Inhalt anspringen

Rede des Oberbürgermeisters

Rede des Oberbürgermeisters Nino Haase aus Anlass der Verleihung der Stiftungsprofessur an Prof. Dr. Dr. h.c. Volker Mosbrugger.

Verehrte Damen und Herren, "Wohin treibt unsere Welt in Unordnung?" Professor Volker Mosbrugger eröffnet seine Stiftungsprofessur und Vorlesungsreihe mit einer Frage, die aktueller nicht sein könnte.

Wohin treibt unsere Welt in Unordnung? Diese Frage beschreibt ein Lebensgefühl, ja eine Lebenssorge, unserer Zeit. Viele Menschen haben den Eindruck, dass die Welt aus den Fugen geraten ist; dass sie ungeordneter, widersprüchlicher und unübersichtlicher ist als in früheren Jahrzehnten.

Die globalen Krisen, die Kriege, die Folgen des Klimawandels, die wirtschaftlichen Unsicherheiten und der rasante technologische Wandel überfordern die Menschen in ihrer Orientierung.

Genau hier beginnt die Aufgabe von Wissenschaft und öffentlicher Debatte: Zunächst die Unordnung in ihrer Komplexität zu beschreiben, greifbar zu machen, Zusammenhänge sichtbar zu machen – und Antworten oder zumindest Prognosen für die Gesellschaft zu geben.

Voller Stolz und Freude darf ich Ihnen heute eine Persönlichkeit vorstellen, die genau diese Verbindung von Wissenschaft und gesellschaftlicher Verantwortung feiert: Prof. Dr. Dr. h.c. Volker Mosbrugger.

Mit dem Inhaber der 26. Johannes-Gutenberg-Stiftungsprofessur ehren wir heute einen renommierten Erdsystemwissenschaftler, Geologen und Biologen, hochgeschätzt und anerkannt – national und international. Seien Sie uns herzlich willkommen in Mainz!

Sie, lieber Herr Professor Mosbrugger, widmen sich bei der Betrachtung unserer Welt in Unordnung der "Total History" –
einem ganzheitlichen, interdisziplinären Ansatz zur Geschichte der Erde, des Lebens und der Menschheit.

Sie unterteilen Geschichte nicht mehr in getrennte Kapitel, nicht in Erdgeschichte, Menschheitsgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Naturgeschichte – sondern denken sie alle in einem einzigen zusammenhängenden Narrativ.

Ein Narrativ, in dem ein Vulkanausbruch vor Millionen Jahren, die Evolution eines Blattes, die Industrialisierung Europas und die globalen Krisen unserer Gegenwart nicht getrennte Geschichten sind – sondern Kapitel ein und desselben Buches.

Was Ihre Arbeit dabei besonders macht, ist der konsequente Blick auf Zusammenhänge. Sie fragen nicht nur: Was passiert? Sondern: Warum passiert es? Und vor allem: Wie hängt es mit allem anderen zusammen?

Das Total-History-Denken hat im Kern fast eine poetische Wahrheit: Alles hängt mit allem zusammen!

Diese Einsicht ist keineswegs neu. Schon Denker wie Johann Wolfgang von Goethe oder Alexander von Humboldt haben sie formuliert. Doch in unserer heutigen, hoch spezialisierten Welt ist sie verloren gegangen.

Wir denken allzu oft in Disziplinen, in Sektoren, in Ressorts. Wir handeln in Zuständigkeiten. Und wir analysieren Probleme isoliert. Wie können wir also unsere Welt in Unordnung besser verstehen? Und können wir ein System entwickeln, in dem sich Humankapital, produziertes Kapital und Naturkapital gemeinsam entfalten?

Auf Ihre Antworten in Ihrer Vorlesungsreihe, lieber Herr Stiftungsprofessor Mosbrugger, sind wir alle sehr gespannt. Und ich bin sehr froh – wenn ich Ihre Ankündigungen richtig gelesen habe – dass Sie uns nicht auf ein Endzeit-Szenario vorbereiten wollen, sondern leisen Optimismus mitbringen.

Sie greifen dabei ein Diktum von Max Frisch auf. Das lautet: "Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.
Das ist eine Einladung zum Perspektivwechsel. Eine Einladung, die wir dankend und voller Erwartung annehmen.

Verehrte Damen und Herren, werfen wir einen Blick auf den wissenschaftlichen Weg von Prof. Mosbrugger, wird schnell deutlich: Hier hat sich jemand nie mit einfachen Antworten zufriedengegeben. Vom Studium der Biologie, Chemie, Meeresbiologie und Geowissenschaften in Freiburg und Montpellier über Professuren in Tübingen und Frankfurt bis hin zur langjährigen Leitung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung: Dieser Werdegang ist geprägt von einem konsequenten Streben nach wissenschaftlicher Exzellenz und interdisziplinärer Forschung.

Professor Mosbrugger hat Institutionen geleitet, Forschungszentren mitbegründet, internationale Programme initiiert und wissenschaftliche Netzwerke aufgebaut, die von weltweitem Ruhm sind.

Wissenschaftskommunikation war für Sie, lieber Professor Mosbrugger, immer von großer Bedeutung – und ist es heute noch.

Ob in Ihrer Arbeit für die Polytechnische Gesellschaft, im Königsteiner Forum oder in zahlreichen Forschungsinitiativen – Sie verstehen Wissenschaft nicht als Selbstzweck, sondern als gesellschaftlichen Auftrag.

Sie bringen Erkenntnisse in den öffentlichen Diskurs. Sie fördern Dialog statt Abgrenzung. Und Sie zeigen, dass Wissenschaft Orientierung geben will und kann.

Ich bin überzeugt: Diese Stiftungsprofessur wird weit über die zehn Vorträge hinauswirken. Sie wird Diskussionen anstoßen. Sie wird Perspektiven verändern. Und sie wird dazu beitragen, dass wir unsere „Welt in Unordnung“ ein Stück besser verstehen.

Lieber Herr Prof. Mosbrugger, die Berufung auf die Stiftungsprofessur ist eine Auszeichnung. Auf sie werden Persönlichkeiten berufen, die sich durch die Bedeutung ihrer Arbeit für Wissenschaft und Gesellschaft hervortun. Und die mit großem Engagement die Erkenntnisse der Wissenschaft in die Gesellschaft tragen. In beidem gehören Sie zu den herausragenden Forschenden unserer Zeit.

Die Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur ist damit eine einzigartige Institution und ein großes Glück für uns Mainzerinnen und Mainzer. Denn sie bringt jedes Jahr aufs Neue die Botschafterinnen und Botschafter der Wissenschaft und die Bürgerinnen und Bürger zusammen. Das ist in einer Welt, die auf Wissenschaft aufbaut, in der stetig neue Erkenntnisse unser Leben und unser Bild der Dinge erweitern, unerlässlich. Die Stiftungsprofessur ist ein Aushängeschild unserer Universitäts- und Hochschulstadt. Sie ist ein Aushängeschild der Wissenschaft vor den Bürgerinnen und Bürgern. Und sie ist aus bürgerschaftlichem Engagement entstanden.

Ich danke deshalb, lieber Herr Rittgen, herzlich den „Freunden der Universität“ dafür, dass sie uns diese Stiftungsprofessur geschenkt haben, die jedes Jahr aufs Neue ein Thema wählt, das uns Einblicke in die Vielfalt der Wissenschaft und des Wissens gibt.

Und ich danke, lieber Herr Professor Krausch, herzlich der Johannes Gutenberg-Universität und natürlich der Stiftung selbst. Ohne Ihrer aller Einsatz zum Wohle von Universität, Stadt und Region wäre eine so hochkarätige Gastprofessur mit Strahlkraft über unsere Stadt hinaus undenkbar.

Ein Blick in die Ahnenreihe der Stiftungsprofessur, die nun auch Ihre ist, sehr geehrter Herr Prof. Mosbrugger, verrät, welches Renommée der Professur von Anfang an zukam. Im vergangenen Jahr war es die Primatenforscherin und Kognitionswissenschaftlerin Prof. Julia Fischer, die uns auf eine Reise in die Affengesellschaft mitgenommen hat, eine Reise zu Ursprung und Entwicklung von Beziehungen, Interaktion, Intelligenz und Sprache.

Davor konfrontierte Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert uns mit Fragen zu den Grenzen des medizinisch und technologisch Machbaren – und den Grenzen des Wünschbaren für die Gesellschaft und das Individuum.

Auch der Kirchenhistoriker Hubert Wolf, der uns die Türe zu den geheimen Archive des Vatikans geöffnet hat, Meeresforscherin Antje Boetius, Joachim Gauck, der KI-Forscher Wolfgang Wahlster, die Neurowissenschaftlerin Angela Friederici und Hans Dietrich Genscher stehen in der Ahnenreihe. Die kleine Auswahl zeigt die Bedeutung und die thematische Breite der Stiftungsprofessur.

In diesem Sommersemester freuen wir uns nun auf Ihre Vorlesungsreihe, in der Sie mit ihren Zuhörerinnen und Zuhörern die Frage verfolgen und diskutieren, wohin unsere "Welt in Unordnung" treibt.

Sehr geehrter Herr Professor Mosbrugger, bevor ich Sie gleich bitte, sich in das Goldene Buch unserer Stadt Mainz einzutragen, erlauben Sie mir eine kleine Anmerkung mit Augenzwinkern.

Wenn Sie in Ihren Lesungen die Welt in Unordnung betrachten, dann ist es gut, dass sie dies von Mainz aus – mit Blick in die Welt da draußen – machen. Denn mit Stolz will ich als Oberbürgermeister sagen: Ganz so ungeordnet ist die Welt hier bei uns dann doch nicht.

Mainz ist eine über 2.000 Jahre alte Stadt mit prägender Geschichte, auf die wir sehr stolz sind: eine Stadt mit Wurzeln und Zukunft, mit Dynamik, mit florierender Wirtschaft, renommierter Wissenschaft und feiner Kultur, mit Internationalität und einem ausgeprägten Sinn für Gemeinschaft. Eine Stadt, die ihre Vielfalt lebt – und die weiß, dass Zusammenhalt nicht von selbst entsteht, sondern täglich gestaltet wird.

Oder anders gesagt: Die Welt mag vielerorts in turbulenter Bewegung und auch in Unordnung sein – aber in Mainz gelingt es uns im Alltag ganz gut, sie zusammenzuhalten. Was uns hilft, ist das besondere "MainzGefühl". Ich lade Sie herzlich ein, diesem Phänomen während Ihrer Zeit als Stiftungsprofessor in der Stadt näher auf den Grund zu gehen.

Herzlich willkommen in Mainz, verehrter Herr Prof. Mosbrugger!

Erläuterungen und Hinweise

Sprachauswahl

Schnellsuche