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Das Grün der Zitadelle Mainz

Luftbild mit Abgrenzung des GLB
© Landeshauptstadt Mainz

Kleinod für Tiere, Pflanzen und Menschen

Der Grünbestand der Zitadelle Mainz ist eine der artenreichsten Flächen im bebauten Bereich von Mainz. Die Flora und Fauna, die sich über Jahrzehnte auf Teilen der Zitadelle entwickelt hat, ist heute von unschätzbarem Wert: 447 Tier- und Pflanzenarten, darunter Vögel, Fledermäuse und Wildbienen leben hier. 66 Arten davon befinden sich sogar auf der Roten Liste, zum Beispiel Braunes Langohr, Langhornbiene, Zwerghirschkäfer, Eibe und Flockige Königskerze.

Insbesondere die Vogelwelt weist eine bemerkenswerte Artenzahl und zum Teil  hohe Brutdichten auf, die auf den naturbelassenen Gehölzbestand, das vermeintliche "Gestrüpp" zurückzuführen sind. 44 Vogelarten wurden hier schon beobachtet, zum Beispiel Mönchsgrasmücke, Klappergrasmücke, Singdrossel, Trauerschnäpper, Distelfink, Bluthänfling, Rotkehlchen, Buntspecht und Grünspecht. Besonders gerne nisten die Vögel in den Brombeerhecken, die Schutz vor Feinden bieten und reich verzweigt sind. Deren hohle Stängel dienen auch den Wildbienen als ganzjähriger Lebensraum.

Auch unscheinbare Pflanzen sind wertvoll: So können beispielsweise die Brennnesseln im Graben über 150 Insektenarten ernähren, darunter die Raupen von 50 Schmetterlingsarten. Einige Arten leben ausschließlich von der Brennnessel

Mauerabschnitt im Zitadellengraben
Mauerabschnitt im Zitadellengraben© Grün- und Umweltamt

Von sogar bundesweiter Bedeutung sind die Mauern der Zitadelle. Hier wurden über 170 Arten von Stechimmen wie z. B. Grabwespen und Wildbienen gefunden. Diese sind auf kleine Hohlräume in den Mauern als Niststätten (Legeröhren) angewiesen. Als Nahrung dienen ihnen andere an der Mauer lebende Insekten sowie vor allem der Bewuchs der Mauer mit Blütenpflanzen.

Diese krautigen Pflanzen wie z. B. Glockenblumen schädigen die Mauer nicht. Mauerschädigende Gehölze dürfen selbstverständlich ausgebaut werden.

Das Besondere ist auch das Alter der Zitadellenmauern, d. h. es handelt sich hier um seit Jahrhunderten ungestörte Lebensräume, die neben der Artenvielfalt vermutlich auch uralte Populationen und genetische Reservoirs der Arten beinhalten.

Die Mauern der Zitadelle zählen außerdem zu den landesweit bedeutendsten Moos-Biotopen.

Das Efeu schützt die Mauern an vielen Stellen vor der Verwitterung. Es ist immergrün und bietet der Tierwelt ganzjährig Deckung. Anders als andere Pflanzen blüht es später (ab September) und fruchtet früher und ist gerade in dieser sonst nahrungsarmen Zeit wertvoll. Die Efeu-Seidenbiene ist zur Aufzucht ihrer Brut ausschließlich auf Efeu-Pollen spezialisiert.

In den unterirdischen Gängen und Kasematten befinden sich Fledermäuse wie das Braune Langohr und die Wasserfledermaus. Andere Arten gesellen sich abends zur Jagd dazu. Sie fliegen z. B. den Bewuchs der Mauern ab und erbeuten Insekten, die durch die Blüten angelockt werden.

Für Ihre Bewohner sind das Grün und die Mauern der Zitadelle unersetzliche Lebensräume, die so im weiten Umfeld nicht mehr zur Verfügung stehen. Bei einem Verlust können ganze Lebensgemeinschaften zusammenbrechen.

Rechts: Schutz vor Wind und Wetter.
Mitte: Frisch entfernter Efeu, die Mauer dahinter ist intakt!
Links:
Efeu länger entfernt, die Mauer verwittert

Zudem dient der Grünbestand der Zitadelle als grüne Lunge der Innenstadt. Diese ist baulich von den Frischluftschneisen des Umlandes abgeriegelt. Das Zitadellengrün filtert die Luft und kühlt und befeuchtet das trocken-heiße Stadtklima bis in die Siedlungsbereiche hinein. Im Sommer kann man den erfrischenden Luftstrom aus dem Zitadellengraben spüren.

Ruhige Erholung direkt um die Ecke ist hier ebenfalls möglich, denn der Mensch ist eingeladen, auf den Wegen zu spazieren, sich zu erholen, zu beobachten, zu staunen und zu genießen. Naturnahes Grün wirkt gleichermaßen entspannend wie anregend. Es fördert nachweislich den Stress- und Aggressionsabbau ebenso wie die Steigerung von Konzentration und Kreativität.

Die hohe Wertigkeit des Zitadellengrüns führte 1986 zur Ausweisung des Grabens und eines Teils der Wälle als Geschützter Landschaftsbestandteil (GLB) nach § 29 Bundesnaturschutzgesetz. Eine Rechtsverordnung regelt seither die zulässigen Handlungen und Maßnahmen. Es ist nun letzter Rückzugsraum seiner Bewohner, denn außerhalb des GLBs wurde das Grün überwiegend gerodet.

Neue Verantwortung - die Zeit bleibt nicht stehen

Das Areal der Mainzer Zitadelle hat eine lange Geschichte. Zeitzeugen sind beispielsweise der Drususstein der Römer, Klosterrelikte aus dem Mittelalter, die Festungsanlage aus dem 17. Jahrhundert und Kasernengebäude aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Im Zweiten Weltkrieg wurden die unterirdischen Anlagen als Luftschutzräume von der Zivilbevölkerung benutzt.

Beim Bau historischer Anlagen wurde nicht das Ziel verfolgt, Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu schaffen. Erst im Lauf der Zeit entstanden hier Lebensräume, von denen es früher auch an anderer Stelle noch viele gab. Durch Nutzungsintensivierung und Bebauung werden naturnahe Lebensräume jedoch immer knapper. Deshalb kommen der Zitadelle heute neue Funktionen zu: So wie Flüchtlinge im Krieg die Luftschutzräume der Zitadelle nutzten, ist heute ihr Grünbestand Zufluchtsort bedrohter Tiere und Pflanzen.

Völlig ohne Bewuchs waren Festungsbauwerke ohnehin nicht. Im Belagerungsfall musste man sich vor Ort mit Nutzpflanzen versorgen, Dornenhecken und Kugelfangbäume dienten der Feindabwehr (vgl. Klaus Jordan, Grün in Festungen. Eine Literaturrecherche 1527 bis 1914, 2010). Und Forschungen der jüngeren Zeit belegen, dass der Bewuchs Denkmäler sogar schützen kann. So kann Efeu Mauern korsettartig zusammenhalten und sie vor Witterungseinflüssen schützen, Bäume können den Bauwerken mehrere Kubikmeter Wasser pro Tag entziehen und sie trocken halten (vgl. u. a. Ministerium für Bauen, Raumplanung und Umwelt, Abteilung Reichsgebäude, Niederlande zu fort Naarden, 2009).

Pilotprojekt "Ökologische Mauersanierung Zitadelle Mainz" und Gesamtkonzept Zitadelle

Naturschutz und Denkmalschutz sind gesetzlich zur gegenseitigen Berücksichtigung verpflichtet. Da die Zitadelle Mainz ein Denkmal mit bundesweiter Bedeutung ist, dessen Sichtbarkeit in gewissem Maße wiederhergestellt werden sollte, wurde in den letzten Jahren bereits rund die Hälfte des ehemaligen Grünbestandes entfernt.

Grundsätzlich ist ein Miteinander von Naturschutz und Denkmalschutz jedoch möglich. Hierfür bietet das Zitadellenareal mit einer Fläche von rund 10 Hektar und einer Mauerlänge von rund zwei Kilometern genügend Platz. Es kann Bereiche mit dem Schwerpunkt Naturschutz (zum Beispiel Zitadellengraben), dem Schwerpunkt Denkmalschutz (zum Beispiel Kommandantenbau und Vorfeld) und Kombinationen von Natur- und Denkmalschutz geben (zum Beispiel Glockenblumenbewuchs der Mauern, Grünbestand mit Sichtachse auf den Dom). Auch andere Städte wie zum Beispiel Nürnberg sind stolz auf dieses Miteinander: Lebensraum Burg

Wo das Mauerwerk der Sanierung bedarf, kann es Natur schonend erneuert werden. Im Rahmen des von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderten Projekts "Ökologische Mauersanierung Zitadelle Mainz" (2006-2009) wurde in Zusammenarbeit von behördlichen und ehrenamtlichen Vertretern des Natur- und Denkmalschutz ein Leitfaden erarbeitet, der sowohl denkmalpflegerische als auch ökologische Aspekte berücksichtigt, so beispielsweise die Brutzeiten der Vögel oder den Erhalt von unbedenklichem Bewuchs. Der Leitfaden ist verbindlich zu beachten. Mehrere Mauerabschnitte wurden seither entsprechend saniert.

Im Rahmen des auf Beschluss des Stadtrates Mainz zu erstellenden Gesamtkonzepts zur Zitadelle wird ab 2014 zudem die Integration stadtplanerischer, verkehrstechnischer und touristischer Belange erörtert. Auch hierbei gilt es, die herausragende Bedeutung des Grüns auf der Zitadelle zu bewahren und zu stärken.