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Rede des Oberbürgermeisters

Rede von Oberbürgermeisters Nino Haase aus Anlass des Gedenkens an den 81. Jahrestag des Bombenangriffs auf Mainz vom 27. Februar 1945

Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich, dass alljährlich so viele Menschen an unserer Gedenkveranstaltung teilnehmen.

Besonders herzlich möchte ich heute Zeitzeugen des schrecklichen Bombenangriffs und ihre Angehörigen begrüßen.
Ich begrüße

  • die Mitglieder des Bundestags und des Landtags,
  • des Stadtvorstands und des Stadtrates
  • sowie Vertreterinnen und Vertreter der Initiative St. Christoph, der Wirtschaft und unserer Berufsfeuerwehr.


Ich begrüße die Vertreterinnen und Vertreter der katholischen und der evangelischen Kirche, stellvertretend Dompräbendat Thomas Winter und Dekan Andreas Klodt, die im Anschluss gemeinsam ein Friedensgebet sprechen werden.

Und noch ein "herzliches Dankeschön" möchte ich aussprechen den Musikern des Peter-Cornelius-Konservatoriums unter Leitung von Herrn Rézmüves.

Sehr geehrte Damen und Herren,
der 27. Februar vor 81 Jahren markiert einen tiefen Einschnitt in der Geschichte unserer Stadt. An diesem Wintertag warf die britische Luftwaffe 1.500 Tonnen Bomben auf unsere Stadt. Historiker sprechen von einer halben Million Spreng- und Brandbomben. In nur 13 Minuten versank die 2.000 Jahre alte stolze, goldene Stadt in Schutt und Asche.

Die Überlieferungen zeichnen uns ein Bild des Grauens: Das Heulen der Sirenen, das Dröhnen der Flugzeuge, die Einschläge der Bomben, die Todesangst in den Kellern; die unzähligen Brände der Häuser, die metertiefen Bombenkrater. Und die vielen Toten, verbrannt auf offener Straße beim Versuch zu fliehen, begraben von den herabstürzenden Trümmern.

1.200 Menschen starben bei diesem Angriff auf unsere Stadt.
Dieses Bombardement auf Mainz – und auf viele andere deutsche Städte – war die Antwort der Alliierten auf den grausamen Krieg, den die Nazis zuvor in die Welt geschickt hatten. Und wenn um 16.30 Uhr die Glocken unserer Kirchen wieder schlagen, dann mahnen sie uns – zum Frieden und zum Achtgeben auf unsere Demokratie. Heute mehr denn je.

Sie mahnen uns, niemals wieder jenem nationalsozialistischen und menschenverachtenden Gedankengut Raum zu geben, das Europa verwüstet und unermessliches Leid auch über unsere Stadt gebracht hat.

Und sie erinnern uns daran, dass Frieden, Freiheit und Zusammenhalt keine Selbstverständlichkeit sind, sondern jeden Tag neu errungen und verteidigt werden müssen.

Meine Damen und Herren,
wir gedenken heute unserer untergegangenen Stadt.
Wir gedenken derer, die der Krieg genommen hat: an diesem Tag und an allen Tagen davor und danach; aus unserer Stadt – und aus den Städten der Welt.
Wir gedenken der Familien, die den Ehemann verloren, die geliebte Frau verloren, den Bruder, die Schwester – oder die Kinder. Der Krieg macht keine Unterschiede.
Unsere Gedanken sind bei denen, die verletzt und traumatisiert zurückblieben.
Ihrer aller Leid ist uns Mahnung.

Die Erlebnisse haben viele Augenzeugen in Notizen, Briefen oder Tagebüchern festgehalten. Die Bilder, der Lärm und die Gerüche der Zerstörung sind vielen nie mehr aus dem Kopf gegangen. Wer mit dem Leben davongekommen war, der suchte verzweifelt Halt auf den Trümmern seiner Heimat.

So auch Philipp Münch. Viele von Ihnen kennen Herrn Münch. Er hat bis ins hohe Alter an unserer jährlichen Gedenkveranstaltung teilgenommen. Vor wenigen Wochen ist Herr Münch gestorben.
Er war Zeitzeuge und zugleich einer der wichtigsten Chronisten unserer Stadt nach 1945. Die Bombennacht prägte ihn für sein ganzes Leben – und er machte es sich zur Aufgabe, das Erinnern wachzuhalten.

Über Jahrzehnte berichtete er Schülerinnen und Schülern, Bürgerinnen und Bürgern von seinen Erlebnissen. Mit seiner Kamera dokumentierte er das zerstörte Mainz ebenso wie den mühevollen Wiederaufbau. Seine Fotografien sind mehr als Bilder – sie sind ein visuelles Gedächtnis unserer Stadt.

Als Mitarbeiter der französischen Militärverwaltung und später als engagierter Kulturvermittler wurde er zu einem Brückenbauer der deutsch-französischen Freundschaft. Er verband Erinnerung mit Versöhnung, Geschichte mit Zukunft. Er war ein wertvoller Botschafter des europäischen Gedankens.

Mit seinem Tod hat Mainz nicht nur einen geschätzten Bürger verloren, sondern eine prägende Stimme der Erinnerungskultur. Heute wäre sein 96. Geburtstag gewesen. Ruhe in Frieden, Philipp Münch.

Verehrte Damen und Herren,
"Die Menschen bauen zu viele Mauern und zu wenige Brücken", soll Isaac Newton vor mehr als 300 Jahren gesagt haben. Es klingt erstaunlich aktuell. Nach vielen Jahrzehnten, in denen die Europäerinnen und Europäer Brücken gebaut haben, nach Jahrzehnten des Friedens und des Wohlstandes, nach Jahrzehnten, in denen wir Mauern und sogar einen Eisernen Vorhang eingerissen haben, scheint es heute so, als wollten nicht wenige Menschen die Brücken wieder einreißen. Und stattdessen lieber Mauern bauen. Mit Unverständnis erleben wir, wie neue Mauern in Köpfen entstehen, wie Nationalismus, Autokratie und Fremdenhass wieder Zuspruch finden.

Gerade deshalb ist der europäische Gedanke heute wichtiger denn je: Er steht für Verständigung statt Feindschaft, für
Zusammenarbeit statt Konfrontation, für das Versprechen, Konflikte nicht mit Waffen, sondern mit Worten zu lösen.

In schwierigen Zeiten, in denen alte Sicherheitsgarantien in Frage gestellt werden und das transatlantische Bündnis unter Druck gerät, ist der Zusammenhalt Europas wichtiger denn je. Kürzlich war eine Schülergruppe aus Frankreich zu Besuch in Mainz, mit der ich über Freundschaft und Verständigung zwischen Nationen gesprochen habe. Ihr Interesse und Engagement zeigen, dass der europäische Gedanke kein abstraktes Konzept ist, sondern im Alltag gelebt und weitergegeben werden kann. Sie erinnern uns daran, dass wir die Brücken der Verständigung immer wieder neu bauen müssen – so wie es Philipp Münch mit seinem Einsatz für die deutsch-französische Freundschaft vorgelebt hat.

Dieser Wunsch nach friedlichem Miteinander und Verständigung verbindet uns mit Menschen, die unter Krieg und Gewalt leiden.

So richten sich unsere Gedanken an die Menschen in unserer ukrainischen Partnerstadt Odessa.

Auch dort heulen Sirenen. Auch dort suchen Menschen Schutz in Kellern. Auch dort werden Häuser zerstört und Familien auseinandergerissen. Der russische Angriffskrieg bringt unendliches Leid, Angst und Zerstörung über unsere Partnerstadt – und das nun schon seit vier Jahren.

Wenn wir heute an Mainz 1945 erinnern, dann wissen wir: Krieg ist keine ferne Vergangenheit. Er ist bedrückende Gegenwart. Unsere Solidarität gilt den Menschen in Odessa – und allen, die unter Krieg und Gewalt leiden.

Verehrte Damen und Herren,
Im vergangenen Jahr hat mich eine Begegnung hier sehr bewegt: Nach der Gedenkveranstaltung kam eine Zeitzeugin auf mich zu, eine Dame aus Weisenau, sie war fastnachtlich gekleidet, denn Altweiber und Gedenken fielen genau auf einen Tag. Und da ist mir noch einmal klar geworden, welch wichtige Rolle die Fastnacht vor allem auch in den Nachkriegsjahren gespielt haben muss. Sie spendete Trost und Hoffnung – inmitten der Trümmer.

Und passend dazu will ich heute die eine Strophe aus dem Lied Heile heile Gänsje zitieren, die wir alle kennen und uns doch viel zu selten bewusst machen:
Ich zitiere:
"Wär ich einmal der Herrgott heut, Dann wüßte ich nur eins: Ich nähm´ in meine Arme weit Mein arm´, zertrümmert Mainz Und streichelte es sanft und lind Und sagt: „Hab nur Geduld. Ich bau dich wieder auf geschwind,
Du warst ja gar nicht schuld. Ich mach´ Dich wieder wunderschön, Du kannst, Du darfst nicht untergehen."

Mainz ist nach 1945 wiederaufgebaut worden – mit unvorstellbarer Kraftanstrengung, mit Zusammenhalt, mit Mut. Besonders die vielen Frauen, die Trümmer räumten und den Neubeginn wagten, haben Geschichte geschrieben.

Dieser Wiederaufbau war nicht nur eine bauliche Leistung, sondern verbunden mit einem Neuanfang für Demokratie, Menschenrechte und Völkerverständigung.

Die Ruine von St. Christoph steht bis heute als Mahnmal in unserer Stadt. Sie ist Sinnbild der Wucht der Zerstörung – aber auch inzwischen Sinnbild dafür, wie durch behutsame Sanierung und Modernisierung ein Ort eine ganz neue würdevolle Ausstrahlung, ja fast schon "Aura" bekommen kann.

Diese Aura lassen seither mehr und mehr Mainzerinnen und Mainzer, aber auch zunehmend Gäste aus aller Welt auf sich wirken. Sie informieren sich dabei über das alte Mainz und über die Zeiten von Diktatur und Krieg. Und halten gleichzeitig inne auch jenseits unseres alljährlichen gemeinsamen Gedenkens.
Dank des Engagements vieler Bürgerinnen und Bürger ist hier ein Raum entstanden, der Erinnerung und Verantwortung miteinander verbindet. Mein Dank geht hier vor allem an die Initiative St. Christoph.

Wenn wir heute, meine Damen und Herren, an die Geschichte des Bombenkrieges in unserer Stadt erinnern, dann erinnern wir an beides: an das Leid der Menschen in Mainz und an das Leid, das Deutsche anderen zugefügt haben. Wir vergessen nicht.

Es waren Deutsche, die diesen grausamen Krieg begonnen haben, und es waren schließlich Millionen Deutsche, die ihn führten – nicht alle, aber doch viele aus Überzeugung. Es waren die Nationalsozialisten, die den Massenmord an den Jüdinnen und Juden unserer Stadt, unseres Landes und in ganz Europa begangen.

Erinnerung ist ohne Wahrheit nicht möglich. Und Erinnerung verpflichtet.

Wir sehen in unserem Land politische Kräfte, die die Geschichte vergessen oder absichtlich umdeuten und die Wählerinnen und Wähler manipulieren. Wer wider besseres Wissen historische Fakten verfälscht, dem müssen wir als Demokratinnen und Demokraten die Stirn bieten, dem müssen wir laut und entschieden widersprechen!

Das tun wir in Mainz. Wir schaffen Erinnerungsstätten und fördern Erinnerungskultur: mit unserem neuen Besuchszentrum Jüdischer Friedhof, mit inzwischen fast 344 Stolpersteinen in unserer Stadt, mit dem Gedenkort Deportationsrampe – um nur einige Beispiele zu nennen.

Unsere Demokratie braucht Menschen, die für sie einstehen. Daher will ich alle Mainzer Bürgerinnen und Bürger aufrufen, Flagge zu zeigen, bei Kundgebungen und Demonstrationen in der Stadt, aber auch in vielen Gesprächen im Freundeskreis, im Verein, im Beruf.

Die Demokratie stärken können Sie alle am 22. März. Darum rufe ich alle Mainzerinnen und Mainzer auf: Gehen Sie wählen. Zeigen Sie Haltung. Lassen Sie nicht zu, dass Gleichgültigkeit stärker wird als Verantwortung. Jede Stimme für Demokratie ist eine Stimme gegen Hass, gegen Ausgrenzung und gegen das Vergessen.

Verehrte Damen und Herren, lassen Sie uns zusammenhalten und für Frieden und das Miteinander einstehen.

Im Gedenken an die Toten der Bombardierung von Mainz am 27. Februar 1945 sowie der vorangegangenen Luftangriffe legen wir nun hier, in der Ruine von St. Christoph und am Mahnmal gegen den Krieg, einen Kranz nieder.
Wir halten damit unsere Trauer lebendig und bewahren die Erinnerung an die Toten in unseren Herzen.

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