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Mainzer Stadtschreiberpreis an Dörte Hansen

Mittwoch, 9. März 2022, 15.30 Uhr
Ort: Staatstheater Mainz

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie alle sehr herzlich zu einem Höhepunkt im Kulturkalender der Landeshauptstadt Mainz, ich begrüße Sie zur Amtseinführung der Mainzer Stadtschreiberin für das Jahr 2022 – und das ausdrücklich auch im Namen unserer Kulturdezernentin Marianne Grosse, die heute krankheitsbedingt leider nicht hier sein kann.

Ich freue mich, gemeinsam mit Ihnen Dörte Hansen als 37. Trägerin des Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreises in ihr Amt einführen zu dürfen – wenn auch wegen Corona leider erneut nur in einem kleinen Rahmen. 

Aber spätestens bei der für den Sommer geplanten Antrittslesung – genauer: am 13. Juli, aber dazu gleich noch mehr – sollen dann alle Mainzerinnen und Mainzer Gelegenheit bekommen, Sie, liebe Frau Hansen, persönlich kennenzulernen. 

Bis dahin können wir uns zum Glück schon jetzt auf vielen Wegen mit Ihrem Werk vertraut machen. Vor allem natürlich lesend. Aber auch als Hörbücher, gelesen von Hannelore Hoger, sind Ihre Romane ein echter Hörgenuss. Oder wir schalten einfach den Fernseher ein! Der Zweiteiler „Altes Land“ mit Iris Berben in der Hauptrolle ist ja immer noch in der ZDF-Mediathek zu sehen. Und die Verfilmung von „Mittagsstunde“ soll ebenfalls noch in diesem Jahr ins Fernsehen kommen – also hoffentlich rechtzeitig während Ihrer Amtszeit als Mainzer Stadtschreiberin. 

Welchen Weg wir aber auch wählen: Ihre Bücher, Ihre Themen und vor allem Ihre Protagonisten – sie alle werden den Weg in unsere Herzen finden, da bin ich mir sicher. Schließlich sind beide Bücher – Ihr Debüt „Altes Land“ wie auch Ihr zweiter Roman „Mittagsstunde“ – vom Start weg Bestseller geworden. Und „Altes Land“ war 2015 sogar prämiert als „Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels“ – eine besonders wertschätzende Auszeichnung. 

Meine Damen und Herren, 

mit der Vergabe des Mainzer Stadtschreiberpreises erinnern wir alljährlich an das Erbe Johannes Gutenbergs. Dieses Erbe ist nach wie vor lebendig, auch und gerade im digitalen Zeitalter. Vielleicht weil es das Buch auf so unnachahmliche Weise schafft, in wenigen Zeilen eine ganze Welt einzufangen. 

Dörte Hansens Bücher sind dafür jedenfalls das beste Beispiel, und umso mehr freue ich mich für unsere Stadt, dass sie in den kommenden Monaten eine Autorin näher kennenlernen darf, die mit poetischen Worten ebenso in den Bann zu ziehen versteht wie mit authentischen und packenden Lebens-Beschreibungen. 

Dörte Hansen wurde für ihr literarisches Können bereits mit wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet. Die Auszeichnung mit dem Amt als Mainzer Stadtschreiberin ist dennoch eine ganz besondere, denn diese Ehrung blickt auf eine lange Tradition zurück: 

1985 wurde der gemeinsame Preis von ZDF, 3sat und der Landeshauptstadt Mainz erstmals an Gabriele Wohmann verliehen. Seither konnten wir viele namhafte Autorinnen und Autoren für unsere Stadt und dieses Amt gewinnen, darunter den bisherigen Mainzer Stadtschreiber Eugen Ruge. Ihn darf ich an dieser Stelle offiziell und mit großem Dank verabschieden. 

Nun folgt ihm Dörte Hansen nach, nicht nur selbst eine begnadete Erzählerin, sondern dazu noch eine bekennende „Stadtflaneurin“:

Da hoffe ich natürlich sehr, dass Sie, liebe Frau Hansen, auch in unserer Stadt künftig eifrig „flanieren“ werden…

Dörte Hansens Figuren, meine Damen und Herren, lassen niemanden unberührt, im Gegenteil: Sie berühren etwas tief in uns allen; etwas, das mit Familie, Heimat, mit der Suche nach den eigenen Wurzeln und der eigenen Identität zu tun hat – mit den großen Fragen des Lebens also, aber ebenso mit den kleinen und nur scheinbar nebensächlichen Dingen des Alltags.

Im Alltag dieser Menschen wird viel geredet und erzählt und das auf hochdeutsch ebenso wie auf platt. Aber fast mehr noch wird geschwiegen: 

ZITAT aus ihrem Buch „Mittagsstunde“: „Es gab in Brinkebüll viel Ungesagtes, manches schwebte schon jahrzehntelang durchs Dorf, von Haus zu Haus, von Hof zu Hof. Mal landete es kurz, wenn jemand ein paar Worte fallen ließ, betrunken meistens, nicht sehr treffsicher. Dann trieb es weiter, Angehauchtes und Vermutetes und Unaussprechliches und halb Vergessenes. Das Schweigen war wie eine zweite Muttersprache, man lernte es, wie man das Sprechen lernte. Schon die Kinder wussten, was man sagen durfte und was nicht.“

Sie alle, die Kinder wie die Erwachsenen, die Fortgegangenen, Vertriebenen, Geflüchteten und Dagebliebenen, scheinen erst hineinwachsen zu müssen in die Häuser, Orte und Familien, hineinwachsen zu müssen in ihre Leben. 

Und ebenso wachsen auch wir Leserinnen und Leser mit jeder Zeile mehr in die Romanwelten von Dörte Hansen hinein, die bei ihr verortet sind in der Weite und Herbheit und nicht zuletzt in Klang und Sprache des deutschen Nordens. 

Besonders mit der Sprache des Nordens, dem Plattdeutschen, ist Dörte Hansen eng verbunden und das nicht erst seit ihrer Promotion zu diesem Thema. Das Plattdeutsche ist quasi ihre „Muttersprache“, und es durchzieht ihr Werk wie eine leise, wehmütige Melodie. 

Dörte Hansen erzählt den Norden nicht nur, sie macht ihn hör- und erlebbar: mit einer klaren lyrischen Sprache, aus der stets eine tiefe Verbundenheit herauszuhören ist, in nüchternen Beschreibungen ebenso wie in scharfen, satirischen und doch humorvollen Seitenblicken auf das Neue, das in Form der Hamburger „Schickeria“ und deren „Flucht aufs Land“ über das Alte Land hereinbricht.    

Im Mittelpunkt des Romans „Altes Land“ stehen dabei gleich mehrere große Themen und darunter eines, das seit Jahren in der deutschsprachigen Literatur in den unterschiedlichsten Formen behandelt wurde und das Dörte Hansen dennoch durch eine ganz eigene und facettenreiche Linse betrachtet. 

Es geht um Heimat. 

Was ist Heimat? Und wo? Wie fühlt sich Heimat an? Und was bleibt von uns und unserem Heimatgefühl übrig, wenn sich alles um uns herum verändert?  Themen, die gerade in diesen Tagen und Wochen wieder von geradezu erschreckender Aktualität sind. 

Dörte Hansen berührt damit fast schmerzhaft die großen Lebensfragen: Was geschieht mit uns, wenn wir aus der Heimat vertrieben werden? Was lassen wir zurück und was nehmen wir mit uns? Gibt es nach Flucht und Vertreibung je wirklich wieder ein Ankommen? Und muss man erst fortgehen, um bei sich anzukommen?

Wenn Dörte Hansen in „Altes Land“ über ihre Protagonistin Vera schreibt: 

„Sie war ein Flüchtling, einmal fast erfroren, nie wieder warmgeworden. Ein Haus gefunden, irgendeins, und dort geblieben, um nur nicht wieder in den Schnee zu müssen“,

dann berühren uns diese Zeilen gerade in diesen Zeiten des Krieges so stark, als würden auch in uns alte, fast vergessene Wunden wieder aufreißen. 

Meine Damen und Herren, 

das besondere an unserem Stadtschreiber-Literaturpreis ist, dass die Preisträgerinnen und Preisträger neben der Ehrung und dem Geldpreis auch ein Jahr lang das uneingeschränkte Wohnrecht in unserer Stadtschreiberwohnung erhalten - im Dachgeschoss des „Römischen Kaisers“, der zu unserem Weltmuseum der Druckkunst gehört, mitten im Herzen von Mainz. 

Die Ehefrau unseres letzten Preisträgers Eugen Ruge beschrieb erst letztens im Gespräch mit uns, wie wohl sich ihr Mann in der Wohnung gefühlt habe und dass diese eine ganz wunderbare Anlaufstelle zum Schreiben gewesen sei. Und auch unsere neue Stadtschreiberin wird sich dort hoffentlich recht oft aufhalten und vor allem: hoffentlich sehr wohl fühlen. 

Es zeichnet sich schon jetzt ab, dass ihr zumindest ein terminreiches Jahr bevorsteht. Den ersten unserer gemeinsamen Termine hier in Mainz habe ich eingangs bereits kurz angekündigt: 

Es wird die offizielle Antrittslesung von Dörte Hansen sein, die wir pandemiebedingt auf den 13. Juli verlegt haben und auf die Zitadelle, wo unser kulturelles Open Air Programm schon in den vergangenen beiden Sommern erfolgreich den Corona-Einschränkungen trotzen konnte. 

Liebe Frau Hansen, 

ich heiße Sie noch einmal herzlich willkommen in Mainz und herzlich willkommen als Mainzer Stadtschreiberin 2022. 

Wir alle freuen uns sehr auf Sie: auf das, was Sie schreiben, und auf das, was Sie uns zu erzählen haben. Wir freuen uns auf ein spannendes Jahr mit Ihnen!

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