordergründig ein Ende. Tatsächlich setzte es sich nach Kriegsende fort: in bundesdeutschen Amtsstuben, in der Verweigerung von Wiedergut­machungszahlungen und in der alltäglichen Ausgrenzung und Diskriminierung. 

Man stelle sich das vor: Menschen war Furchtbares angetan worden – ihre nächsten Angehörigen, ihre Frauen, Männer, Eltern und Kinder waren kaltblütig ermordet worden –  und das allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Minderheit. Und fast niemand wollte hinterher davon hören, wollte es sehen, wollte daran schuld gewesen sein, wollte helfen oder wenigstens für das Nötigste sorgen!  

Sie, liebe Frau Lagrene, haben in einem Interview selbst einmal gesagt: 

ZITAT „Wir haben uns ja anfangs nicht getraut. Denn auch wenn der Krieg vorüber war, so wurden wir doch weiter verdächtigt. Die Zuständigen in den Amtsstuben waren häufig noch dieselben.“ 

Es ist erschütternd, aber es ist leider eine Tatsache, dass die Zeit der Verfolgung und Ausgrenzung selbst für die Sinti und Roma, die die Konzentrationslager überlebt hatten, noch lange nicht zu Ende war – nicht in der Bundesrepublik Deutschland und auch nicht in der Stadt Mainz. Die Überlebenden und ihre Nachkommen trafen auf eine weiterhin beschämend gleichgültige und abweisende Gesellschaft, die den Völkermord an den Sinti und Roma nicht nur verdrängte, sondern ihn nachgerade leugnete. 

Und was war die Folge? Wer Sinti war, hielt es nach Möglichkeit verborgen, um in Schule, Beruf und Alltag nicht ständigen Dis­kriminierungen und An­feindungen ausgesetzt zu sein. Wie aber sollten sie so eine Identität als Deutsche und als Sinti entwickeln? 

Es ist das große Verdienst des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma und seiner Landesverbände, sich trotz der erlittenen unvorstellbaren Traumata diesem fortgesetzten Unrecht ent­schieden entgegengestellt zu haben. Mit der Gründung des Zentralrats im Februar 1982 bekamen Sinti und Roma erstmals eine vernehmbare Stimme und eine starke Interessen­vertretung in unserem Land. Einen Monat später wurde der Mord an 500.000 Sinti und Roma in der NS-Zeit endlich als Völkermord anerkannt – durch den damaligen Bundes­kanzler Helmut Schmidt. Seit 1995 sind Sinti und Roma in Deutschland als nationale Minderheit anerkannt.

Der Zentralrat hat gemeinsam mit den Landesverbänden nicht nur einen großen Dienst für die eigene Volksgruppe geleistet, sondern für die deutsche Gesellschaft insgesamt. Die Überlebenden, die Angehörigen der Opfer und deren Nach­kommen – sie alle haben uns gelehrt, dass jeder Angriff auf eine Minderheit letztlich ein Angriff auf uns alle ist. Mit ihrem beharrlichen Engagement haben sie das gesamtgesell­schaftliche Bewusstsein geschärft und einen erheblichen Beitrag für mehr Akzeptanz, Toleranz und Menschlichkeit in unserer Stadt geleistet. 

Dafür danke ich allen Engagierten herzlich: Durch ihren Einsatz hat sich die Situation für deutsche Sinti und Roma über die Jahre verbessert. Ihre Kultur und ihre Traditionen sind wieder sichtbar geworden und eine Bereicherung der Kultur unseres Landes und unserer Stadt. 

Und dennoch sind Sinti und Roma auch heute noch rassistischen Diskriminierungen ausgesetzt. Der Kampf gegen Benachteiligung und Herabsetzung: er ist noch nicht beendet. Aber er hat heute – anders als damals – viele Unterstützerinnen und Unterstützer in der Breite der Gesellschaft.

Meine Damen und Herren, 

ich möchte noch einmal zurückkommen auf den 16. Mai 1940, auf den Tag, an dem für die Mainzer Sinti-Familien eine Reise ins Ungewisse begann – eine Reise, von der die meisten von ihnen nicht zurückkehren sollten. 

Das Trauma des 16. Mai 1940 hat sich festgeschrieben in die Biografien der Über­lebenden und ihrer Nachkommen. Es hat sich festgeschrieben auch in die Geschichte unserer Stadt. 

Umso mehr danke ich allen Mainzer Bürgerinnen und Bürgern, die sich heute an die Seite der Opfer von damals stellen, ihre Namen für uns in Erinnerung behalten und diesen Ort des Gedenkens geschaffen haben: Liebe Hildegard Coester, eine dieser engagierten Menschen sind Sie und dafür danke ich Ihnen herzlich. 

[Pause]

Ich verbeuge mich in Trauer und Respekt vor den unschuldigen Opfern von damals, vor den verfolgten, verschleppten und ermordeten Mainzer Sinti, den Frauen, Männern und Kindern aus unserer Stadt. 

Und ich verbeuge mich in Trauer und Respekt vor ihren Nach­kommen, deren Leid durch die jahrzehntelange öffentliche Ignoranz und Ablehnung noch verstärkt und geradezu verhöhnt wurde und die nach wie vor Angriffen und Verleumdungen ausgesetzt sind. 

Diese Wunden sitzen tief und kein Gedenktag wird sie je gänzlich heilen können, dessen bin ich mir schmerzlich bewusst. 

Aber es ist mehr als Hoffnung, es ist meine tiefe Überzeugung, wenn ich sage: Wir sind eine Gesellschaft. Und wir können als Gesellschaft gerade von der nationalen Minderheit der Sinti und Roma viel lernen: von ihrer Kultur, ihrer Sprache, ihren Traditionen – vor allem aber von ihrem Sinn für Gemeinschaft und Zusammenhalt. 

Denn wir gehören zusammen. Wir alle gemeinsam sind diese Stadt und dieses Land. 

Daran zu erinnern, dafür zu kämpfen – das sind wir den Menschen schuldig, die mit dem 16. Mai 1940 alles verloren: ihre Heimat, ihr Leben, ihre Zukunft. 

Ihre Namen und Schicksale aber sind nicht verloren, sie sind unvergessen und sind uns heute Auftrag und Mahnung zugleich.  

Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot und einen funktionierenden Online-Service zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie unter 'Datenschutz'.

'Datenschutz'