Sprungmarken
Dynamische Navigation einblenden
Dynamische Navigation ausblenden
Suche
Suche
Kopfillustration
Bild in voller Höhe anzeigen Bild in halber Höhe anzeigen
Sie befinden sich hier:
  1. Verwaltung & Politik
  2. Oberbürgermeister und Dezernate
  3. Dezernat I - Oberbürgermeister
  4. Reden
  5. Stiftungsprofessur und Goldenes Buch Prof. Antje Boetius

Stiftungsprofessur und Goldenes Buch Prof. Antje Boetius

Sonntag, 24. April 2022, 15 Uhr
Ort: Stadthaus Große Bleiche, Marc Chagall-Raum

Meine sehr geehrten Damen und Herren, 

manchmal täuschen uns die Zahlen. Dann verbergen sich hinter den großen Zahlen kleine Hindernisse und hinter den kleinen Zahlen große; ja sogar unbekannte Welten. 

Diese Zahl hier etwa: 530 Kilometer. Etwas mehr als diese Strecke hat das Wasser, das in diesem Moment am Schlosstor am Ende der Großen Bleiche vorbeifließt, auf seinem Weg zur Rheinmündung in Rotterdam noch vor sich. 

Bis es von dort die Tiefsee erreicht, muss es dann noch einmal ein paar hundert Kilometer zurücklegen. Für den ersten Teil des Weges, die rund 500 km bis Rotterdam, wird es dabei mehr als zwei Tage brauchen. Es ist also ein weiter Weg von Mainz bis zur Tiefsee.

Das Faszinierende aber ist: diesen Weg schaffen wir Menschen recht einfach. Aber wenn wir dann – dort angekommen – auf dem Deck eines Schiffes stehen, beginnt nur 200 Meter unter uns – das ist noch nicht mal so weit wie von hier zu St. Peter – eine völlig andere Welt, die zu verstehen wir immer noch ganz am Anfang sind: die Tiefsee. 

Denn 95 Prozent des Meeresbodens unseres Planeten sind noch unerforscht und 90 Prozent der Arten, die dort leben, noch nicht beschrieben 

Das zu ändern, ist die große Lebensaufgabe unserer neuen Stiftungsprofessorin, die uns in diesem Sommersemester, ausgehend von ihrem Forschungsgebiet, die Netzwerke des Lebens auf unserem Planeten näherbringt. 

Denn ihre Forschung zu unbekannten und extremen Lebensräumen zeigt, wie sehr das Leben und Überleben von Netzwerken zwischen Lebewesen und der Umwelt abhängt. 

Und von diesen Netzwerken wissen wir noch viel zu wenig. In der unbekannten Welt der Tiefsee, aber auch in unserer vermeintlich bekannten Umwelt.

Sehr geehrte Frau Prof. Boetius, 

wir freuen uns und sind stolz, dass wir Sie im Jahr 2022 als 22. Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessorin begrüßen dürfen. Die Berufung auf die Stiftungsprofessur ist eine besondere Auszeichnung. Auf sie werden Persönlichkeiten berufen, die sich durch ihre fächerübergreifende Perspektive und die Bedeutung ihrer Arbeit für Wissenschaft und Gesellschaft hervortun und die mit großem Engagement die Erkenntnisse der Wissenschaft in die Gesellschaft tragen. Und in beidem gehören Sie zu den herausragenden Forschenden unserer Zeit. 

Das ist dieser Zeit natürlich nicht verborgen geblieben, weshalb sie Sie mehrfach ausgezeichnet hat, etwa mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz- und dem Communicator-Preis der DFG, dem Deutschen Umweltpreis 2018 und mit dem Bundesverdienstkreuz. Sie sind Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz.

Mit Ihrer Arbeit erschließen Sie uns eine neue Welt, eine Welt, die nicht nur wegen all der Arten, die wir kennen, und der 90 Prozent, die wir noch nicht kennen, eine faszinierende ist. Sondern in deren Dunkelheit und Kälte sich auch einzigartige und fragile Netzwerke des Lebens gebildet haben. 

Und gerade weil wir über diese Welt so wenig wissen, fällt uns Oberflächenbewohnenden die Ignoranz ihr gegenüber oft allzu leicht. So bohren wir im Dunkel der Tiefsee, wo wir die Folgen wenig sehen, nach Rohstoffen, verschmutzen sie mit unseren Abfällen oder durchfurchen sie mit Schleppnetzen. Dabei zerstören wir etwa Kaltwasserkorallenriffe, die tausend Jahre brauchten, um einen Meter zu wachsen. „Wenn man ein Tiefsee-Rotbarschfilet isst, ist dieser Fisch hundert Jahre lang gewachsen“, habe ich von unserer Stiftungsprofessorin gelernt. 

In der Tiefsee geht es sehr viel langsamer zu als in der globalisierten Marktwirtschaft. Keine guten Aussichten also, wenn beide aufeinandertreffen.

Vielleicht wird in diesem Aufeinandertreffen deshalb so deutlich, wie gefährdet die Netzwerke des Lebens sind. 

Und vielleicht ist es deshalb geradezu folgerichtig, dass Sie als Tiefseeforscherin, die ebendies täglich erforscht, auch zu einer gewichtigen Stimme zu Klimawandel und Lebensvielfalt im öffentlichen Diskurs geworden sind und uns gleichzeitig bewusstmachen: 

Fragil sind die Netzwerke des Lebens auch in unserer unmittelbaren Umwelt, deren selbstverständliche Bekanntheit wir Menschen wohl manchmal mit durchdringendem Verständnis, ja vielleicht sogar Kontrolle, verwechseln. 

Umso wichtiger, dass wir die Netzwerke des Lebens besser verstehen, dass wir uns die Abhängigkeiten bewusstmachen und die Gefahr, dass wir Teile dieser Netzwerke zerstören – mit den unabsehbaren Folgen, die das mit sich bringt. Umso wichtiger auch, dass wir uns diesem existenziellen Thema zuwenden, in einer Zeit, in der wir endlich global versuchen, die Klimakrise zu bewältigen, Umweltverschmutzung zu reduzieren und Biodiversität zu erhalten.

In der Beschreibung zur Vorlesungsreihe, in der zahlreiche Gastvortragende gemeinsam mit Frau Prof. Boetius das Thema ausleuchten, heißt es: „Im Rahmen des neuen Weltbiodiversitätsziels sollen Mensch und Natur bis 2050 in Einklang leben können, zum Wohle aller. Wie das gelingen kann, bleibt eine der drängendsten Fragen unserer Zeit.“

Nach der Vorlesungsreihe sind zumindest wir Mainzerinnen und Mainzer dabei ein ganzes Stück schlauer.

Ich danke deshalb herzlich den „Freunden der Universität“ dafür, dass sie uns diese Stiftungsprofessur geschenkt haben und wieder einmal ein Thema am Puls der Zeit ausgewählt haben. 

Und ich danke herzlich der Johannes Gutenberg-Universität und der Stiftung selbst.

Ohne Ihrer aller Einsatz zum Wohle von Universität, Stadt und Region wäre eine so hochkarätige Gastprofessur mit Strahlkraft über unsere Stadt hinaus undenkbar. 

Ein Blick in die Ahnenreihe der Stiftungsprofessur, die nun auch Ihre ist, sehr geehrte Frau Prof. Boetius, verrät, welches Renommee der Professur von Anfang an zukam. 

Im vergangenen Jahr war es der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck, der sich als Stiftungsprofessor den Herausforderungen der Demokratie annahm. Wolfgang Wahlster, Aleida und Jan Assmann, Angela Friederici, Karl Kardinal Lehmann und Hans Dietrich Genscher – die kleine Auswahl zeigt die Bedeutung und die thematische Breite der Stiftungsprofessur.

In diesem Sommersemester freuen wir uns nun auf Ihre Vorlesungsreihe zu den Netzwerken des Lebens, sehr geehrte Frau Prof. Boetius. Und ich freue mich jetzt, dass ich Sie zu mir bitten darf, um sich in das Goldene Buch unserer Stadt einzutragen. 

Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot und einen funktionierenden Online-Service zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie unter 'Datenschutz'.

'Datenschutz'