Inhalt anspringen

Wiedergutmachung von nationalsozialistischem Unrecht - die Nachfahren des jüdischen Mainzers Siegmund Levi besuchen das Stadtarchiv

Ansicht von Mainz von Pater Conrad 1801
Aus der Sammlung Levi: Ansicht von Mainz von der Mainmündung her gesehen 1801

Am Samstag, den 15. Juni 2024, öffnete das Stadtarchiv Mainz seine Türen für besondere Besucher, die Familie Levi aus Minnesota, USA. Der Leiter des Stadtarchivs, Prof. Dr. Wolfgang Dobras, und sein Stellvertreter, Dr. Frank Teske, zeigten den Levis Objekte, die ein Teil ihrer Familiengeschichte sind. Denn das Stadtarchiv bewahrt seit 80 Jahren Kunstgegenstände aus der Sammlung des Urgroßvaters von Pablo Levi auf. Doch diese Objekte sind in der NS-Zeit zwangsweise abgetreten worden.

Ansicht der Dom-Kirche zu Mainz von der Südseite
Aus der Sammlung Levi: Blick vom Leichhof auf Dom um 1840

Der Urgroßvater von Pablo Levi ist der 1864 in Mainz geborene Siegmund Levi, der aus einer bekannten jüdischen Mainzer Familie stammte. Wie sein Vater, der Rechtsanwalt und Stadtverordnete Dr. Bernhard Levi, ergriff auch Siegmund den Beruf des Rechtsanwalts. Privat interessierte er sich für Kunst und die Geschichte seiner Heimatstadt Mainz. Als erfolgreicher Rechtsanwalt konnte Levi eine wertvolle Kunstsammlung aufbauen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Siegmund Levi aus seinem Leben als geachtetes Mitglied der Mainzer Gesellschaft herausgerissen. Er erhielt Berufsverbot und in den folgenden Jahren musste er seine Kunstsammlung zu Spottpreisen abstoßen. In dieser Zwangslage verkaufte er auch dem Stadtarchiv Gemälde und Zeichnungen. Sein Sohn Richard flüchtete 1938 nach Südamerika. Siegmund Levi lebte zuletzt allein im jüdischen Altersheim in Frankfurt am Main. Am 18. August 1942 wurde der Achtundsiebzigjährige schließlich von den Nationalsozialisten ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Durch Hunger und Krankheit geschwächt, starb er am 2. Februar 1943.

Nach 1945 wurde im Nachkriegsdeutschland eine gesetzliche Grundlage für die Rückgaben von Kunstgegenständen bei Enteignungen und Notverkäufen geschaffen, doch unterblieb eine systematische Suche nach NS-Raubkunst. Erst mit der Washingtoner Erklärung 1998 begannen Museen und Kunstsammlungen gezielt in ihren Beständen nach Raubkunst zu suchen. Das Landesmuseum Mainz untersucht seit Jahren die Herkunft seiner Bestände. Im Zuge der Provenienzforschungen entdeckte man Spuren der Kunstsammlung von Siegmund Levi in der eigenen Sammlung und in der Sammlung des Stadtarchivs. Im Zugangsbuch des Archivs sind die Käufe vermerkt, die Objekte beschrieben. Mit Hilfe dieser Notizen war es nun möglich, drei Gegenstände aus der Sammlung Levi zu identifizieren. Es handelt sich um ein Gemälde aus dem 18. Jh. mit einer Ansicht von Mainz, eine Zeichnung des Doms und einen Stadtplan von 1735.

gezeichneter und aquarellierter Plan der Stadt und der Festung Mainz
Aus der Sammlung Levi: Plan et Environs de Mayence 1735

Das Stadtarchiv wird die Objekte an die Familie Levi restituieren. Für die Familie wird damit ein Teil ihrer Familiengeschichte zurückkehren. In ihrer Wohnung in Minnesota haben sie schon eine Wohnzimmerwand für die Bilder reserviert, als Erinnerung an ihre alte Heimat, die Stadt Mainz am Rhein.

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

Sprachauswahl

Schnellsuche