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Blog Weingut J. Neus

Große Spätburgunder, alte Könige und ein historisches Weinerbe – Die Wiedererweckung des Weinguts J. Neus in Ingelheim

Der Gründer hängt an der Wand. "Ja, Josef Neus schaut uns immer zu", sagt Lewis Schmitt, und führt mich zu dem schlanken Jugendstil-Trinkbrunnen aus Stein im hinteren Raum der Victorianischen Villa, mitten im Herzen von Ober-Ingelheim. Alte Panele ziehen sich an den Wänden entlang, auch sie sind noch original, doch vorne im Gebäude erwartet uns eine hochmoderne Vinothek. Die neuen Räume, die Verbindung zwischen Alt und Neu zusammen mit dem wunderschönen Park – genau dafür erhielt das Weingut J. Neus den Best of Wine Tourism Award 2018 in der Kategorie Architektur, Parks und Gärten.

"An diesem Brunnen hat Neus Senior seine Cuvées kreiert, und auch wir arbeiten hier heute noch", sagt Schmitt. Der elegante Trinkbrunnen wird von einer eigenen Hausquelle mit Wasser gespeist, die alte Standheizung im Flur war einmal die erste ihrer Art in ganz Ingelheim – die Neussens, sie waren einst Vorreiter der Moderne im 19. Jahrhundert. "Neus Senior war Spätburgunder-begeistert, deshalb kam er nach Ingelheim", erzählt Schmitt.

Die kleine Stadt im Rücken der großen Great Wine Capital Mainz ist seit Jahrhunderten eine Rotwein-Enklave. Karl der Große gründet hier einst eine seiner berühmten Kaiserpfalzen, seit dem Mittelalter wächst roter Burgunder auf den Sand- und Kalkhängen der Umgebung. "80 Prozent Spätburgunder", sagt Schmitt prompt, nach der wichtigsten Rebsorte des Weinguts gefragt. Im Riesling- und Silvaner-Land Rheinhessen liegt die wahre Berufung der Ingelheimer beim Rotwein.

An der Wand berichtet eine alte Urkunde von einer Bronzemedaille, die Josef Neus auf der berühmten Weltausstellung von 1900 für einen seiner Weine einheimste. In der Viktorianischen zeit, als deutsche Weine weltweit berühmt und begehrt waren, spielten auch die Neus'schen Kreationen ganz vorne mit. Der Familie gehörte gar der berühmte Queen Victoria Weinberg in Hochheim von 1917 an.

"Neus war der Sohn einer gut betuchten Küferfamilie von der Mosel", erzählt Schmitt, 1881 gründete er ein Weinhandelshaus in Ingelheim. Die ersten Weinberge stellten sich ein, also gründete Neus 1894 auch noch ein Weingut dazu. Die wunderschöne Jugendstil-Villa samt Park, Weinberg und Nebengebäude hatte er bereits 1883 erbaut, ebenso die riesigen unterirdischen Kelleranlagen.

"Man kann hier im Viereck laufen", sagt Schmitt, während wir durch das große Untergrundreich streifen. Eine uralte Kellerflora bedeckt die Gewölbedecke in den weiten Räumen, Holzfass an Holzfass zieht sich die Wände entlang – die Bandbreite reicht vom modernen französischen Barriquefass bis hin zu den uralten Eichenfässern von der Mosel. In einem Gang stapeln sich uralte Champagnerflaschen in einer Nische an der Wand, dick bedeckt mit Staub und Spinnweben. "Das ist Rosé Sekt, Jahrzehnte alt und nicht mehr zum Verzehr erlaubt", sagt Schmitt. Es ist eine der vielen Hinterlassenschaften der alten Besitzer, ebenso wie die alten Eisenregale, voll mit uralten Flaschen.

2012 übernahm die Mainzer Unternehmerfamilie Schmitz, Besitzer der Spedition G.L.Kayser, das Weingut J. Neus – und das in letzter Minute. Ulrich Burchards, der letzte Nachfahre des alten Neus, hatte selbst keine Erben für das Weingut und wollte verkaufen. "Das sollte hier ein Wohnpark mit 26 Wohneinheiten werden, der Keller eine Tiefgarage", sagt Schmitt, "es war schon alles genehmigt." Buchstäblich in letzter Minute retteten die Schmitz' das Weingut – und starteten die Wiedererweckung des Kleinods. "Das Weingut lag im Dornröschenschlaf", sagt Schmitt.

Der 27 Jahre alte Bachelor der Internationalen Weinwirtschaft kam vor zwei Jahren als Betriebsleiter ins Weingut J. Neus. Seine Eltern haben ein kleines Weingut an der Ahr, "ich lebe Spätburgunder", sagt Schmitt. Im Team wollen sie nun die Neus'schen Weine zurück zu alter Größe und Strahlkraft bringen. Schon jetzt sind die Spätburgunder tiefrote Tropfen mit intensivem Beerenaroma, Holznoten und der reichen Mineralik der Muschelkalkböden. "Wir wollen die Spätburgunder wieder ins alte, glänzende Licht bringen", sagt Schmitt, "das hat das Weingut einfach verdient – dafür leben die Wände hier viel zu sehr Geschichte."

Über die Bloggerin

Die Journalistin Gisela Kirschstein lebt seit 1990 in Mainz und ist unter anderem für ihre Website Mainz& ständig auf der Suche nach spannenden Themen aus Mainz und Rheinhessen. 2015 gewann sie den internationalen Bloggers' Contest der Great Wine Capitals.

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