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Weinstand der Mainzer Winzer am Rheinufer
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Blog Weingut Bernhard-Räder: Die Erfahrung Wein zu leben zwischen Jugendstil und Bachblüten

Wo der kleine Salon mit den wunderschönen Tapeten nun die Gäste erwartet, war früher die Hofeinfahrt. "Hier fuhren die Kutschen vor, um die Gäste zu bringen", erzählt Ulla Bernhard-Räder, die Gastgeberin dieses scheinbar unscheinbaren Weinguts in der Mitte von Flomborn. Von der engen Straße aus sieht das Haus abweisend aus, unbedeutend, wie irgendein Hof in irgendeinem Dorf in Rheinhessen. Was für ein Irrtum.

Die Tür öffnet sich zu einem wunderschönen Jugendstil-Entrée, eine grandiose Holztreppe führt zu einer Balustrade hinauf. Die Tafel für die Gäste ist im Jugendstil-Esszimmer gedeckt, erbaut 1890 und bestückt mit dunklen Möbeln. Durch die bunten Gläser der Gartentür fällt einer der letzten Sonnenstrahlen eines verblassenden goldenen Herbstes auf die liebevoll gedeckte Tafel.

"Gestern haben wir den letzten Riesling gelesen", sagt Sohn Philipp Räder, "ist gerade durch die Presse gelaufen. Lassen Sie uns in den Keller gehen!" Seine Mutter lächelt nur. "Bei uns", sagt sie, "werden die Gäste überall hin mitgenommen." Im Weingut Bernhard-Räder taucht man tief ein in das Erlebnis des Wein-Lebens, genau dafür gewannen sie hier den Preis der Great Wine Capitals in 2016. Hier ist eine Weinprobe nicht einfach eine Probe an einem Tisch, wo irgendjemand irgendetwas über Wein erzählt.

Den Sauvignon Blanc nehmen wir im ehemaligen Kuhstall, eine typische rheinhessische "Kuhkapelle" mit steinernem Kreuzgewölbe. Heute ist der alte Stall eine wunderschön gestaltete Vinothek mit Wein, Trester und dem Weingelee, den es morgen zum Frühstück geben wird. "Wir wollen zeigen, wie Rheinhessen schmeckt", sagte Mutter Ulla. Das Mainzer Leibgericht "Weck, Worscht und Woi" gehört hier unbedingt mit dazu.

Für den Spätburgunder klettern wir in den alten Gewölbekeller, erbaut 1835, eine Reihe alter Glasfaser-verstärkter Weintanks stehen hier noch. "Die sind gut für den Rotwein, lassen mehr Luft durch als Edelstahl", sagt Philipp: "Ich liebe es, mit Gästen hier herunter zu kommen, es ist so viel interessanter für sie."

Die GFK-Tanks werden bald Platz machen für Barriquefässer, bei Bernhard-Räder bewahren sie alte Traditionen und sind gleichzeitig offen für Neues. Seit 2011 macht Sohn Philipp Räder den Weinkeller, 2010 stellte die Familie ihre gesamten 25 Hektar auf Bioweinbau um. "Herbizide und Pestizide schaden dem Boden", sagt Philipp, jetzt wachsen die Reben langsamer, aber beständiger. "Alles ist viel mehr in Balance", sagt Philipp, die Weine seien langlebiger, länger trinkbar. "Authentischer", wirft Mutter Ulla ein, "vielleicht auch runder und natürlicher im Geschmack."

1987 stellten Ulla Bernhard und ihr Mann Rüdiger Räder das Weingut zum Großteil auf Flaschenweinvermarktung um, mit dem Fall der Mauer starteten auch sie noch einmal richtig durch: Auf einmal gab es Verbindungen nach Chemnitz, Freunde, Kunden dort – und die wollten sehen, wo der Wein herkommt. Also begannen die Bernhard-Räders 1991 mit den ersten Gästezimmern, "es war einfach notwendig", sagt Ulla. Die fünf Gästezimmer heute spiegeln die Farben Rheinhessens und das Flair des Weinmachens, die Ferienwohnung ist Tante Johanna gewidmet, deren Möbel die kleinen, friedlichen Räume prägen.

Es waren immer die Frauen, über die das Weingut vererbt wurde, seit das erste Haus 1818 erbaut wurde. Die Fundamente sind indes älter, durch dicke mittelalterliche Mauern führt uns der Weg in den Garten. "Hier hat mal ein Turm gestanden", erzählt Ulla, "unsere Vorfahren haben auf den Mauern einer Burg gebaut." Hinter dem Durchgang öffnet sich ein weiter, wunderschöner Garten, den Rosé nehmen wir neben den Erdbeeren. Es gibt Beete hier mit Teekräuter, mit Kräutern zu Fleisch und Gemüse – und mit Bachblüten.

Der nächste Wein wird am Summstein eingeschenkt, einer hohen Säule, in der eine kleine, runde Wölbung den gesummten Ton reflektiert. "Wenn Sie den Urton treffen, beginnt der Stein zu sprechen", sagt Ulla, und tatsächlich: Es funktioniert. "Schmecken, Riechen, Sehen und Hören, wir wollen alle Sinne ansprechen", sagt meine Gastgeberin lächelnd. Neben dem Garten entsteht gerade der neue Weinkeller, 2017 soll hier die Produktion starten. Eine großes, flaches Fenster wird dann einen Blick vom Garten direkt in den Keller erlauben – und zurück. "Das ist Teil unseres Projektes", sagt Ulla: "Das gläserne Weingut."

Über die Bloggerin

Die Journalistin Gisela Kirschstein lebt seit 1990 in Mainz und ist unter anderem für ihre Website Mainz& ständig auf der Suche nach spannenden Themen aus Mainz und Rheinhessen. 2015 gewann sie den internationalen Bloggers' Contest der Great Wine Capitals.